Gott ist tot

Die metaphysische Krise des Westens ist manifest. Kunst als Ersatzreligion ist zum Gemeinplatz geworden, das Zeitalter der Bilder ist ausgerufen und der Kapitalismus zum einzigen Weltmodell geworden. Fundamentalismen im Orient und Okzident sind auf dem Vormarsch. Vor diesem Hintergrund hat die Kunst das Thema Religion neu entdeckt - doch nimmt sie es ernst? Kunst selbst hat sich vielleicht niemals ganz von ihrer kultischen Funktion emanzipiert und stand immer schon in einem prekären Spannungsverhältnis zum Projekt der Aufklärung. Ist eine Résistance der Bilder gegen die Re-Mythisierung der Gesellschaft denkbar? Oder leistet die Kunst unwillentlich neokonservativen Tendenzen Vorschub?

Der Kölner Künstler Ulrich Moskopp erblickte Gottes Auge, als er die Duschkabine seines Fitness-Studios verließ. Es war im Nachrichtenmagazin Focus abgebildet, dazu gehörte eine Buchbesprechung von Paul Baddes religionsgeschichtlicher Detektivarbeit „Das Göttliche Gesicht. Die abenteuerliche Suche nach dem wahren Antlitz Jesu“. Das Auge verfolgte den Künstler bis in seine als Trilogie gestaltete Videoinstallation, die jetzt in der Münchner Galerie von Maltzahn fine arts zu sehen ist. Evelyn Pschak hat sich dem Blick gestellt.

Was ist Wahrheit, gibt es ein Leben nach dem Tod, wie steht es um unseren Glauben? Die Zeit scheint reif zu sein für Ausstellungen, die sich den ganz großen Fragen widmen. Auch einige Schweizer Ausstellungshäuser haben sich dem Thema zugewandt, unter anderem eröffnete i m September 2006 im Kunstmuseum Thun „Choosing my Religion“, kuratiert von Direktorin Madeleine Schuppli selbst. Sylvia Rüttimann gibt einen Überblick über die Schweizer Positionen.

Papst Benedikt XVI. besucht das „Heilige Antlitz“ in Manoppello – eine Reliquie mit dem angeblichen Abbild Jesu Christi. Seit rund 500 Jahren wird es im schwer zugänglichen Bergdorf in den Abbruzzen verehrt und kam dabei bisher ohne Papstbesuch aus. Der mediale Repräsentationszwang scheint die monotheistische Inspiration in ihrem Kern beschädigt zu haben. Denn wie sagte einst der Prophet, der Messias, der Christus? "Selig sind, die nicht sehen und doch glauben." Michael Mayer zur Bildpolitik der katholischen Kirche.

Man sieht nur, was man weiß, bemerkte der Bildungsbürger Goethe zum richtigen Umgang mit Bildern. Sehen wir aber tatsächlich nichts, wenn wir nichts wissen? Die bildende Kunst und die menschliche Fantasie im Allgemeinen versuchen immer wieder, über ihre Grenzen hinaus das Unsichtbare zu zeigen. Was jenseits des Darstellbaren ist, wird so zur Kunst des Darstellens. Die im Kölner Wallraf-Richartz-Museum anlässlich des diesjährigen Weltjugendtages konzipierte Ausstellung Ansichten Christi geht eben diesem Veranschaulichungsdrang des Unsichtbaren als einem wesentlichen Charakterzug der Kunst und der religiösen Vorstellung nach. 90 Hauptwerke aus international bedeutenden privaten, kirchlichen und öffentlichen Sammlungen in aller Welt dokumentieren die Geschichte der Christusdarstellungen von der Spätantike bis zur Moderne.

Das Begehren der Kunst im Kernschatten des Kreuzes, das einmal nicht als T-Träger heilsökonomischer Dividendenausschüttung funktioniert, wäre ein Begehren nach Erde, nach Asche und Staub, nach Gras. Mit anderen Worten: Kunst ist, wenn sie ist, vor allem: Denken. Eine ganz eigene und auf andere Praktiken irreduzible Akrobatik des Denkens. Und dieses Denken wäre Denken-des-Fleisches? – Sie wäre so wenig „Erlebnis“ wie „Konzept“. Aber wir sind ja noch längst nicht da. Wir sind im „Orbit des Imaginären“, völlig losgelöst, über den Wassern, und wir begreifen es nicht. Wir begreifen nicht, dass dieses Fleisch, dieser Logos, gemartert und geschlachtet wurde. Weshalb es hohe Zeit wäre, damit ernst zu machen. Mit dem Eklat des Todes Gottes.

Christine darf nicht mehr zur Schule: Da wird Falsches gelehrt, sagen ihre Eltern. Diese glauben, wie immer mehr Amerikaner an den alttestamentlichen Schöpfungsbericht. “Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer.”
Die letzte Wahl hat George W. Bush nicht gewonnen, weil die Amerikaner seine Außenpolitik so gut finden, sondern weil er für fundamentale Werte steht wie ‘“Intelligent Design“, das in zunehmendem Maße auf den naturwissenschaftlichen Curricula der höheren Schulen das Thema Darwin und Evolution zu ersetzen beginnt.
Der Ausstellung America After Jesus von Martha Laugs liegen Fotografien und Erfahrungen zugrunde, die auf ausführlichen Reisen im Bible Belt zwischen 1999 bis 2004 entstanden sind.

Der metaphysische Sinnverlust der westlichen Welt scheint einer allgemeinen Re-Mystifizierung Vorschub zu leisten; wir fühlen uns wieder in einer „re-ligio“ im ursprünglichen Wortsinn. Am Anfang war das Bild – oder?! Zahlreiche Publikationen und Ausstellungen stellen erneut die ewige Frage nach dem Verhältnis von Kunst und Religion bzw. Kunst und Kirche. So auch Philipp Schönborn derzeit in seiner Sonderausstellung „Heiliges Land“ im Museum für Fotografie. Der in München lebende Künstler transportiert seit fast 15 Jahren spirituelle Fragestellungen ins fotografische Bild. Reisen in Europa und nach Israel führten Schönborn zur Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Judentum, Christentum und Islam. Sein theozentrisches Werk erscheint jedoch eher als Kompensation eines individuellen Lebensgefühls unter Vormundschaft des Glaubens, als Mittel zum Zweck. Und der Zweck heiligt bekanntermaßen nicht immer die Mittel.

Vor achtzehn Jahren reiste der Schweizer Dokumentarfotograf und -filmer Alberto Venzago mit seiner Vespa durch Westafrika. Von einer Panne zu unerwarteter Rast gezwungen, lernt er den Voodoo-Priester Mahounon kennen und wird von ihm in die Welt des Voodoo-Kultes eingeführt. Das ist der Beginn von zwölf Jahren Dokumentation, die uns mit ihren Bildern entgegen aller Rationalität für einen kurzen Moment tief in eine spirituelle Welt entführt.

John Lathams Kunst ist ein Universalprojekt, das versucht, unserem kulturell bedingten Weltverständnis konstruktiv eine Alternative gegenüberzustellen. Dabei begegnen wir einem Gottesverständnis, in dem Gott als eine abstrakte Dimension jenseits von Raum und Zeit zu denken ist, die in sich alle Möglichkeiten trägt. Vor diesem Hintergrund stehen die Werke der 1990 begonnenen und bis heute fortdauernden Serie , welche die Lisson Gallery derzeit zeigt: Skulpturen und Assemblagen, in denen Exemplare der heiligen Schriften der drei monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam vereint werden.


Spätestens seitdem bekannt ist, dass US-Präsident George W. Bush zur Außenpolitik bevorzugt seinen Vater im Himmel und nicht seinen biologischen Vater konsultiert, wissen wir um die Popularität des Themas Gott. Mit – einer Ausstellung neuer Arbeiten in der New Yorker Galerie von Barbara Gladstone – betritt nun auch Sarah Lucas die Arena göttlicher Thematik. Dabei bleibt sie einem ihrer Steckenpferde treu: Das Spannungsfeld zwischen Mann und Frau und die Degradierung der Dame zum reinen Lustobjekt und Fetisch des Herrn steht auch heuer wieder im Zentrum ihrer Aufmerksamkeit. Dabei wird man Lucas kaum nachsagen wollen, sie sei subtil oder fein differenziert. Es ist, als ob jemand mit der Dampframme oder dem Presslufthammer andauernd die gleiche Litanei herunterbete.

Die von Klaus Biesenbach kuratierte Sonderausstellung im Dresdner Hygiene-Museum versammelt beachtliche Arbeiten und vielversprechende Ansätze. Doch für den Besucher ist es wie in einem Film, wo zwei Rollen verwechselt wurden und ein Anschlussfehler dazu führt, dass er oder sie sich eigentlich im falschen Film wähnt. Die Frage nach dem Bezug zu den Geboten bleibt meistens offen, wenn Biesenbach seine Favoriten vorstellt und diejenigen Künstler, die sich in der Tat dem Dekalog zuwenden, haben sich zu dieser Schlagerparade offenbar nicht qualifizieren können. Wer wollte schon Dali in Silbermedaillen oder Ikebana-inspiriertes Makramee in Naturfarben, sprich die reguläre Kirchenkunst anschauen? Viele, viele gute Christenmenschen illustrieren, schneiden in Holz, Kartoffel, Linoleum des Herrn Worte. Ist das keine Kunst und wenn nicht, warum nicht? Ansonsten sei die Gegenfrage erlaubt: Warum heißt die Ausstellung nicht "Die Freuden des Mundwassers Odol?"

Ursprünglich von den Mönchen im 4. Jahrhundert in weltabgeschiedenem Dasein erfunden, sind die sieben Todsünden heute mehr als fern gerückt. Zur Erinnerung: Zorn, Geiz, Neid, Gefräßigkeit, Trägheit, Wollust und Hochmut. Eine spannende Ausstellung im Museion in Bozen greift dieses Thema jetzt auf und fragt nach einer möglichen Verbindung zwischen christlichem Wertesystem und aktuellen künstlerischen Positionen. Sieben Künstler und Künstlerinnen, deren Werke diese Themen umkreisen, wurden eingeladen, je eine Todsünde zu interpretieren.
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