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Gerold Tagwerker in der Galerie Artfinder, Hamburg

Das Gesicht der Anonymität

Belinda Grace Gardner
3. März 2005
Im Zentrum der aktuellen Hamburger Ausstellung von Gerold Tagwerker leuchten in kurzen Intervallen die unterschiedlichen Seiten eines weißen Kubus auf. Irgendwann kommt der Moment, in dem der Würfel für einen magischen Augenblick in Gänze erstrahlt. Mit seiner eigendynamischen Leuchtkraft wirkt das auf dem Boden ruhende Gebilde zunächst wie ein Space-Age-Schrein. Doch die Aura des Erhabenen, die der Kubus buchstäblich ausstrahlt, verflüchtigt sich schnell angesichts der Tatsache, dass er aus normierten Aufbauleuchten besteht, wie sie an den Decken vieler öffentlicher Gebäude zu finden sind. Quelle des geheimnisvollen Lichtscheins wiederum sind schlichte Leuchtstoffröhren, die über eine elektronische Steuerung aktiviert werden. Die Arbeit cube. cool-white vermittelt in Gestalt eines nach außen gestülpten White Cube die Undurchdringlichkeit einer Black Box. Und weckt sofort Assoziationen zum Minimalismus der 1960er-Jahre, auf den sich Tagwerker nicht minder bezieht als auf die zeitgleichen nachmodernen Erscheinungsformen der Architektur, wie sie etwa der Brutalismus hervorgebracht hat.

Dass der 1965 geborene Wiener Künstler in erster Linie formalistische Anliegen verfolgt, ist in seinen auf Baumarktmaterialien wie Spiegelfolie, Schleifpapier, Klebeband oder Lochplatten basierenden minimal-ästhetischen Objekten und Installationen ebenso zu erkennen wie in seiner Serie von Schwarz-Weiß-Fotos, die seit 1995 entsteht. Tagwerker durchstreift dafür städtische Räume, den Oberflächenbeschaffenheiten modernistischer Architekturen und Interieurs auf der Spur. Spektakuläre Baudenkmäler oder Ikonen des Designs interessieren ihn dabei nicht, sondern die beiläufigen Verkörperungen eines massenproduzierten Modernismus der Fertigbauteile. „Diese Architekturen, die keine Starqualitäten besitzen und die man in keinem Architekturführer findet“, so der Künstler in einem Gespräch (abgedruckt im Katalog: Gerold Tagwerker – neunundneunzig, Wien 2000), „faszinieren mich in ihrer Kühle und Anonymität, in ihrer Langeweile und Banalität, der unendlichen Aneinanderreihung von ein und demselben Element.“ Er verwendet diese Architekturen „als Material, als Strukturen“, die er als „Details aus einer realen, banalen und alltäglichen Welt“ aufnimmt.

In der Schau sind mehrere fotografische Außen- und Innenansichten versammelt, die genau diese Details in den Blick rücken – ohne indes die Langeweile zu reproduzieren, der sie laut Tagwerker entspringen. Die Strukturfassade eines Hochhauses beispielsweise (urban studies – Paris #5, 1999) mutiert im steil nach oben fotografierten Ausschnitt zum markanten modularen Relief. Eigenartig verschobene Perspektiven verleihen dem menschenleeren Aufgang in einer Bibliothek oder den Rolltreppen in einem unbevölkerten Bürokomplex (interior #2 - Paul Gavin Library, IIT, Chicago, 2001/02 und interior #5 – Atrium Office Plaza, Chicago, 2001/02) eine beinah abstrakte, skulpturale Qualität. Hier liegt der Fokus ebenfalls auf den Phänomenen der Oberfläche: den Verschalungen und Verkleidungen, Kanten und Schwüngen, Linien, Rastern und geometrischen Körpern, die jenseits von Zweckgebundenheit als rein formale Gefüge sichtbar werden. Der Ausstellungstitel alphaville/zero2 greift die von Tagwerker kompilierte gleichnamige Kürzestfassung von Godards Filmklassiker Alphaville aus den frühen 1960er-Jahren auf, in dem Undercover-Agent Lemmy Caution jede Menge Randaspekte und geheime Winkel des Pariser Stadtbildes fotografisch dokumentiert. Damit gibt er, ganz wie der Künstler, den banalen, anonymen Erscheinungen, die dem urbanen Alltag strukturell eingeschrieben sind, Bedeutung – und ein Gesicht.

Bis zum 12. März 2005 in der Galerie Artfinder, Hamburg.

www.artfinder.de


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