13. Februar 2008
Hans Ulrich Reck: „Der Eigensinn der Bilder. Bildtheorie oder Kunstphilosophie?“, Wilhelm Fink Verlag, Frankfurt am Main 2007. 284 Seiten. 27,90 EuroDie rhetorische Frage im Titel des Buches beantwortet Hans Ulrich Reck umgehend auf Seite 11: „Nur kunstphilosophisch, nicht schon bildtheoretisch kann der Eigensinn der Bilder in seiner ganzen Tragweite erfasst werden“, denn „an der Eigensinnigkeit der Bilder endet jede wissenschaftliche Paradigmatik und beginnt die Leidenschaft der Kunst, erst recht die Leidenschaftlichkeit im Umgang mit ihr.“ Nicht dass damit alle Rätsel gelöst wären, aber eben doch ein guter Teil der im Titel gestellten Frage. Mit der so erklärten Leidenschaftlichkeit reitet Reck durch das ganze Buch. Das hat die unangenehme Folge, dass fast durchgehend derselbe herrische und selbstgewisse Tonfall regiert. Der Autor hat alles schon immer richtig beieinander und ergeht sich in einer Sprache, die nicht eigentlich etwas zur Diskussion stellt oder zum Denken auffordert, sondern so, als hätte er alles der Sekretärin diktiert und suchte im Leser lediglich den ergebenen Hörer. Nicht zuletzt dieser unschönen Eigensinnigkeit ist es geschuldet, dass Reck in Fachkreisen wie auch beim weiteren Publikum nie die Beachtung gefunden hat, die er vielleicht verdienen würde.
Es erfordert eine gewisse Mühe, sich von dem Stil des Autors frei zu machen, um unvoreingenommen nachzuvollziehen, was gesagt wird. Dabei lohnt es sich. Die Zielrichtung ist klar vorgegeben. Reck möchte, zusammen mit der Kunst in ihrer übergeordneten kritischen Position gegenüber den Bildern, den Vorrang der Kunstgeschichte und -philosophie gegenüber jeder denkbaren Bildwissenschaft bekräftigen. Er lässt kaum einen theoretischen Standpunkt aus, um das Fundament für seine Thesen zu legen. Seine Tour de Force durch die philosophischen Hintergründe führt über MauriceMerleau-Ponty, HorstBredekamp, OlafBreidbach, Jean-PaulSartre, JeanPiaget, NelsonGoodman, PierreBourdieu, MaxImdahl, GottfriedBoehm, KlausSachs-Hombach und immer wieder zurück zu Reck, Reck, Reck. Um Thesen wie um Material ist der Autor nie verlegen, nur geht er auf seinem Weg nicht geradeaus voran, sondern sammelt auf, was sich am Rand und auch auf Umleitungen noch alles an Wichtigem oder nur Naheliegendem finden lässt.
Reck nimmt eine modernistische Position ein. Er setzt die Verweigerung des Künstlers gegen den plebejischen Glamour der Warenwelt, die Kraft der Avantgarden gegen die Vereinnahmung durch den globalen Kapitalismus und die Komplexität künstlerischer Strategien gegen das schlicht Bildhafte. Wo Reck dann aber auf die Strategien der Kunst zu sprechen kommt, bleiben seine Auskünfte oft vage. So etwa im Fall des Samplings. Es hätte sich angeboten, hier auf die seit einiger Zeit viel diskutierten Thesen von Nicolas Bourriaud zur relationalen Ästhetik und zur Kunst als Postproduction einzugehen. Aber die vielen Künstler der 1990er Jahre, die sich so gut als Beispiel dafür angeboten hätten, wie Sampling als künstlerische Strategie funktioniert und wohin es erweitert werden kann, bleiben weitgehend unerwähnt, sieht man von einem einzigen versteckten Hinweis auf Recks Schweizer Landsmännin Pipilotti Rist ab. Stattdessen hält er sich lang mit philosophischen und technizistischen Deutungen dessen auf, was Sampling als Kulturtechnik bedeuten könnte und zieht sich dabei selbst vom weiteren Umfeld der Kunst auf den Bereich des bloß Bildhaften zurück.
Am Ende gerät die Kunst weitgehend aus dem Blick, wenn Reck versucht, seine Thesen auf den aktuellen Stand der Bildpolitik nach dem zweiten Golfkrieg aufzurüsten. Diesem Bemühen ist wohl auch das eigentümliche Motiv des Buchtitels geschuldet, das Osama Bin Laden im Visier einer Überwachungskamera zeigen soll. In einem sogenannten „Theorie-Duett“ mit Bazon Brock findet das Buch seinen Abschluss. Hier vollzieht sich tatsächlich eine erstaunliche Wandlung. Wenn Reck vor Publikum spricht – und das Duett gibt einen öffentlichen Dialog aus dem Jahr 2004 wieder – verändert sich sein Ton. An die Stelle des Behauptenden tritt der Lehrende, der sich bemüht, sein Wissen zu vermitteln und es auch kann, wenn er nur gefragt wird und sich nicht beim Schreiben selbst überlassen bleibt.