25. September 2008
Leigh Bowery - „Hannover Goes Fashion“, Kunstverein Hannover. Vom 31. August bis 26. Oktober 2008Kein Witz, die niedersächsische Landeshauptstadt wird größenwahnsinnig. Nach dem erfolgreichen Ausstellungsprojekt „Made in Germany“ im letzten Jahr präsentiert man sich jetzt mit dem Slogan „Hannover Goes Fashion“ als Modestadt. Hannover und Mode – wie kommt das zusammen? Wird am Ende die Passerelle doch noch zur Avenue Montaigne, der Kröpcke gar zum Place Vendome? Unter dem Motto „Kunst und Kultur der Mode. Ein Thema. Zehn Orte“ haben sich zehn Museen, Ausstellungshäuser und Kulturinstitutionen der Stadt zu einem gemeinsamen Projekt zusammengeschlossen. Man hat sorgfältig die Wechselwirkung von Kunst und Mode untersucht und ist dabei zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen gekommen.
Das Historische Museum etwa gewährt einen didaktischen Einblick in die Modegeschichte vom Rokoko bis in die Gegenwart und das Landesmuseum bemüht sich, anhand seiner Gemäldesammlung die Dresscodes von Männern zu knacken. Das Wilhelm-Busch-Museum zeigt Modekarikaturen aus drei Jahrzehnten, die Architektenkammer Mode- und Architekturfotografie und selbst das Museum für Energiegeschichte kann mit seiner Ausstellung „Ganz Dame und doch Hausfrau“ noch Erhellendes zum Thema besteuern.Â
Von der Kestnergesellschaft und dem Sprengel Museum allerdings hätte man sich mehr Engagement erhofft, denn die Installationen von Helmut Lang in der Kestnergesellschaft und die üblichen Verdächtigen im Sprengel Museum verbreiten nur gähnende Langeweile. Rosemarie Trockel, Andreas Gursky oder Olaf Nicolai – sie alle haben sich irgendwann einmal im weitesten Sinne mit Textilien auseinandergesetzt. Doch das allein macht die Suppe nicht fett und ein paar lieblos gehängte Kleidungsstücke (Markus Schinwald) oder ein signierter Adidas-Schuh (Johannes Wohnseifer) bringen die Auseinandersetzung über Mode und Kunst auch nicht weiter. Schade. Es hätte ein interessanterer Diskurs über Mode als Kunst und Kunst als Mode werden können. Auch wäre mit mehr kuratorischem Eifer der Verdacht leichter zu entkräften gewesen, die beteiligten Institutionen wollten in Zeiten knapper Kassen ein bloßes Publikumsspektakel inszenieren, um die Kunst so an eine neue Rolle als Gehilfin des Tourismusmarketing zu gewöhnen.
Eine Ausnahme aber gibt es von diesem Mitnahmeeffekt und sie zeigt, wie man es besser macht. Der Kunstverein Hannover glänzt mit einer einmaligen Werkschau über den australischen Künstler Leigh Bowery. Begeistert hatten die Ausstellungsmacher seine Arbeit 2005 auf der Biennale in Venedig entdeckt und den Künstler sogleich für ihren Beitrag zu „Hannover Goes Fashion“ vorgeschlagen. Bowerys Arbeiten repräsentieren ausgezeichnet die Verflechtung von Mode, Kunst und Performance und entlarven die kunstrichterliche Trennlinie zwischen angewandter und bildender Kunst als erbärmliche Lachnummer.
Der Modedesigner, Kostümbildner, Selbstdarsteller und Musiker kam 1980 nach London und avancierte mit seinen – selbst für die britische Hauptstadt – ungewöhnlich schrillen, provokanten Outfits schnell zum Superstar der Subkultur. Vorerst noch dem trashig-tuntigen Drag und der Postpunk-New-Romantics-Ästhetik verpflichtet, verlässt Bowery bald den konservativen Gestus des Transvestiten und stilisiert sich selbst zum wandelbaren Kunstobjekt. Seine androgynen, skulpturalen Couture-Visionen inspirieren Modedesigner wie Vivienne Westwood oder Alexander McQueen und John Galliano widmet ihm 2003 eine explizite Hommage. Bowery kombiniert Krinoline mit Stahlhelm, stülpt sich verstörende Strumpfmasken über, verformt seinen massigen Körper, quetscht, klemmt und schnürt sich ein, lässt blaue Farbe über seine weiß geschminkte Glatze fließen, posiert als schwarze Latex-Domina mit Klumpfuß und kokettiert als Klavier spielende Teekanne kostümiert mit einem unmissverständlich großen Gießer.
Er lernt den Experimentalfilmer Cerith Wyn Evans kennen, freundet sich mit Boy George an und entwirft Kostüme für den Balletttänzer Michael Clark. Er lässt sich von Johnny Rozsa als tükisblau geschminkter Hindu-Punkgott fotografieren und veranstaltet mit Gary Barnes SM-Performances, bei denen schon mal Urin getrunken und Theaterblut geschissen wird. Der internationalen Kunstszene wird Bowery durch eine einwöchige Performance in der Anthony d’Offay Gallery bekannt. Mit wechselnden Kostümmasken posiert er vor einer einseitig verspiegelten Glasscheibe und degradiert den Zuschauer zum kläglichen Voyeur. Prägnanter lässt sich Narzissmus wohl kaum inszenieren.
Es ist die Ära der Thatcher-Regierung, der schockierenden Entdeckung von AIDS und der erneuten Politisierung der Schwulenbewegung. Die Nächte schlägt man sich in den vielen kleinen Dance-Clubs um die Ohren und das Ausgehen wird kurzerhand zur Kunstform erklärt. Mit Tony Gordon veranstaltet Bowery ab 1985 die wöchentliche Clubnachtreihe „Taboo“, eine Legende und Zeitgeistikone, über die Boy George 2002 ein Musical schreibt. Für Bowery ist der Club Forum und Experimentierfeld und die Gäste ein kritisches, permanent zu verblüffendes Publikum. Hier lernt er den Maler Lucian Freud kennen, der ausdrucksstarke, berührende Aktporträts von Bowery herstellt, und den Filmemacher Charles Atlas, mit dem er – neben vielen anderen Videoprojekten – „The Laugh of No. 12“ verwirklicht. Es ist eins seiner letzten Performanceprojekte, das Bowery 1994 in Fort Asperen/Niederlande aufführt. Das Filmdokument zeigt den entblößten, schwarz geschminkten Bowery kopfüber an Ketten aufgehängt. Brustwarzen und Penis sind mit Wäscheklammern kontundiert. Von einem Gitarristen begleitet, rezitiert er Sprechgesänge und wird schließlich gegen eine Crashglasscheibe geschleudert. Kurz darauf stirbt Leigh Bowery an den Folgen von AIDS.
Der Kunstverein Hannover präsentiert seinen Protagonisten mit Fotos, Videos, Kostümbeispielen und einer Raum-Installation, die Charles Atlas eigens für diese Ausstellung entworfen hat. Filme über Michael Clark werden gezeigt und die bizarren Musikdarbietungen der Popgruppe Raw Sewage. In diesem Zusammenhang ist es auch eine Ausstellung der Künstler geworden, die mit Bowery zusammen gearbeitet haben, die er inspirierte und denen er sich – wie er es selbst nannte – als Leinwand zur Verfügung stellte. Die Ausstellungsmacher verlassen sich dabei auf den dokumentarischen Charakter ihrer Präsentation. Man vermisst den subkulturellen Geist, in dem diese Arbeiten entstehen konnten. Doch die erstaunliche Fülle des Materials, insbesondere die Kostümdokumentation von Fergus Greer machen die Ausstellung zu einer nachhaltig wirkenden Begegnung mit einem außergewöhnlichen Menschen, der uns die enge Verzahnung von Kunst und Mode deutlich vor Augen führt.
Gleichzeitig wird in dieser Ausstellung die Historizität der Arbeiten Bowerys deutlich. Diese Zeiten – denkt man – sind vorüber, weil in der Grenzenlosigkeit Grenzüberschreitungen ihren Sinn verloren haben. Seit Kunst und Mode im Zeichen der Fetischisierung des Teuren fusionieren, sind auch Figuren wie Bowery, die die Kunst an ihre blinden Flecke erinnern, unsichtbarer geworden. Der nächste Bowery müsste wohl von anderswo her kommen. Ganz von unten, ganz von außen. Ganz unglamourös. Bis dahin aber hält der Kunstverein ein deutliches Plädoyer für die Einsicht in die zeitliche Bedingtheit künstlerischer Strategien und gegen übertriebene Melancholie.
Architektenkammer Niedersachsen  Â
„Mode Linie Architektur / Mode- und Architekturfotografie“
Vom 31. August bis 14. November 2008
Historisches Museum Hannover    Â
„KörperFormen - Mode Macht Erotik & Ausgezogen – Aufgehoben
Eine Modeausstellung zum Mitmachen für Jung und Alt“
Vom 31. August 2008 bis 1. Februar 2009
Kestnergesellschaft  Â
„Helmut Lang – alles gleich schwer“
Vom 31. August bis 2. November 2008
Niedersächsisches Landesmuseum Hannover  Â
„Begehrte Männer – Dresscodes, die die Welt bedeuten“
Vom 31. August bis 30. November 2008
Museum August Kestner  Â
„Neue Kleider“
Vom 31. August 2008 bis 11. Januar 2009
Museum für Energiegeschichte(n)    Â
„Ganz Dame und doch Hausfrau - Mode in der Werbung für Staubsauger, Radio & Co.“
Vom 31. August 2008 bis 28. Februar 2009
Sprengel Museum Hannover  Â
„DRESSing the MESSAGE – Transformationen von Kunst und Mode“
Vom 31. August bis 23. November 2008
Theatermuseum Hannover und Archiv des Niedersächsischen Staatstheaters  Â
„Filmkostüme! Das Unternehmen Theaterkunst“
Vom 31. August bis 7. Dezember 2008
Wilhelm-Busch-Museum Hannover  Â
„Schick und Schrill. Modekarikaturen und Modezeichnungen aus drei Jahrhunderten“
Vom 31. August 2008 bis 11. Januar 2009