„Gold“ im Belvedere, Wien

Gold ist Gold

Sabine B. Vogel
19. März 2012

„Gold“ – Unteres Belvedere, Orangerie und Prunkstall, Wien. Vom 15. März bis 17. Juni 2012

Soeben sorgt die neueste Kunstmarktstudie der TEFAF für Furore: Die nächste Dekade werde die erste sein, in der die Märkte von Schwellenländern mehr zum Wachstum der globalen Ökonomie beitragen würden als die entwickelten Nationen. Diese Vermögensverschiebungen kündigten sich bereits im Phänomen der aktuellen, dramatischen Umsatzverteilungen des Kunstmarktes an, schlussfolgert darin Clare McAndrew. Ihr beispielloses Fazit zieht die Kulturökonomin aus einer Analyse der Umsatzsteigerungen im Kunst- und Antiquitätenmarkt der letzten Jahre: Die größten Wachstumsraten sind nicht mehr in den USA und Europa zu finden, sondern in Brasilien, Indien und China. Seit dem vergangenen Jahr ist gar China mit 30 Prozent Marktanteil zum Tabellenführer avanciert und hat damit in rasender Geschwindigkeit die USA (29 Prozent) und England (22 Prozent) entthront.

Auf 99 Seiten deutet der Report von McAndrew epochale Veränderungen an, die weit über das darin analysierte Kaufverhalten hinausgehen. Denn die Verschiebungen machen zugleich deutlich, dass der geopolitische Westen seine Vormachtstellung über ästhetische Parameter verlieren wird. Die aktuelle Ausstellung im Wiener Belvedere deutet an, wohin die Reise gehen könnte. Unter dem schlichten Titel „Gold“ zeigt der Gastkurator Thomas Zaunschirm dort über 200 Arbeiten von 125 größtenteils zeitgenössischen, westlichen Künstlern, die allesamt das Material Gold verwenden. Echtes Gold, wohlgemerkt – das garantiert die Expertise von 10 Restauratoren, die jede Arbeit im Vorhinein darauf untersucht haben. Gerade im Barockschloss Belvedere ist das ein perfektes Thema, führt doch Gold sowohl die Architektur als auch die Sammlung selber an. Vom Mittelalter bis hin zu Gustav Klimts Der Kuss zieht sich das Thema wie ein roter Faden durchs Museum, wie Agnes Husslein-Arco, die Direktorin des Museums, betont.

Im Mittelalter diente das Material einst der sakralen Erhöhung und flächigen Weltdarstellung. In der Renaissance ließ die Zentralperspektive keinen Platz mehr dafür, statt Heiligenbildern entstanden Landschaften und Porträts. Nur in wenigen, lange Zeit dafür stigmatisierten Werken tauchte das glänzende Edelmetall noch auf. Bis auf einige Ausnahmen verschwand es aus der Kunst des Westens vollkommen. Das Thema Gold in der Kunst sei daher auch eine „Wüste der kunsthistorischen Forschung“, erklärt Kurator Zaunschirm sein Interesse an der Sache.

Kunsthistorisch gesehen ist ihm eine fantastische Ausstellung gelungen, die noch dazu hoch aktuelle Fragen eröffnet: Welche Rolle spielt Gold in unserer Gesellschaft? Nehmen wir es als Mittel der sakralen Erhöhung, als wohlgefälliges Material, als Garantie für Wert oder als transkulturelles Bildelement wahr? Dass im Grunde jede dieser Überlegungen zutrifft, zeigt uns die Ausstellung. Und noch etwas wird deutlich: Mehr und mehr zeitgenössische Künstler benutzen wieder Gold, wenn auch manchmal nur ein einziges Mal: Ian Anüll, Chris Burden, Helmut Federle, Nedko Solakov, Imi Knoebel, sogar Franz West und Gerhard Richter haben sich an das so lange verschmähte Material herangetraut.

Die Art der künstlerischen Verarbeitung ist dabei variantenreich. Die Künstlergruppe General Ideas spielt in ihren goldenen Aids-Buchstaben kontrastreich mit dem Material, ebenso Robin Rhodes, dessen goldener Spaten im Kohlehaufen steckt. Andere Künstler, darunter Imi Knoebel, schätzen offenbar die Flächigkeit, manche veredeln ihr Thema, wie Abbas Akhavan seine Landschaften, oder übertragen das Sakrale ins Profane, so wie Peter Murphy in seinen Jimi Hendrix- und Kurt Cobain-Porträts.

Mit genau solchen Werken überschreitet die Ausstellung allerdings schmerzhaft die Grenzen zum Kitschigen. Das bekannte Kuratorenproblem, thematisch passende Arbeiten aufzutun, führt auch hier zu einem qualitativ durchwachsenen Ergebnis. Aber gerade die unerbittlichen Qualitätsschwankungen legen auch interessante Fragen nahe: Hängt die Rückkehr des Goldes in der Kunst vielleicht mit eben jener Entwicklung zusammen, die in McAndrews Analysen beschrieben wird? Entkräftigt der seit 1991 um 575 Prozent gewachsene Kunstmarkt und die darin enthaltene Gleichsetzung von Kunstkauf und Investment das Gold-Tabu? Und bedeutet das im Umkehrschluss, dass nicht nur der Markt, sondern auch die Künstler selber die Anlageformen Gold und Kunst schlicht gleichschalten? Verliert der Kitsch-Vorwurf in einer international vernetzten Sammlerwelt gar seine Macht? Und inwieweit beeinflusst der globalisierte Kunstmarkt die Werke westlicher Künstler? Denn eines steht fest: In anderen Kulturen hat es das Gold-Tabu nie gegeben. Die sakrale Assoziation wurde dort nicht gefürchtet, die glänzende Fläche galt nicht als Kitsch, Gold als Ausdruck von Reichtum war dort nie verpönt.

Es scheint so, als passten die westlichen Künstler die kunsthistorisch tabuisierte einer weltweiten, gesellschaftlich anerkannten Gold-Bewertung an. Ob wir daraufhin auch unsere Qualitätskriterien werden globalisieren müssen, ist angesichts der Kunstmarktentwicklung letztendlich unwichtig: In der nächsten Dekade wird uns sowieso kaum noch jemand um unsere Meinung dazu bitten.


China übertrifft USA von Dorothee von Flemming
Zum silbernen Jubiläum der TEFAF Maastricht veröffentlicht die Irin Clare McAndrew eine Studie über die Kunstmarktentwicklungen der letzten 25 Jahre. artnet traf die Kulturökonomin zum Interview.

Vernissage im Schlaraffenland von artnet Magazin
Der Videorundgang von artnet bietet einen ersten Überblick über das Angebot der TEFAF, die noch bis Sonntag läuft.


Weitere Artikel von Sabine B. Vogel


Feedback abgebenFeedback abgeben
Artikel druckenArtikel drucken