12. April 2007
Dass die Arbeiten von
Roger M. Buergel und
Ruth Noack eine gewisse Theoriesättigung aufweisen, liegt auf der Hand: Von ihrer Ausstellungsreihe „Die Regierung“, die sich konzeptuell ganz auf den Foucaultschen Begriff der „Gouvernementalität“, der „Kunst der Regierens“ und der Frage nach deren Sichtbarmachung und Kritik bezog, bis zum immer wieder gerne verwendeten Schlagwort vom „Erzählbild“, das die jeweilige Ausstellung als Ganzes ergeben soll und das Buergel/Noack aus
Gilles Deleuzes Kinotheorie vom „Bewegungsbild“ ableiten, besetzt Theorie in ihren kuratorischen Ansätzen eine prominente Position. Und so verbirgt sich auch hinter der Frage „Was ist das bloße Leben?“, dem sich das zweite
„documenta 12 Magazine“ in den nächsten Wochen widmen wird, mit dem Werk des italienischen Philosophen
Giorgio Agamben eine eindeutige theoretische Referenz. Der Begriff des „bloßen Lebens“ hat einen erstaunlichen Aufstieg innerhalb der akademischen Welt wie auch im Kultur- und Kunstbetrieb hinter sich. Er wurde zur Metareferenz, zum Kondensationspunkt verschiedenster Debatten und Giorgio Agamben damit zum Stichwortgeber sowohl für Theoretiker, Kritiker und Künstler – ähnlich wie Ende der 1980er Jahre
Jean Baudrillards Simulationsbegriff oder während der 1990er Jahre
Pierre Bourdieus Institutions- und Distinktionstheorie.
Agamben entnimmt den Begriff des bloßen Lebens Walter BenjaminsZur Kritik der Gewalt und verknüpft ihn mit einer altrömischen Rechtsfigur, dem homo sacer, demjenigen, der getötet werden kann, ohne ein Verbrechen zu begehen: der Totgeweihte, Entrechtete und Vogelfreie. Daneben bilden die Theorien Hannah Arendts zu Fragen des Völkerrechts, Carl Schmitts Souveränitätsparadigma vom Ausnahmezustand und Michel Foucaults Überlegungen zur Biopolitik den größeren Referenzrahmen für Agambens Arbeit. Hat Foucault noch zwischen einer souveränen Macht, die „Leben lässt und sterben macht“ und einer biopolitischen Macht, die „Leben macht und sterben lässt“ historisch unterschieden, so globalisiert Agamben diesen Ansatz im Angesicht seiner Herleitung aus der römischen Rechtsfigur des homo sacer zum allgemeingültigen und quasi-ewigen Funktionsmodus einer Macht, die „Leben macht und sterben macht“.
Das „bloße Leben“ ist insofern „bloß“ oder „nackt“, als es ein Leben ist, das bar jeglichen rechtlichen Schutzes in einem Ausnahmezustand, einem Hohlraum des Gesetzes, zwischen Leben und Tod eingeschlossen ist. Paradigmatische Beispiele dafür sind die Konzentrationslager der Nationalsozialisten, staaten- wie rechtslose Flüchtlinge, die in dubiosen Auffanglagern an den Grenzen ausharren, aber auch das US-Gefangenenlager in Guantanamo Bay. Was in der Terminologie der US-Regierung „Unlawful Combattants“ heißt, bezeichnet genau den Status derer, die außerhalb des geltenden Rechts stehen, nichtsdestotrotz aber in einer Form des Banns festgehalten werden, an einem unbestimmten Ort außerhalb des Geltungsbereichs des Gesetzes, für eine unbestimmte Zeit jenseits der Festsetzung des Strafmaßes.
Dieser Ausnahmezustand ist – so Agamben unter Rekurs auf Benjamins achte These zur Geschichte – in der Moderne zur Regel geworden und alles Leben erscheint so als potentiell bloßes Leben, dem Prinzip nach immer schon schutzlos dem Terror eines sich abwendenden Gesetzes ausgesetzt. Gesellschaft als Ganzes wird als Lager begriffen und genau hier liegt auch eine Schwachstelle seiner Konzeption: Indem das bloße Lebens potentiell ubiquitär gesetzt wird, gibt es kein Entkommen aus seiner beständigen Produktion. Jeder Versuch einer Politisierung, etwa in Form eines Verweises auf die Menschenrechte, wie der französische Philosoph Jacques Rancière kritisiert, reproduziert in Agambens Paradigma das bloße Leben als obszöne Unterseite dieses Rechts. Agamben falle – so Rancière – in eine ontologische Falle, die Politik nur mehr in Form einer messianischen göttlichen Gewalt denken kann, die mit dem Prinzip der Biopolitik endgültig Schluss mache.
Die documenta 12 belegt nun diesen Begriff des bloßen Lebens auf eine typische Weise mit Ambivalenz – sowohl als pures vegetatives Dahindämmern eines jeglicher symbolischen Dimension beraubten Organismus wie auch als ungestüme Vitalität etwa der Sexualität. Doch ist es letztlich genau diese Unbestimmtheit, die das bloße Leben als das Tierische im Menschen und das Menschliche im Tier identifiziert und in einer „anthropologischen Maschine“, wie Agamben dies nennt, Mensch und Tier gerade durch die Einrichtung dieser Ambivalenz von einander scheidet und so immer wieder selbst zur biopolitischen Produktion bloßen Lebens beiträgt.
Hier sei nur kurz auf Artur Zmijewskis Videoarbeit The Game of Tag (Fangen) verwiesen: Zmijewski zeigt eine Gruppe nackter junger Menschen, die in einer ehemaligen Gaskammer Fangen spielen. Das immer ausgelassenere Spiel steht in seiner Unbekümmertheit in krassem Gegensatz zum Ort des Geschehens. Vor dem Hintergrund der Theorie Agambens allerdings wird dieser Gegensatz als die grundlegende Ambivalenz der Kategorie des bloßen Lebens sichtbar: das Unbekümmerte, Kindliche und in höchstem Maße Vitale (man ist verführt zu sagen: „...wie das Herumtollen junger Hunde“), das sich zum Ausdruck des Fangen-Spielens verdichtet, schreibt sich als ergänzende Doublette einer biopolitischen Souveränitätsstruktur in den Todesraum der Gaskammer ein. Und so zeigt Zmijewskis Arbeit in der Tat auf paradigmatische Weise das zweite Leitmotiv der documenta 12 an.
Die Frage allerdings, die sich Zmijewskis Arbeit und mit ihr auch das Leitmotiv der documenta 12 gefallen lassen muss, betrifft den Status dieses Zeigens auf die Ambivalenz des bloßen Lebens – denn es läuft Gefahr, gerade mit dieser Geste die Mechanismen der anthropologischen Maschine zur biopolitischen Produktion bloßen Lebens weiter zu bedienen. Die documenta 12 befindet sich mit der Frage „Was ist das bloße Leben?“ auf einem schmalen Grat zwischen dem Sichtbarmachen, der kritischen Befragung eines Phänomens und dem Stolpern über die ontologischen Fallstricke seiner Theoretisierung.