Harun Farocki im Kunsthaus Bregenz

Ernste Spiele

Jörg Scheller
23. November 2010

Harun Farocki: „Weiche Montagen/Soft Montages“ – Kunsthaus Bregenz. Vom 23. Oktober 2010 bis 9. Januar 2011

Es ist noch gar nicht so lange her, da liefen Harun Farockis Filme vor allem im Programmkino, im Fernsehen und auf Filmfestivals. Mit seinem Nicht löschbaren Feuer zeigte er 1969 auf provokant nüchterne Weise die Wirkung von Napalm, für Ein Bild (1983) beobachtete er scheinbar unbeteiligt die „Zurichtung“ (Farocki) eines Models bei einem Playboy-Fotoshooting. Flugs verbuchte man ihn als politischen Filmemacher der 68er-Generation. Seit den 1990er-Jahren aber interessiert sich auch die Kunstwelt zunehmend für das Werk des 1944 im tschechischen Neutitschein geborenen Regisseurs, Autors und Uni-Dozenten. Farocki in der Londoner Tate Modern, Farocki im Kölner Museum Ludwig, Farocki im Pariser Jeu de Paume, Farocki auf der documenta in Kassel – die Museen, so scheint es, wollen mal wieder einen „Außenseiter“ ins Kunstsystem eingemeinden.

Farockis Werk ist jedoch kein Readymade, das wie Duchamps Urinal aus seinem ursprünglichen Kontext verschleppt wurde. Farocki gehört auch nicht zur Riege der wortgewaltigen Kunstforscher, deren ästhetisches Werk weit hinter den theoretischen Bezügen zurück bleibt, wie etwa Olafur Eliasson. Noch viel weniger instrumentalisiert er Kunst als bloße Trägerin einer politischen Botschaft. In der bislang umfangreichsten österreichischen Überblicksausstellung zu Farocki im Kunsthaus Bregenz wird klar, dass sein später Siegeszug durch den White Cube einer gewissen Logik folgt. Nicht, weil die Massenmedien systemkritische Stimmen gerne ignorieren und das Kunstsystem deshalb die letztmögliche Bühne für Unzeitgemäße wie ihn ist. Sondern, weil Farockis Arbeiten eine eigenständige Ästhetik besitzen, die weder dokumentarisch noch illustrativ ist.

Aufgebaut ist die Ausstellung in Hegel’scher Strenge, die bekanntlich aus systematischen Dreierschritten besteht: Erster Stock Krieg, zweiter Stock Arbeit, dritter Stock Sport. Alles beginnt wie im Action-Film – mit Schüssen und Explosionen. Für die im ersten Stock präsentierte Serie Ernste Spiele (2010) durfte Farocki auf schwer zugänglichen Arealen der US-Armee filmen. Allein das Ausgangsmaterial beschafft zu haben, muss ein Kunststück gewesen sein. Die Videoinstallationen zeigen unter anderem Soldaten des US-Marine-Corps bei Manövern in einer grotesken kalifornischen Containerstadt und bei computersimulierten Panzerfahrten durch Afghanistan – die Verteidigung der westlichen Welt findet eben nicht nur am Hindukusch statt, wie der deutsche Außenminister Peter Struck einmal meinte, sondern auch mit Mausklicks am Bildschirm. Aber wo beginnt der „reale“ Krieg, wo endet der „virtuelle“? Gibt es überhaupt eine Grenze? Und wo genau verläuft die Schneise zwischen Mensch und Maschine, wenn die sogenannten intelligenten, mit Bildverarbeitungsprogrammen ausgestatteten Waffensysteme aus Farockis Zyklus Auge/Maschine I/II/III (2000-2003) den menschlichen Sehapparat übertreffen?

Es zeichnet Farocki aus, dass diese Fragen nicht in Begleittexten aufgeworfen werden müssen, um greifbar zu werden. Anstatt einen Diskurs zu illustrieren, begründet er mit vordergründig einfachen Mitteln wie Doppelprojektionen und Montagen einen ästhetischen Diskurs, eine Kunst des visuellen Kommentars: auf die Bilderwelt der elektronischen und digitalen Medien, auf den „militärisch-industriellen Komplex“ (Dwight D. Eisenhower), auf die Kanäle zwischen Kapitalismus, Krieg und Entertainment. Die 12-Kanal-Videoinstallation Deep Play im dritten Stock etwa, die bereits auf der documenta 12 zu sehen war, zeigt das WM-Endspiel von 2006 als Schlacht-, Manipulations- und Kontrollplan: Es geht um die Bildstrategien hinter den Bildern, um Überwachungskameras, computergenerierte Spielanalysen, Videoanimationen des Geschehens.

Gerade die typischen Doppelprojektionen aber fordern den Betrachter auf, selber den Zusammenhang zwischen dem Gezeigtem zu suchen, wie bei einem Diptychon. So filmt Farocki in der 2-Kanal-Videoinstallation im ersten Stock Ernste Spiele III: Immersion Ziviltherapeuten, die Armeetherapeuten in der Behandlung traumatisierter US-Soldaten unterrichten - jeweils ein Therapeut nimmt die Rolle des Patienten ein. Mit Hilfe des Computerprogramms „Virtual Iraq“ und einer Datenbrille wird letzterer in ein Kriegsszenario versetzt, das ihn erneut mit seiner Angst konfrontieren soll. Links zeigt Farocki die Simulation, rechts den Therapeuten mit Datenbrille. Einer simuliert den Traumatisierten so überzeugend, dass sich mit Jean Baudrillard fragen lässt: „Jemand, der eine Krankheit fingiert, kann sich einfach ins Bett legen und den Anschein erwecken, er sei krank. Jemand, der eine Krankheit simuliert, erzeugt an sich eigene Symptome dieser Krankheit. Ist ein Simulant, also jemand, der wahre Symptome produziert, krank oder nicht?“

Im zweiten Stock wird weder geschossen noch simuliert, sondern gearbeitet. Die 2-Kanal-16-mm-Filminstallation Vergleich über ein Drittes von 2007 thematisiert die Ziegelsteinherstellung auf dem afrikanischen, asiatischen und europäischen Kontinent. Unwillkürlich ordnet man die Produktionsweisen unterschiedlichen Epochen zu: die traditionellen Verfahren Afrikas der Urzeit, die arbeitsteiligen Verfahren Indiens der Neuzeit, die industriellen Verfahren Europas der Moderne. Tatsächlich findet alles zur gleichen Zeit statt. Mit einem einfachen Handgriff dekonstruiert Farocki den Mythos vom globalen Synchronzeitalter. Mag sein, dass die Welt homogener wird. Doch sie ist es längst noch nicht.

In der von Kurator Rudolf Sagmeister wieder einmal souverän ausgerichteten Bregenzer Überblickschau wird vor allem eines deutlich: Farocki kommt der seltene Verdienst zu, Alarmismus und Ernüchterung, distanzierte Analyse und Engagement zu einem „Ernsten Spiel“ jenseits kulturkritischer Klischees verschmolzen zu haben. Wer glaubhafte Kritik üben will, so könnte man ihn paraphrasieren, der muss durch das Fegefeuer der „Banalität des Bösen“ (Hannah Arendt) schreiten. Er muss ein knochentrockenes Studium der Produktionsprozesse, der Bild- und der Machttechnologien absolvieren, das jeder revolutionäre Romantiker empört von sich weisen würde. Es ist, als solle der extra für die Ausstellung ausgerollte, nach Abgeklärtheit und Desillusion muffelnde graue Teppich im ersten Stock genau auf diesen Umstand verweisen. Wer sich indes mit einem Gang durch die Vergangenheit Farockis begnügen möchte, für den hält Bregenz eine Besonderheit bereit. In die Ausstellung wurde ein Filmarchiv integriert, das 25 zum Teil schwer erhältliche Filme aus den Jahren 1969 bis heute zeigt – genau 25 Gründe mehr, nach Bregenz zu fahren.


Weitere Artikel von Jörg Scheller


Feedback abgebenFeedback abgeben
Artikel druckenArtikel drucken