16. Dezember 2011
Gregor Schneider: „Sterberaum“ – Kunstraum Innsbruck. Vom 19. November bis 28. Januar 2012Als der Künstler Gregor Schneider im Frühjahr 2008 in „The Art Newspaper“ ankündigte: „Ich möchte eine Person zeigen, welche eines natürlichen Todes stirbt oder gerade eines natürlichen Todes gestorben ist. Dabei ist mein Ziel, die Schönheit des Todes zu zeigen“, war die Empörung groß. Eine Zeitungen entsetzte sich: „Deutscher Künstler will Menschen sterben lassen“, Politiker warfen ihm „Missbrauch künstlerischer Freiheit“ vor, man unterstellte ihm billige Provokation durch Tabubruch oder konstatierte ihm gar Dummheit. „The Guardian“ hingegen sah es gelassen und titelte: „There is nothing perverse about a dying person in an art gallery“. Andere wiederum schickten dem Künstler Morddrohungen. Eine Düsseldorfer Pathologin wollte Schneider angeblich behilflich sein, Freiwillige zu finden, die bereit wären, öffentlich zu sterben. Und „Spiegel Online“ rief seine Leserschaft dazu auf, sich im Falle des bevorstehenden Todes und bei Interesse doch bitte beim Künstler zu melden.
Gregor Schneider selbst hielt die Empörung für falsch. Er sei Bildhauer, er baue Räume und diese seien die Kunst. Ja, und gegebenenfalls könnten die Räume auch betreten und genutzt werden. Mit dem Sterberaum wolle er einen „humanen Ort für das Sterben und den Tod schaffen, in dem auch Trauerarbeit praktiziert“ werden könne. Der Künstler wollte den idealen Ort kreieren, der seine spezifische Funktion erfüllt, wie auch eine Küche oder ein Schlafzimmer ihre Funktionen erfüllen.
Den idealen Raum für seinen Tod, für ein würdiges und schönes Sterben hat der Künstler in Krefeld gefunden. Der ist ein lichtdurchfluteter Wohnraum, dessen große Fenster und eine Glastür sich zum Garten hin öffnen. Der Bauhausarchitekt Mies van der Rohe hat ihn in den 1920er-Jahren konzipiert. Erst später wurde er zu einem Ausstellungsraum des Museum Haus Lange und Esters umfunktioniert. Bereits 1984 hatte Schneider die Möglichkeit bekommen, dort auszustellen. Er verdoppelte eine Wand, nahm ein Wandstück heraus, und es existiert ein Foto, auf dem der Künstler dort, wie tot, liegt. Nun findet die Uraufführung des Schneider’schen Sterberaumes allerdings in den Alpen statt.
„Der Künstler schrieb mich an, ob man den Sterberaum nicht im Kunstraum Innsbruck zeigen könnte“, erzählt Veit Loers, kommissarischer Leiter des Hauses. „Es handelt sich hier um ein Readymade, der ganze Raum wird einfach transponiert und als Schneider-Raum, als Ur-Raum gezeigt.“ Nun, zumindest hat der Transport metaphorisch stattgefunden – in Innsbruck evoziert der minutiöse Nachbau ein Displacement, wobei statt der berühmten Krefelder Klinkerfront dunkler Stoff zu sehen ist. „Man sieht nur das Innere und ahnt das Äußere“, sagt Loers dazu.
Nein, die Schuhe brauche man sich nicht auszuziehen, aber Pantoffeln solle man sich bitte überstreifen, wird einem sehr höflich mitgeteilt, bevor man den Ausstellungsraum betritt. Man schlüpft in eines der Paare, die fein säuberlich am Eingang aufgereiht sind, schlurft einen kurzen Gang entlang, biegt ums Eck und betritt den völlig abgedunkelten „Black Cube“, in den Gregor Schneider den Kunstraum verwandelt hat. Die Raumskulptur präsentiert sich als großer Guckkasten, der warmes Licht verströmt und ihm so einen sakralen Schein verleiht. Man nähert sich von der Gartenseite her und blickt in den Mies van der Rohe-Raum, der maßstabsgetreu und bis ins letzte Detail identisch wieder aufgestellt ist. Der Parkettboden aus Eichenholz wurde extra angefertigt und im Fischgrätmuster verlegt. Eingefasst ist er in Sesselleisten aus Kirschholz, wie auch die Zimmertüre und der Heizungsverbau unter den Marmorfensterbrettern aus Kirschholz ist. An den Wänden sind Hängeleisten und an der Decke aus der Mode gekommene Leuchten angebracht. Die großen Metallfenster und die Glastür lassen zwar das Licht nach außen, aber sie blicken selbst wie tot ins Schwarz. Herausgerissen aus seiner natürlichen Umgebung wirkt der Raum wesensfremd und leblos. Er hat jegliche Leichtigkeit eingebüßt, ist hermetisch verschlossen wie ein Sarg. Man verspürt auch nicht den Wunsch einzutreten. Wer will sich schon auf nackten Boden legen, um zu sterben?
Gregor Schneider, geboren 1969 in Rheydt bei Mönchengladbach, schaffte den internationalen Durchbruch bei der Biennale von Venedig 2001, als er mit Totes Haus u r den deutschen Pavillon bespielte und den Goldenen Löwen gewann. Das Haus u r steht für Unterheydener Straße und Rheydt und war in Besitz der Familie des Künstlers. Bereits 1985 begann er damit, das Haus umzubauen: Er stellte in bestehenden Räumen neue Räume auf, ließ einige sich unmerklich um die eigene Achse drehen, andere wurden schalldicht isoliert. Türen ließ er im Nichts enden, Fenster konnten nicht mehr geöffnet werden und Tageslicht wurde simuliert. Besucher berichteten von Angstzuständen während der Besichtigung.
Bei der Biennale 2005 musste Schneider eine Niederlage hinnehmen. Sein für den Markusplatz konzipierter Cube Venice 2005 wurde kurzerhand von der Stadt Rom verboten. Auf das würfelförmige, schwarze Bauwerk, das an die Kaaba in Mekka - dem heiligsten Ort des Islam – erinnerte, befürchtete man möglicherweise islamistische Anschläge. Später wurde der Würfel unter dem Titel Cube Hamburg 2007 ebendort realisiert.
Die Kontroverse durchzieht Schneiders Werk. Der Sterberaum könnte trotzdem nächstes Jahr in einer Gruppenausstellung im Martin-Gropius-Bau in Berlin zu sehen sein. Und zur Ausstellung in Innsbruck sei noch hinzugefügt: Gestorben wurde dort bis dato noch nicht.