Gespräch mit documenta-Künstler Ai Weiwei

I don’t love art

Jennifer Frilanz
8. Juni 2007
Ein Interview mit Ai Weiwei zu führen, bedeutet zu improvisieren. In seinem Wohnstudio im Pekinger Kunstdistrikt Danshanzi folgen ihm zwei Filmteams auf Schritt und Tritt. Sein Documenta-Team wartet auf Anweisungen und Uli Sigg, einer der wichtigsten Sammler zeitgenössischer chinesischer Kunst, auf ein paar Minuten mit seinem Star. Ai Weiwei steht mitten im Raum, groß und breit wie ein Buddha, und kaut in aller Ruhe getrockneten Fisch.

artnet Magazin: Ai Weiwei – was bedeutet der Name eigentlich?

Ai Weiwei: Ai ist der Nachname. Wei bedeutet negativ oder Verneinung.

artnet Magazin: ...eine doppelte Negation?

Ai Weiwei: So könnte man sagen. Der Name passt. Ich bin weder stolz darauf, Chinese zu sein, noch darauf Mensch zu sein. Ich habe keine Vergangenheit und keine Zukunft. 

artnet Magazin: Liegt Ihre Zukunft nicht in der documenta? Immerhin planen Sie eines der größten Projekte in der Geschichte der Kunstschau: Sie lassen 1001 Ihrer Landsleute nach Kassel fliegen. Das Projekt nennen Sie „Fairy Tale“. Wie haben Sie die vielen Menschen gefunden?

Ai Weiwei: Ich habe das Namensverzeichnis in meinem Mobiltelefon durchtelefoniert. Und ich habe einen Aufruf in meinen Blog gestellt: http://blog.sina.com.cn/aiweiwei. Innerhalb von zwei Tagen haben 1000 Bewerber geantwortet.

artnet Magazin: Was sind das für Leute?

Ai Weiwei: Die meisten meiner Bekannten sind Künstler, Designer, Musiker, Galeristen, Architekten, Kunststudenten, die in Großstädten leben. Aber ihre Familien haben ihre Provinzen oft noch nie verlassen, einfache Bauern, Arbeiter, Polizisten, Arbeitslose, eine Mutter mit Kind. Einige kommen aus einem Dorf weit oben im Norden Chinas. Sie sprechen nicht einmal Chinesisch und wir mussten ihnen Namen geben, um Pässe beantragen zu können. Diese Menschen haben ihr ganzes Leben an den Sozialismus vergeudet. Für sie ist es die letzte Chance, einen Teil der Welt zu sehen.

artnet Magazin: Das Unmögliche möglich machen, ist das für Sie das Wichtigste an „Fairy Tale“?

Ai Weiwei: Normalerweise produzieren Künstler Werke für unbekannte Betrachter. Dieses Kunstwerk produziere ich für Menschen, die es nie vergessen werden. Das ist das Schöne.

artnet Magazin: Und wo wohnen die Menschen?

Ai Weiwei: In einer ehemaligen Volkswagenfabrik, die heute der Universität gehört. Meine Tischler bauen ihnen Doppelstockbetten, sie bekommen Decken aus Bambusfasern und neues Gepäck, das ich in einer Fabrik in der Mongolei anfertigen lasse. Die Designer in meinem Team haben Sweatshirts, Röcke und Tanktops entworfen. Und ich verschiffe 1001 Stühle.

artnet Magazin: Ein Stück Heimat für jeden der chinesischen Bürger, die nach Kassel fahren?

Ai Weiwei: Es sind antike chinesische Stühle, zwischen 100 und 400 Jahre alt. Ich habe sie im ganzen Land auf Antikmärkten und in den Wohnzimmern von Familien gefunden.

artnet Magazin: Befürchten Sie, die Reisenden könnten sich in dem deutschen Städtchen unwohl fühlen?

Ai Weiwei: Nein. Alle anderen scheinen sich Sorgen um sie zu machen. Viele glauben, sie könnten in Deutschland untertauchen. Das ist Unsinn. Ich habe sie alle befragt. Sie sind Teil eines Kunstprojekts, werden sich die Ausstellung und die Stadt ansehen und ihre Eindrücke dokumentieren. Übersetzer sind auch dabei. Natürlich kann man sich auch mit ihnen unterhalten.

artnet Magazin: Einer der Hauptaspekte der documenta 12 ist die Vermittlung von Bildung...

Ai Weiwei: ...genau. Ich glaube, kein anderes Projekt wird dem Thema Bildungsvermittlung eher gerecht. Ich will die Kunst von ihrem hohen Sockel herunterholen.

artnet Magazin: Wo sonst auf der Welt kann man in diesem Jahr Ihre Kunst sehen?

Ai Weiwei: In Basel auf der Art Unlimited zeige ich im Juni die Arbeit Fragments, 173 Holzteile aus alten Tempeln. Und für die Tate Liverpool habe ich einen gewaltigen Kristallleuchter konstruiert. Er wird in einem Wasserbecken installiert und sieht aus, als ob er gerade vom Himmel gestürzt sei. Im Cork Museum in Irland präsentiere ich A monument of junk art. Ich habe Türen und Fensterläden aus Hutongs – den traditionellen Hofhäusern – gerettet und in Marmor nachgebaut. Zwanzig Tonnen Marmor habe ich verarbeitet.

artnet Magazin: Ihre Kunst entsteht in Ihrem riesigen Wohnatelier in Peking. Haben sie den Komplex für die Kunstproduktion gebaut?

Ai Weiwei: Als ich die ersten Kunstwerke schuf, wohnte ich noch bei meiner Mutter. Bald war klar: Ich brauchte ein Studio. Über die Architektur habe ich keine Sekunde nachgedacht. Die Zeichnung war in ein paar Stunden fertig. Ich habe das ganze Haus in 60 Tagen hochgezogen, für 40.000,- US-Dollar.

artnet Magazin: Ihr Badezimmer hat keine Wände. Brauchen Sie nie Privatsphäre?

Ai Weiwei: Als ich das Haus gebaut habe, hatte ich nie Besuch. Jetzt ist es das öffentlichste Haus Chinas. Es sind einfach immer Leute hier, Busladungen aus dem New Yorker MoMA, Architektenteams, Freunde, Künstler, Filmemacher. Es geht zu wie auf einem Bahnhof.

artnet Magazin: Inzwischen sind Sie zum Berater der Schweizer Architekten Herzog & De Meuron beim Bau des Olympischen Stadions in Peking, dem „Bird’s nest“ geworden. Wie entstand die ungewöhnliche Form?

Ai Weiwei: Die Vogelnestform hat in China eine besondere Bedeutung. Vogelnester sind eine Delikatesse in unseren Restaurants und gelten als Glücksbringer. Die verzweigte Form ist einerseits chaotisch, andererseits perfekt.

artnet Magazin: Welche Bedeutung hat Architektur in ihrem Werk?

Ai Weiwei: Eine große. In den letzten sechs Jahren habe ich rund dreißig Projekte fertig gestellt. Jetzt möchte ich ganz mit der Architektur aufhören. Ich möchte Produkte entwerfen, Filme drehen. Es gibt noch einige Überraschungen.

artnet Magazin: Mit einer Überraschung begann auch ihre Karriere.

Ai Weiwei: 2000 zeigte ich Arbeiten von fünfzig jungen Künstlern auf den Stufen vor der Nationalbibliothek in Shanghai. Kurz nach der Eröffnung wurde sie geschlossen. Damals war zeitgenössische Kunst illegal. Noch vor fünf Jahren war es verboten, über moderne Kunst zu reden. Als einer der Wenigen habe ich die moderne Kunst vorangetrieben. Dennoch hatte ich noch keine Einzelausstellung in China.

artnet Magazin: 1981 gingen Sie frustriert nach New York. Was hat Ihnen Amerika gebracht?

Ai Weiwei: Vor dem Abflug sagte ich zu meiner Mutter: „Ich komme als chinesischer Picasso zurück“. Aber statt an der Parsons School of Design zu studieren, habe ich zwölf Jahre lang wie ein Trottel herumgehangen. Den amerikanischen Traum habe ich nicht gelebt. Ich habe keinen amerikanischen Pass, keine Ausbildung, kein Einkommen, keinen Führerschein, keine Kinder und ich habe fast nie Steuern gezahlt.

artnet Magazin: Warum sind sie nach China zurückgekehrt?

Ai Weiwei: Als mein Vater sehr krank war, nutzte ich das als Entschuldigung, um zurückzukehren.

artnet Magazin: Hatten Sie dort mehr Glück?

Ai Weiwei: Ich habe zum Leidwesen meiner Mutter mit meinem Bruder Poker gespielt – bis mich eines Tages Uli Sigg besuchte. Damals hatte ich kaum Kunstwerke. Ich glaube, er war eher von mir beeindruckt als von der Kunst. So ist es noch immer! Ich sage ihnen die Wahrheit: Vor 2004 hat niemand meine Kunst gekauft. Einige meiner Arbeiten aus der New Yorker Zeit stehen immer noch unausgepackt herum. Mit meiner Galerie Urs Meile arbeite ich seit Anfang 2005 zusammen.

artnet Magazin: Was ist Ihrer Meinung nach Chinas größtes Problem?

Ai Weiwei: Die sozialpolitische Situation und die zentralisierten Entscheidungen in Peking. Sie wandeln sich nur an der Oberfläche. China ist das extremste Beispiel dafür, wie rasant sich eine Gesellschaft verändert. Trotzdem hat sich an meiner negativen Einstellung gegenüber dem Land nichts geändert. Ich weiß, wie schlecht die Menschen hier sein können.

artnet Magazin: Sie haben es am eigenen Leib erfahren...

Ai Weiwei: Ich bin in der Wüste Gobi mit meiner Familie aufgewachsen. Mein Vater, der berühmte Dichter Ai Qing, war bei Mao in Ungnade gefallen. Wir wurden ins Exil geschickt, erst in ein Arbeitslager nahe der mongolischen Grenze, dann in ein militärisches Ausbildungscamp. Dort waren wir nicht eine Sekunde frei, ständige mentale Kontrolle – wie im Konzentrationslager. Ein ganzes Jahr lang hatten wir kein Fleisch, keinen Tropfen Öl. Leute haben auf uns gespuckt, Kinder sind mit Stöcken hinter mir hergelaufen. 1978 durften wir zurückkehren.

artnet Magazin: Wie hat sich die Kunstszene in den letzten Jahren gewandelt?

Ai Weiwei: Inzwischen gibt es erstaunlich viele zeitgenössische Künstler und seit wenigen Jahren auch Kunstkritiker, Kunstmagazine und chinesische Sammler. Erstaunlich, wie schnell die Chinesen in allen Bereichen aufholen. Ich selbst fühle mich wohler auf der „Arbeiter-Seite“. Ich habe in Fabriken, auf Farmen, mit Tischlern gearbeitet – und nie auf Geld geachtet. Das macht mich stolz. Nur Arbeiten, um Geld zu verdienen, das ist doch eklig. Mir wäre es egal, wenn ich nie ein Werk verkaufen würde. I don’t care. I don’t love art. Lieber entwerfe ich Produkte oder schreibe einen Satz, für den ich ein paar Tage brauche, weil ich ihn immer wieder verändere.

artnet Magazin: Treibt die Veränderung Sie an?

Ai Weiwei: Ich bin von all dem, was ich vervollständigt habe – auch der Kunst – total gelangweilt. Ich würde auch nie mein Haus mit meinen eigenen Arbeiten dekorieren. Auf Unbekanntes zugehen, neugierig bleiben – das ist mein Motto.

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