12. November 2009
Hanne Loreck, Katrin Mayer (Hg.): „Visuelle Lektüren, Lektüren des Visuellen“, Broschur, 270 Seiten. Textem, 2009. ISBN-10: 3941613014, EUR 16,90Die Anzeichen mehren sich. Das Künstlerbuch bekommt endlich die verdiente Aufmerksamkeit. Schließlich lud im September sogar das Berliner KW Institute for Contemporary Art zu „Miss Read“ ein, einer Plattform, auf der internationale Verleger ihre Künstlerbücher vorstellen und einen breit gestreuten Einblick in dieses Segment des Kunstmarktes und der Kunstproduktion geben konnten. Dort, wo Text und Bild zugleich am Werk sind, verwandeln sich diese vermeintlich hybriden Gewächse vielfach in visuelle Lektüren, die Texte als Bilder und Bilder als Texte generieren und so die klassische Trennung beider unterlaufen. Zweifellos sind diese Bücher sexy. Obwohl sie – und das wäre eine These – jenseits von Genderzuweisungen auf den Plan treten. Und eigentlich asexuell, multisexuell oder androgyn sind. Auf jeden Fall sind diese zeitgenössischen Exemplare nicht mehr das Produkt eines weißen, heterosexuellen Mannes ohne Computer.
Vor diesem Hintergrund operiert die bei Textem erschienene Publikation „Visuelle Lektüren, Lektüren des Visuellen“, die sich einer recht paradoxen Herangehensweise bedient: Denn hier wird der Gegenstand der Analyse mit seinem eigenen Objekt analysiert. Einfach formuliert: Die hier angestrebte feministische Bildkritik findet mit Wort und Bild zugleich statt, Bilder werden nicht nur in Texte, sondern wiederum auch in andere Bilder übersetzt. So erscheint die Publikation einem Künstlerbuch nicht unähnlich, ist aber Resultat eines Symposiums an der Hochschule für bildende Künste Hamburg. Es fand im Rahmen des hochschulübergreifenden Graduiertenkollegs „Dekonstruktion und Gestaltung: Gender“ statt und stellt ideologisch die Beschränktheit des männlichen Blicks zur Disposition, aber auch fragwürdige Performances weiblicher Protagonistinnen mit vermeintlich feministischen Positionen.
Eindringlich verweisen die Herausgeberinnen Hanne Loreck und Katrin Mayer darauf, dass hier nicht „populären Parolen“ wie „visuelles Zeitalter“ und „Bilderflut“ das Wort geredet werden soll. Der Umstand, dass die sogenannte Bilderflut mehr oder weniger als „natürliche Katastrophe“ hingenommen werde, die „aus einer Naturalisierung des Mensch-Maschine-Konnexes hervorgeht“, könne keine fraglose Akzeptanz finden. Denn Interdisziplinarität sei zwischen einzelnen Kultur- und Naturwissenschaften selbstverständlich, nicht jedoch innerhalb der Kulturwissenschaften selbst. Von daher wäre nach einer neuen akademischen Disziplin zu suchen, worin die Bildwissenschaft mit der geschlechtertheoretischen, mit der feministischen Kunst- und Kulturwissenschaft verknüpft würde. Diese Disziplin soll von feministischen Allrounderinnen vertreten werden, die – wie im Falle der Symposiums-Teilnehmerinnen – Wissenschaftlerin, Künstlerin und Kuratorin in einer Person sind. So kommen in diesem Band Protagonistinnen zu Wort, die bereits in ihrer eigenen Praxis den Umgang mit jenen Mischdiskursen, also visuellen Lektüren, verkörpern und beherrschen, die sie hier nun mit dem feministischen Blick von außen erst noch in ihre Einzelbestandteile zerlegen wollen.
Thematisch und visuell eingeleitet wird der Band mit Bildessays von Michaela Melián und Katrin Mayer. Melián verhandelt in ihrer Fotografie- und Zeichnungsserie A Trip to Eros 433 mit einem Verweis auf die Liebesgeschichte von Heloisa und Abaelard Begehrensstrukturen, während Mayer in Self Self Self Creation anhand von Collagen und vorgefundenen Fotografien Frauenbilder zur Disposition stellt. Dann überrascht es auch nicht, wenn sich Hanne Loreck mit zwei Künstlerinnen beschäftigt, die das Spiel mit Verkleidung, mit Rollen auf ganz unterschiedliche Weise perfektioniert haben: nämlich Madonna und Cindy Sherman. Loreck analysiert das Verhältnis beider als dasjenige von Schwestern, um auf das Motiv der Ähnlichkeit zu verweisen, das beide Figuren durch die „Metamaskerade“ miteinander verbindet.
Michaela Ott übt Kritik an einem spezifischen weiblichen Rollenklischee, dem der Kriegerin im zeitgenössischen Film. Die strategische Funktion von Figuren wie Lara Croft (Angela Jolie) oder „der Braut“ (Uma Thurman) in „Kill Bill“, so Ott, „beschränkt sich nicht mehr auf ihren vom feministischen Diskurs beklagten Fetischcharakter als Objekt männlicher Schaulust.“ Vielmehr gefielen sich diese Frauenfiguren jeweils auch als „abgründiges Mysterium“, das als übermenschlicher Alleskönner mit dem hybriden Charakter neuer digitaler Techniken einhergeht. Ott beklagt, dass so ein neues Klischee geschaffen würde, denn die „reizvolle Bejahung von Verwandlungsprozessen, werden diese zu einem medial gestützten umfassenden Gestaltungsprinzip, (bieten) keinen Raum mehr für unvereinnehmbar widerständiges Singuläres.“
Die Autorinnen grasen in quasi-feministischer Detektivarbeit das Feld der Kultur ab und sind immer darum bemüht, feministische Klischees aus dem Weg zu räumen. Mit erhöhter Präzision wird politische Kritik am eigenen Selbst geübt, wenn etwa Elke Zobl in ihrem Beitrag zur Geschichte der „Grrrl Zines“ (selbständig produzierte Magazine, auch „Fem Zines“ genannt) moniert, dass die „meisten Riot Grrrls weiße Studentinnen aus der Mittelschicht“ sind, die in ihren Publikationen ihre eigenen Privilegien nicht kritisch reflektieren. Nichtsdestotrotz würde gerade eine jüngere Generation die Zines dazu verwenden, um Abstand zu nehmen von „Konsum in Richtung Produktion“ und um ein „politisches Engagement“ zu etablieren, „das mit traditionellen Rahmen und Bildern bricht.“
„Visuelle Lektüren / Lektüren des Visuellen“ ist, von der Gestaltung abgesehen, eine ausschließlich von Frauen gemachte Publikation. Sie bezieht Positionen, die klar feministisch intendiert sind und auf einem Mischterrain zwischen Kulturwissenschaften, Bildwissenschaft und Soziologie innovative Perspektiven suchen. So leistet Claudia Reiche mit ihrer Analyse neuer Klitorisbilder einen Gegenbeitrag zur Phallozentristik, befragt Sabine Ritter die Rezeption des Lebens von Sarah Baartman, die im frühen 19. Jahrhundert als „Hottentotten-Venus“ in Europa zu Ruhm kam und das Bild der exotisierten und erotisierten Frau par excellence verkörpert, und versucht Kerstin Brandes, den politisch korrekten Widerstand gegen eine Werbung zu dechiffrieren, in der Geschlechterrollen vermeintlich sexistisch eingesetzt werden.
Leider erfüllt das Buch nicht, was es verspricht. Denn das angestrebte Ziel, „Beziehungen zwischen der Geschichte der Bilder, ihrer Medien und ihrer Interpretation in Bewegung zu versetzen“, wird hier nicht erreicht. Vielmehr hat man es mit einem Band zu tun, der – von seiner Erscheinungsform einmal abgesehen – sich von anderen kulturtheoretischen und kritischen Sammelbänden nicht wesentlich unterscheidet. Mehr noch: Mit der Kritik von feministisch überzogenen Positionen aus den 1970er- und 1980er-Jahren scheint der ideologische Vorsprung gegenüber dem in der Krise befindlichen männlichen Blick dahinzuschmelzen. Ohnehin muss man fragen, ob angesichts der im medialen Raum versammelten hybriden Gesellschaftsmuster von „gender“, „race“ und „sexuality“ die klassische Abgrenzung der Rollenbilder und Geschlechtszuschreibungen überhaupt noch als Ansatz dienlich ist.