Gustav Metzger bei den Skulpturprojekten Münster 2007

Stolpern in Gedanken

Astrid Mania
14. August 2007
Gustav Metzger, „Aequivalenz. Shattered Stones“, Skulptur Projekte Münster O7. Vom 17. Juni bis 30. September 2007

Erhabenheit ist keineswegs nur ein philosophischer Terminus, er geistert auch in einer zweckdienlicheren Variante durch die Verlautbarungen der Kulturpolitik. Und doch gibt es Kunstwerke, die sich förmlich gegen die populistische Leichtigkeit einer dem Betrachter verheißenen Zugänglichkeit zu wappnen wissen. Ihre Tarnkappe ist die Unauffälligkeit. Vielleicht ist das eine Möglichkeit, sich allzu schnellen Zuschreibungen und Wirkungsattributen zu entziehen. Und zweifelsohne gibt es Fälle, in denen diese Strategie höchst effizient funktioniert.

Unter den „Skulptur Projekten Münster 07“ gibt es wenige Beiträge, die derart von einem Vorwissen um ihr Dasein, ihren Kontext und ihre Bedeutung sowie den kartenleserischen und detektivischen Fähigkeiten des Publikums abhängig sind wie Gustav MetzgersAequivalenz. Shattered Stones. Zugleich ist es eines der wenigen Werke, denen es gelingt, sich hartnäckig im Kopf festzusetzen und einen gedanklich während des gesamten Besuches nicht mehr loszulassen. Hintergrund der Arbeit sind die Grauen des Zweiten Weltkriegs, die Zerstörung ganzer Städte durch todbringende Bombenangriffe.

Nachdem die deutsche Luftwaffe Coventry in Schutt und Asche gelegt hatte und unzählige Einwohner ihr Leben lassen mussten, verstärkte die Royal Air Force ihre Angriffe auf deutsche Städte, während derer auch Münster verheert wurde. Metzgers Arbeit will nun eine Brücke zwischen den Städten schlagen. Die Konzeption sieht vor, dass während der Ausstellung an beiden Orten täglich an einer bestimmten Stelle Steine abgelegt werden, die am Ende der Skulpturprojekte wieder entfernt werden – Mahnungen an die Trümmer der Kriegszerstörungen, aber auch Verweis auf den jüdischen Trauergestus, auf Grabmalen Steine abzulegen. Die Realisierung in Coventry steht leider noch aus, während in Münster jeden Morgen ein Angestellter mit seinem Gabelstapler immer weitere Steine niederlegt.

Die Orte hierfür wurden im Voraus ausgewählt, über die Reihenfolge ihrer Besetzung entscheidet ein Computerprogramm. Ein Stadtplan, auf dem die bis dato mit Steine bestückten Plätze verzeichnet sind, ist in Münster erhältlich und zusammen mit einer fotografischen Dokumentation auch im Internet einsehbar. Besonders Letzteres tut Not, denn nicht alle Stellen lassen sich finden. Es steht zu vermuten, dass Scherzbolde oder auch verärgerte Einwohner den einen oder anderen kleinen Quader aus dem Weg geräumt haben. Manchen mag man wohl auch schlicht übersehen, da einige in durchaus dekorativen Mustern um Säulen oder entlang von Beeten abgelegt wurden, wo sie sich anstandslos in Akte vermeintlicher Stadtverschönerung oder Wegbefestigung einlesen lassen.

In Münster ist das heitere Skulpturen-Suchen bekanntermaßen Programm. Doch nichts signalisiert unvorbereiteten Besuchern, dass sie vor einer der 107 „Ablegestellen“ stehen; kein Schild, kein Sockel, kein Verfremdungseffekt weist die Steine als etwas anderes als im Stadtraum zu erwartendes dekoratives oder der Verbauung harrendes Material aus. Nun ist es ebenfalls – gerade, wenn es um Kunst im öffentlichen Raum geht – ein Allgemeinplatz, dass vieles nicht als solche zu erkennen ist und manches sich entzieht, wenn der die Wahrnehmung verändernde äußere Rahmen einer Kunstinstitution fehlt. Doch lenken derlei Werke gerne die Aufmerksamkeit auf missachtete Objekte oder wollen zur Reflexion über sich und ihr Wesen oder gängige Kunsterwartungen anregen.

Bei Metzger trifft jedoch, trotz vermeintlicher Affinitäten, weder das eine noch das andere zu. Seine lapidaren Eingriffe erweisen sich als wirkungsvolle Bedeutungsinjektionen, die sich nicht an rein kunstimmanenten oder ästhetischen Fragen aufhalten können. Auch geht es nicht darum, ein bestimmtes Objekt zur Anschauung zu bringen, verborgene ästhetische Qualitäten herauszustreichen oder eine geschichtliche Verdrängung ins Bewusstsein zu rücken, so wie es etwa Martha Roslers Strategie für Münster vorsieht. In ihrer tautologischen Unauffälligkeit ist Metzgers Arbeit allenfalls noch mit Pawel Althamers Beitrag Ścieżka zu vergleichen, der sich als Trampelpfad tarnt. Immerhin markiert eine Plakette den Beginn dieses künstlich planierten Weges, der durch Park, Wiesen und Wäldchen führt, um schließlich mitten auf einem abgeernteten Feld ins Nichts auszulaufen. Doch konstituiert sich Althamers Werk erst, wenn man es begeht, und zwar bis zu seinem jähen Ende.

Metzgers Werk hingegen muss man nicht in seiner Gänze begegnen oder betrachten, um dessen Wucht zu erleben. Ohnehin ist in der akkumulativen, räumlichen und zeitlichen Dimension des Werkes angelegt, dass die physische Präsenz der konzeptuellen untergeordnet ist. Auch am letzten Tag der Präsentation kann man noch immer nur ein Einhundertsiebtel des Projektes auf einmal vor sich sehen. Dennoch scheint Aequivalenz. Shattered Stones omnipräsent, es besetzt eine Vielzahl von Orten, den realen Stadtraum ebenso wie den virtuellen des Internets und den gedanklichen des Betrachters.

Aller Gewichtigkeit des Konzeptes zum Trotz stellt sich hier dennoch nicht die Gretchenfrage nach der Notwendigkeit oder Verzichtbarkeit der Ausführung. Gewiss muss man nicht alle Steine gefunden haben, um Münster und seine Geschichte mit anderen Augen zu sehen: als gigantischen Friedhof ebenso wie als nostalgische und touristenfreundliche Historienkulisse. Aber man muss die Stadt durchwandern, um zu erleben, wie die geschichtskosmetische Fassade zerbröselt, und man muss um das Sisyphushafte dieser sicher nicht allerorten willkommenen Erinnerungsarbeit wissen, um sie in ihrer ganzen Beharrlichkeit zu begreifen.

Man muss die Steine sehen, um der Reduziertheit der Geste und der fast demütigen Dimensionen der Objekte Metzgers gewahr zu werden, Gunter Demnigs vor Privathäusern im Boden eingelassenen Stolpersteinen sind sie darin nicht unähnlich, denn es ist gerade die formale Bescheidenheit, die den Betrachtern Raum für ihre Gedanken und Gefühle lässt. Dennoch bleibt Metzgers Geste radikaler als Demnigs mit Namen und Daten versehene Kleinmonumente. Nichts hebt Metzgers Steine, die einfach nur Steine sind, im klärenden Rahmen des Denkmals auf. Sicher liegt das große Gelingen dieses Beitrags eben auch darin, dass er ein Ritual zitiert, das in sich bereits mit einer schlichten Handlung eine große Gefühlstiefe transportiert und so an die unbenennbaren Schrecken der Kriegsjahre gemahnen kann. Und in seiner Unaufdringlichkeit das Risiko aushält, übersehen zu werden.


Mehr im Dossier  Art Happens

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Martha Rosler versucht, aus hartnäckigen Fragen geschichtliche Wahrheit zu schöpfen.


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