6. März 2008
„Die fantastische Welt der Hannah Höch“, Galerie Remmert & Barth,
Düsseldorf, bis zum 10. April 2008.Hannah Höch – dada war doch was. Die zeitweilige Lebensgefährtin von Raoul Hausmann ist bekannt als einzige Frau im Kreis der Berliner Dadaisten. Genau so wurde sie auch von ihren männlichen Kollegen behandelt. Die meisten hätten es wohl gern gesehen, wenn sie sich aufs Kostüme schneidern beschränkt hätte. Dazu war die 1889 geborene Thüringerin allerdings erstens zu begabt, zweitens aber auch zu selbstbewusst. Gemeinsam mit ihrem Freund Kurt Schwitters entwickelte sie die Technik der Fotomontage und -collage und hatte damit die Ausdrucksform gefunden, der sie lebenslang die Treue hielt. Daneben nutzte sie jedoch ganz klassisch Pinsel und Feder sowie die im Expressionismus modern gewordene Technik des Holz- und Linolschnitts.
Das ganze Spektrum über alle Schaffensphasen der 1978 gestorbenen Künstlerin zeigt aktuell eine Ausstellung bei Remmert & Barth in Düsseldorf. Die Galerie kümmert sich seit über 20 Jahren um Höchs Werk und hat nicht unerheblich zu ihrer Wiederentdeckung beigetragen. In der Zusammenschau fällt zunächst die Heterogenität des Œuvres auf. Das mag die Vernachlässigung Höchs durch den Markt begründen, denn Händler und Käufer bevorzugen Markenzeichen. Höch war sich dessen sehr wohl bewusst: „Es ist mir zwar oft so vorgekommen, als ob die Konzentration eines Künstlers auf sich selbst und auf einen besonderen, nur ihm zugehörigen Stil wohl leichter zu Erfolg und Popularität führt. Aber mir liegt mehr daran, meine Lebens- und Arbeitsform immer weiter zu entfalten, zu verändern und zu bereichern, wenn mir auch diese nie endende Entwicklung manch leicht zu erringenden Erfolg unmöglich machte.“
Mit der Fotomontage, die zum bekanntesten Ausdruckmittel der Dadaisten im Bereich der Bildenden Kunst wurde, führte Hannah Höch eine Technik weiter, mit der sie sich schon seit ihrer Kindheit beschäftigt hatte. Die Herauslösung von Motiven aus einem Bildzusammenhang und ihre Überführung in eine neue Einheit ist ein bestimmender Aspekt in ihrem Werk. Ein großes Verdienst der Düsseldorfer Ausstellung ist es, die anderen Facetten der Künstlerin gleichberechtigt daneben zu stellen. Da stehen floral-ornamental aufgefasste Linolschnitte neben konstruktivistischen Zeichnungen und ausgesprochen humorvollen Aquarellen mit traumartigem Personal. Gleichzeitig war Höch eine der ersten, die ganz unsentimental typische Frauenthemen wie Geburt und Abtreibung thematisierte, völlig ohne das Betroffenheitspathos, mit dem einige Zeitgenossinnen zu Werke gingen. Während der Nazizeit entstanden zunehmend neusachliche Stillleben, welche die Staffelei zierten, wenn wieder einmal unangekündigter Besuch kam. Die gleichzeitig und vorher entstandenen Arbeiten, die dem völkischen Auge noch weniger genehm waren, überdauerten das Dritte Reich in Kisten, die im Garten vergraben wurden. Aus diesem geretteten Bestand konnte die Galerie schöpfen.
Nach dem Krieg blieb Höch ihrer Stilpluralität treu, versuchte sich aber auch an der gerade angesagten neuen ungegenständlichen Malerei. Im Gegensatz zu ihren informellen Kollegen konnte sie jedoch der freien Geste nicht viel abgewinnen, so dass die Gemälde aus dieser Zeit immer irgendwie architektonisch und fast im musikalischen Sinne komponiert wirken. Einen Ausflug ins Surreale unternehmen hingegen die späten Collagen und Montagen.
Der Markt für Kunstwerke von Hannah Höch ist sehr unübersichtlich. Bei Auktionsverkäufen gibt vor allem das Motiv den Ausschlag, die Technik ist fast nebensächlich. So ist die bislang teuerste Arbeit nicht etwa ein Gemälde, sondern eine Gouache. Der Mechanische Garten aus dem Jahr 1927 ist eine beklemmend blühende Technikwüste aus Bohrtürmen, Zahnrädern und anderem leblosen Gerät in einer kahlen Landschaft. Gleichwohl wurden für die Dystopie vor einem Jahr bei Christie's in New York 824.000 Dollar inklusive Aufgeld bezahlt. Die nächsten sechs Plätze nehmen motivisch und technisch höchst unterschiedliche Collagen ein, für die bis zu 217.000 Dollar bezahlt wurden. New York und London sind die Marktplätze, an denen die höchsten Preise erzielt werden. Hier wird Höch nach einigen Ausstellungen am höchsten geschätzt. Der höchste Auktionspreis für ein Ölgemälde belief sich auf nur 23.100 Pfund im Jahr 1989. Das letzte versteigerte Gemälde war im Oktober 2007 Statik, das bei Ketterer Hamburg lediglich 6.500 Euro ohne Aufgeld kostete. Holzschnitte sind mitunter für weniger als 400 Euro zu haben, Zeichnungen für nur wenig mehr. Das dürfte sich mit der Wiederentdeckung Höchs, die nicht zuletzt Remmert & Barth und der aktuellen Museumsausstellung zu verdanken ist, allerdings bald ändern. So fiel eine späte unbetitelte Collage bei Villa Grisebach im Dezember 2006 noch mit einer Taxe von 1.000 bis 1.500 Euro durch, während sie ein Jahr später bei Bassenge, ebenfalls in Berlin, 4.400 Euro netto brachte. Dazwischen lag die Ausstellung in der Berlinischen Galerie.
Die Ausstellung bei Remmert & Barth wird begleitet von einem Katalog, dem ein Original-Linolschnitt beigeheftet ist. Gleichzeitig läuft die erweiterte Berliner Ausstellung im Baseler Museum Tinguely bis zum 27. April.