30. Oktober 2010
Was ist eigentlich auf dem Kunstmarkt los? Oder spiegeln die preislichen Diskrepanzen zwischen den unterschiedlichen Segmenten nur die Verhältnisse in der Kultur insgesamt wider? Wenn dem so wäre, müsste man eine gewaltige Schieflage konstatieren, die Ausdruck eines ganz und gar veränderten Wertempfindens ist. Die Maßstäbe der Kunstgeschichte sind vom Prickeln eines überhitzten Auktionsmarktes und der Allure überhöhter Preise außer Kraft gesetzt worden. Anders ist kaum zu erklären, dass einerseits bunte Deko von fragwürdigem ästhetischem Wert und begrenzter kommerzieller Halbwertzeit immer noch oder wieder zu Fantasiepreisen gehandelt wird, während museale Werke für den Gegenwert eines Kleinwagens zu haben sind.
Mit den Themen altväterlicher Erbauung und Repräsentation möchten sich heute nur noch wenige beschäftigen, und dafür gibt es gute Gründe. Gott ist tot – und dessen Preis und Lob machte schließlich einen Gutteil kultureller Produktion vergangener Jahrhunderte aus. Wer in der Kunst Antworten oder zumindest Kommentare zu den Fragen der Gegenwart sucht, wird sich schwerlich mit historischer Ware anfreunden können. Alte Kunst hat daher einen schweren Stand. Gepflegt und gefeiert wird sie eigentlich nur noch in den Kreisen, die noch nie unter Hipness-Verdacht standen und eher auf Distinktion denn auf Adabei bedacht sind. Hier dürfen ältere Gemälde auch gerne mal einen sieben- oder achtstelligen Betrag kosten. Alles andere gilt als B-Ware.
Doch auch die Werke von alten Meistern aus der zweiten Reihe haben es in sich und können es mit dem Ausfluss der aktuellen Kunst zumeist locker aufnehmen. Es ist nicht einzusehen, warum etwa eine Madonna mit Kind von Giacomo Francia, die aktuell bei Lempertz in Köln angeboten wird, um einen Faktor von mindestens zehn schlechter sein soll als ein Damien Hirst’sches Muster aus aufgeklebten Schmetterlingen – wenn man den Preis als Vergleichsmaßstab zugrunde legen möchte. In gewisser Weise haben diese Werke sogar einiges gemeinsam. Der Maler Giacomo Francia stammte aus einer Künstlerfamilie. Sein Vater Francesco war der führende Vertreter seiner Zunft im Bologna des frühen 16. Jahrhunderts. Die Söhne ergriffen den gleichen Beruf, ohne sich jedoch durch besondere Innovationskraft auszuzeichnen. Vielmehr waren sie sehr talentierte Handwerker, die sich inhaltlich an den aktuellen Tendenzen ihrer Zeit, namentlich an Pietro Perugino, orientierten – mit Ergebnissen, die in der Regel durchaus museumswürdig sind, was man unter anderem in der Berliner Gemäldegalerie nachprüfen kann. Dabei spielt es im Grunde keine besonders große Rolle, von wessen Hand ein solches Werk tatsächlich ist. Andachtsbilder dieses Typus gibt es zuhauf. Sie sind mal weniger, mal mehr gelungen; das Exemplar bei Lempertz – dessen Urheberschaft unstrittig scheint – gehört zweifelsfrei in die letztere Kategorie. Schmetterlingsbilder gibt es ebenfalls im Überfluss, und niemand wird ernsthaft behaupten, dass nach dem ersten Dutzend noch irgendeine Form von kulturellem Mehrwert in die Produktion eingeflossen wäre.
Insofern sind diese beiden Gruppen von Kunstwerken als Erfolgstypen ihrer Zeit durchaus vergleichbar. Nur kosten die gut 500 Jahre alten Exemplare, wenn sie denn nicht unverkäuflich an Museumswänden hängen, lediglich ein Bruchteil der in letzter Zeit omnipräsenten Glitzerware. Und wenn auch das Dargestellte der alten Werke heute nur noch von kulturhistorischem Interesse ist, scheint die Wertschätzung der Ausführung dagegen zuzunehmen. Wie oft raunen sich Besucher angesichts der alten Meister zu: „Die konnten noch malen damals.“ Nun ist virtuose Beherrschung eines Handwerks noch kein Ausweis künstlerischer Qualität. Denn möchte man sich vorstellen, dass in 500 Jahren einmal Besuchergruppen vor einem schillernden Vanitasbild unserer Tage stehen und sich ebenso anerkennend zuflüstern: „Die konnten noch Schmetterlinge kleben damals“?
Es scheint also immer noch Geheimwissen zu sein, dass mit den alten Meistern eine ganze Assetklasse chronisch unterbewertet ist. Doch wer es gewohnt ist, ein paar Nullen mehr für Zeitgenössisches auszugeben, greift manchmal auch zum gut abgehangenen Schulbuchinhalt, und sei es nur, um in der eigenen zeitgenössischen Sammlung einen klassischen Kontrapunkt zu setzen. En passant lässt sich so demonstrieren, dass man nicht nur mit der Avantgarde intimen Umgang pflegt, sondern darüber hinaus mit klassischer Kennerschaft ausgestattet ist. Ein Wuppertaler Sammler, der in Berlin eine halböffentliche Sammlung in einem Betonkubus unterhält, ließ sich vor einigen Jahren bei Lempertz eine Maria mit dem schlafenden Christusknaben und entblößter Brust zuschlagen, die der Katalog vage in der Nachfolge des Joos van Cleve verortete – für 22.000 Euro netto. Auf die Frage, warum er denn jetzt so altes Zeug gekauft habe, antwortete er sinngemäß: „Qualität kennt kein Alter.“ Und damit hat er recht.