28. November 2011
Wohin mit dem ganzen Zeug? Man hortet und sammelt, schafft und rafft – und am Ende soll alles auf der Müllkippe landen, oder bestenfalls in Kartons bis zum Tod der nächsten Erben? Mit der Frage der Nachlassverwertung sehen sich Erben deutschlandweit täglich konfrontiert. Immer wieder stehen auch Fotografen oder deren Nachkommen vor dem Problem, wo das Lebenswerk, das Archiv des Fotografen, nach dem Ableben am besten aufgehoben sein könnte. Bislang gibt es kaum Anlaufstellen – eine nationale Einrichtung für Archive und Nachlässe existiert nicht. Selbst Online-Auftritte, auf denen sich Fotografen oder Erben über die Möglichkeiten der Weitergabe ihrer Bilder informieren könnten, fehlen. Zumindest bisher. Denn im Berliner Hotel Bogota hat sich der gemeinnützige Verein Netzwerk Fotoarchive mit Sitz in Köln gegründet, der sich des Problems annehmen wird. Einen geschichtsträchtigen Ort hatte man für das Gründungstreffen ausgewählt: In dem Charlottenburger Gebäude, 1911 als Wohnhaus erbaut, residierten einst die berühmte deutsche Fotografin YVA, 1942 von den Nazis ermordet, und ihr später nicht minder berühmter Auszubildender Helmut Newton.
Ziel des Vereins ist es, Informationen über bestehende Archive und Institutionen, die Fotoarchive aufnehmen, zu sammeln und diese der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Gleichzeitig will es Initiativen, die bereits heute wesentliche Archive und Nachlässe bewahren und vermitteln, bei der Sicherung und Aufarbeitung einzelner Archive unterstützen. „Bislang ist man mit seinem Archiv vollkommen alleingelassen“, erklärt Christiane Stahl von der Alfred-Ehrhardt-Stiftung, die als stellvertretende Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Photographie (DGPh) zu den Gründungsmitgliedern zählt. Nicht jeder Fotograf habe das nötige Geld zur Gründung einer Stiftung, gleichzeitig dränge meist aber die Zeit, so Stahl, denn wenn analoge Fotografien und Negative nicht halbwegs fachgerecht gelagert würden, seien sie irgendwann unwiederbringlich zerstört.
Das Netzwerk ist sowohl für Fachleute gedacht, die sich über entsprechende Möglichkeiten austauschen möchten, als auch für Laien, die nicht einschätzen können, wie relevant ihr Archiv eventuell ist und an wen sie sich zur Weitergabe wenden können. Auf dem neuen Portal finden sie Kontakte zu Museen, Auktionshäusern und Fotografie-Experten – und das deutschlandweit. Als Basis für die Seite diente dem Netzwerk das Portal fotoerbe.de, das Stefan Rohde-Enslin vom Institut für Museumsforschung vor einigen Jahren ins Leben rief. Rohde-Enslin ist ebenfalls Mitglied des Netzwerk Fotoarchive – ebenso wie der Bund Freischaffender Foto-Designer (BFF), der Bundesverband der Pressebild-Agenturen und Bildarchive (BVPA) sowie der Fotografenverband Freelens.
Initiiert wurde die Gründung des Netzwerkes von der Zeitschrift „Photonews“, die im Sommer 2010 eine Themenbeilage zu „Archive und Nachlässe“ herausgegeben hatte. Darin forderten der Fotohistoriker Enno Kaufmann die „Rettung der Fotoarchive“ und Sebastian Lux von der Stiftung F. C. Gundlach die Gründung einer „Stiftung Deutscher Fotografie“. Daraufhin habe sich eine Eigendynamik entwickelt, erinnert sich Photonews-Redakteurin Anna Gripp, die ein Jahr später schließlich im Netzwerk Fotoarchive mündete – dessen Vorsitz Gripp heute übrigens innehält.
Nicht zuletzt will das Netzwerk das Bewusstsein für die Problematik schärfen – bei den Urhebern und deren Erben: „Wir hoffen, dass wir in unserer Arbeit finanziell unterstützt werden“, so Stahl. Schließlich sei die Fotografie ein wichtiges Kulturgut und zwingend Handlungsbedarf vorhanden. Dass dem tatsächlich so ist, lässt sich zum Beispiel daran erkennen, dass sich im Zeitalter der Digitalfotografie immer mehr Verlage und Bildagenturen von ihren analogen Beständen trennen. Nur wenige davon bleiben dabei vollständig erhalten. Das Bildarchiv des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ gehört dazu: Es wurde kürzlich als Dauerleihgabe an das Haus der Photographie in den Hamburger Deichtorhallen übergeben.
Hier finden Sie weitere Informationen:
netzwerk-fotoarchive.de