Hans Haacke zum 75. Geburtstag

Happy Birthday, Hans Haacke!

Annika Karpowski
12. August 2011

Seine Kunst beweist Durchschlagskraft. Sie ist politisch direkt, argumentativ konsequent, emotional unbequem. Hans Haacke hat eine sozial engagierte Konzeptkunst entwickelt, als sie noch nicht das Label „Gegenwartskunst“ trug und noch lange kein Mainstream war. In seinen Projekten kommuniziert er immer auch seine eigenen Werte. Kunstpropaganda liegt ihm allerdings fern. Stattdessen kennt man ihn als Meinungsmacher, der eine klare Lebenseinstellung aufzeigt. Das Ungefähre, Nebulöse, Kunst, die wohlgefällt, ist seine Sache nicht.

1936 in Köln geboren, ging er fürs Studium an die Staatliche Werkakademie in Kassel und wurde Kunsterzieher. Anfang der 1960er-Jahre – noch unter dem Einfluss der Zero-Gruppe um Heinz Mack, Otto Piene und Günther Uecker – interessierte er sich in der Folgezeit für naturwissenschaftliche Prozesse und übertrug das Konzept der sogenannten „Realsysteme“ von den biologischen und physikalischen auf sozialpolitische Situationen. In aufwändigen Recherchen förderte er auf diese Weise strukturelle Probleme und gesellschaftliche Seilschaften zutage, die bis dato keine öffentliche Beachtung fanden.

Zum Beispiel 1981. Da schuf Haacke ein Porträt des Großindustriellen und Kunstsammlers Peter Ludwig, des Pralinenmeisters, in dem er schlechte Arbeitsbedingungen, Klüngel und vor allem geheuchelte Gönnerschaft thematisierte. Ein Thema von erstaunlicher Aktualität, gehen doch heute mehr private und öffentliche Sammlungen denn je fragwürdige Symbiosen ein – Transparenz, wie Haacke sie forderte, ist nach wie vor noch angesagt.

Doch seine Detektivarbeit blieb nicht ungestraft. Auf Haackes Analyse des Immobilienbesitzes der Shapolsky-Gruppe (Shapolsky et al. Manhattan Real Estate Holdings, A Real Estate Holdings, A Real Time Social System) in New York wurde seine Ausstellung im Guggenheim 1971 abgesagt. Bis heute hatte Haacke keine Retrospektive in den USA oder New York, seiner Wahlheimat. Ebenso verhinderte man seine Ausstellung drei Jahre später in der Kunsthalle Köln. Der Grund: Haackes Manet-Projekt, das heute eine heute längst eine Ikone der jüngeren Kunstgeschichte ist. Eine fein säuberliche Provenienzforschung legte die Geschichte des Spargel-Stilllebens von Édouard Manet bis zum Ankauf für das Kölner Wallraf-Richartzs-Museum offen. Der vermeintlich generöse Mäzen, der Bankier Hermann Joseph Abs, stellte sich so als Nutznießer der Enteignung jüdischer Vermögen heraus. Museumsleute und Sponsoren fühlten sich vor den Kopf gestoßen. Doch das konnte Haacke nicht aufhalten – bis heute reibt er sich liebend gern an Großkonzernen, Luxusmarken und Banken oder gleich am Deutschen Bundestag.

Der debattierte nämlich am 5. April 2000 sogar über eine zuvor in Auftrag gegebene Haacke-Arbeit. Immerhin stimmte die Mehrheit der Abgeordneten für die auf dem Boden liegenden Leuchtbuchstaben DER BEVÖLKERUNG, die bis heute in einem 21 x 7 Meter langen Kasten vom nördlichen Lichthof des Reichstagsgebäudes gen Himmel strahlen. Von allen Etagen ist der Schriftzug zu lesen, der sich inhaltlich und typografisch auf den 1916 angebrachten Giebelspruch am Westportal „DEM DEUTSCHEN VOLKE“ bezieht. Begleitend waren die Abgeordneten aufgerufen, damals 669 an der Zahl, ein Zentner Erde aus ihren Wahlkreisen um die Buchstaben in den Holzkasten zu gärtnern. Eine Metapher für deutschen Boden, Saat und Ernte, Vanitas und Öko-Glaube – und vor allem für die Problematisierung des Volksbegriffs. Doch Haacke säte so nicht nur allerhand Wildwuchs, sondern auch Unmut, mediale Kontroversen und patriotische Diskussionen, die manchmal lauter wurden als das Werk selbst.

Haackes ungebrochene Freude, seine Beharrlichkeit an der Aufklärung dubioser Machenschaften, seine investigativen Konzepte und seine kontinuierliche Skepsis an Institutionen, Politik und Gesellschaft sorgen seit mehr als vier Jahrzehnten für Furore. Klar, so jemand ist keine Figur grenzenlosen Wohlgefallens. Das wollte der mehrfache documenta-Teilnehmer aber auch nie werden: „Kunstglaube ist mir verdächtig. Ich möchte, dass sich in unseren Gesellschaften etwas verändert. Ich will Auseinandersetzung, nicht Verehrung“, so Hans Haacke. Vor fünf Jahren ehrten ihn dafür die Hamburger Deichtorhallen und die Akademie der Künste in Berlin mit einer Doppelschau. Heute feiert er seinen 75. Geburtstag.


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