Hans-Jürgen Hafner kuratiert in der Galerie SixFriedrichLisaUngar, München

Ästhetische Widergänger (sic!)

Daniela Stüppel
23. Mai 2005
Wenn Minimal-Trash auf Pop-Formalismen trifft, sparsame Ironie auf Bombast-Szenarien prallt und sich scheinbar Gefälliges an harter Sprödigkeit reibt, dann ist dies im Fall der jüngst von Hans-Jürgen Hafner kuratierten Gruppenausstellung dead / undead Programm. Widersprüchliches und Widerständiges der letzten Jahrzehnte verdichtet sich dort zu einem klaren Bild vom künstlerischen Retro-Mechanismus, der jenseits von Zitatebene oder ironischer Gebrochenheit operiert, sondern „retro" als ein Wiedergängertum der Formen und Inhalte zelebriert. Bildformeln behaupten sich hier kraft ihrer Visualität, ohne erst lange nach ihrer Berechtigung zu fragen.

Die Protagonisten dieses Zwischenreichs der toten und untoten Bilder sind zum Teil Künstler, die man ehedem gern als "postmodern" bezeichnet hat – so wie Lynda Benglis, Robert Longo oder auch die Elektro-Bombast-Recken Laibach. Longo schafft mit seinen düsteren Bronzegüssen das adäquate Sinnbild einer monströs gewordenen Gesellschaft, als deren eindringlichste Metapher der Zombie sein erstes Comeback erlebte. Ebenso gaben Laibach in den 1980ern und frühen 1990ern ein bewusst überzeichnetes Bild, indem sie mit ihren faschistoiden Bühnenshows nicht mehr nur Persiflage ablieferten, sondern formalästhetisch ernst machten. Die schwulstig wabernden Farbmassen-Ergüsse von Benglis hingegen verschlingen den Mythos vom authentischen – männlichen – Schöpfungsgestus, indem die Produktivität des Materials alles zu überformen scheint.

Des Weiteren rekrutiert die Ausstellung jüngere Künstlerinnen und Künstler wie Markus Selg, Svenja Kreh oder Gert und Uwe Tobias. Ihre Neigung zum Düsteren, zu Gothic und Fantasy sowie zum Archaisch-Primitiven schlägt trotz motivischer Nähe zu Longo einen anderen, weniger aufklärerischen Ton an. Burgromantik und Heldensaga werden dabei mit theatralischer Geste zu grotesken Splatter-Fantasien übersteigert, deren Fiesheit aber formelhaft bleibt. Daneben erweisen sich die ins Abgründige verzerrten Abstraktionen von Hans-Jörg Dobliar als subtile Metaphern des Schreckens und des Übernatürlichen. Es ist vor allem die Konfrontation von Gothic-Trash-Attitüde mit eher formalistisch agierenden Künstlern, die eine bemerkenswerte Tiefgründigkeit in die Ausstellung bringt. Anselm Reyles mit silbernem Sprühlack veredelter Strohballen beispielsweise rekurriert offensichtlich auf Warhols "versilberte" Factory-Wände, treibt jedoch den Gedanken des "Aufpolierens" durch die Verwendung des höchst ephemeren Materials Stroh auf die Spitze.

Eine gewisse linkische Boshaftigkeit ist auch anderen Arbeiten zu Eigen, die man auf den ersten Blick – verharmlosend – als rein formalistisch ansehen könnte: So wäre es zu kurz gegriffen, die Arbeiten von Jens Wolf, Katja Strunz oder Wade Guyton lediglich in einer "modernistischen", da abstrakten, Traditionslinie der Avantgarden oder des Minimal zu sehen. Als kritische Auseinandersetzung mit der semantischen Produktivität rein formaler Elemente findet hier ein akribisches Arbeiten an der Oberfläche, am Schein, an der Konstitution von Bedeutung statt. Faltung, Riss und Farbstreifen werden zu aufgeladenen Verweisen; metallischer Glanz, Sottsass'sches Wurzelholz oder rauher Nessel ziehen ganze Rattenschwänze an künstlerischer Sinngeschichte hinter sich her. In diesem Zusammenhang sind auch Heimo Zobernigs Arbeiten zu sehen, die zunächst wenig mit der in der Ausstellung skandierten 80er-Jahre-Ästhetik zu tun haben. Ihre Glattheit entpuppt sich als professioneller Sarkasmus, als konzeptuelle Bodenschlinge, in der sich unsere Erwartungshaltung verfängt, sobald wir das Kunstwerk als Konstrukt entlarvt haben.

Die Brisanz der Ausstellung erwächst vor allem aus dem Aufeinanderprallen unterschiedlicher Ästhetiken. Dieser Clash kommt dabei beiden Tendenzen, sowohl der formalistischen als auch der fantastischen, visuell wie theoretisch zugute und macht deutlich, dass man sich nach wie vor an den zentralen Fragen des Kunstschaffens abarbeitet. Und aus Zombiefilmen ist ja hinlänglich bekannt: Wiedergänger sind zäh, also immer schön draufhalten...

Noch bis zum 17. Juni 2005 in der Galerie SixFriedrichLisaUngar, Steinheilstr. 19, 80333 München. Ab dem 29. Juni 2005 wird die Ausstellung in neuer Formation und unter dem abgeänderten Titel unburied / reburied im kunstbunker nürnberg e.V. zu sehen sein.


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