Gerhard Richter in Brasilien

Richter in den Tropen

Miriam Minak Essarts
9. Februar 2012

Tate Modern, Centre Pompidou, Neue Nationalgalerie Berlin, Kunsthalle Dresden. Die großen Häuser Europas schmücken sich derzeit mit üppigen Retrospektiven Gerhard Richters. Die kleine Wanderausstellung „Übersicht“ hingegen ist bereits seit Jahren auf Welttournee und pünktlich zum 80. Geburtstag des Künstlers im südbrasilianischen Porto Alegre angekommen.

Weshalb Brasilien? Dahinter steckt ein 23jähriges Konzept. 1989 konzipierte das Institut für Auslandsbeziehungen (ifa) eine auf viele Jahre angelegte Ausstellungsreihe deutscher Künstler, die auf Weltreisen im Ausland gezeigt werden sollte. Den Auftakt lieferte Joseph BeuysFelix Droese, Günther Uecker, Georg Baselitz, Rebecca Horn und Sigmar Polke folgten. Im Jahr 2000 setzt Gerhard Richter das ifa-Programm mit seinem Ausstellungsprojekt „Übersicht“ fort, das auch nach zwölf Jahren keine Müdigkeitserscheinungen zeigt: Von Stuttgart – hier findet die erste Etappe des Ausstellungsmarathons statt – nach Asien über Australien bis Osteuropa. Die ganze Welt soll Gerhard Richter sehen. Nun also auch Südamerika.

Am palmenverzierten Platz Praça da Alfândega liegt das pompöse Museu de Arte do Rio Grande do Sul (MARGS), das zusammen mit dem ortsansässigen Goethe-Institut und eben dem ifa eingeladen hat, die von Richter selbst ausgesuchten und zusammengestellten Arbeiten kennenzulernen. 27 Werke, die fast alle Schaffensphasen des Künstlers repräsentieren: Fotorealistische Malerei der 1960er, Abstraktes der 1980er und 1990er-Jahre und Drucke. So verspricht es jedenfalls der Ausstellungsflyer.

Passend dazu wird man bei Betreten des ersten der beiden Galerieräume denn auch gleich in die komplexe Grafik Übersicht hineingezogen, die in tabellarischer Form einen Überblick über die größten Künstler, Denker, Schriftsteller und Komponisten seit dem frühen 13. Jahrhundert bis in die Nachkriegszeit gibt. Richters Arbeit will allerdings keine persönliche qualitative Beurteilung der genannten Personen sein. Vielmehr deckt sie sich mit den 1972 entstandenen 48 Portraits, welche die jeweilige Position der Portraitierten fixieren und als historische Bestandsaufnahme funktionieren wollen.

Vorbei geht es an 128 Fotos von einem Bild: Dass die gemalte Mondlandschaft in Wirklichkeit 128 Fotografien sind, die sich auf acht Bildtafeln verteilen, erschließt sich erst bei näherer Betrachtung. Ein ungewöhnliches Werk: Richter fotografiert während seiner Gastprofessur am Nova Scotia College of Art and Design im Jahr 1978 eine abstrakte Ölskizze aus unterschiedlicher Distanz bei Tages- oder Kunstlicht. Das intendierte Spiel zwischen den beiden Gattungen Malerei und Fotografie geht auf.

Dass Größe relativ ist, zeigen auch die kleinen abstrakten Ölarbeiten der 1990er-Jahre. Um den finanziellen Rahmen der Ausstellungstour nicht zu sprengen – und wohl auch, weil sie andernorts gebraucht werden – verzichtet „Übersicht“ leider auf jegliche großformatigen Abstraktionen Richters. Und auch das Versprechen der fotorealistischen Bilder wird nicht eingelöst: Zu sehen sind nicht die zart verschwommenen Ölgemälde Onkel Rudi, Domecke und Betty, sie werden nur als Cibachrome oder Offset-Druck hinter Glas gezeigt. Zweifelsohne ist es nicht möglich, die gezeigten Originalgemälde für Jahre aus ihren Sammlungen, denen sie angehören, zu reißen, um sie einmal quer um den Erdball zu schicken. Richter fertigte deshalb Editionen seiner fotorealistischen Bilder an, um dem Publikum im fernen Argentinien, Malaysia oder im Iran Zugang zu seinem Oeuvre zu verschaffen. Das Wissen um den künstlerisch-technischen Vorgang – von der ursprünglichen Fotografie zur Malerei und wieder zurück zur Fotografie – wird allerdings schlicht vorausgesetzt. Die Ausstellung stellt keine Infotafeln, keine Begleittexte oder Audio-Führungen bereit. Nichts weist darauf hin, dass Betty nicht einfach eine bloße Fotografie ist.

Abgesehen von der Frage, was der Brasilianer bereits über Richter weiß – dessen Werk mit der durch fünf Städte tourenden Wanderschau erstmals im Land zu sehen ist – kann man den Veranstaltern ein kunstpädagogisches Versäumnis vorwerfen, das wohl rund um den Globus ein Problem wäre: Kann Richters angepriesenes fotorealistisches Talent in unkommentierten Offsett-Drucken verstanden werden? Begreift, wer einen klassischen Maler erwartet, die Bilder des kühlen Konzeptkünstlers aus Köln?

Auf der Facebookseite der Pinacoteca de São Paulo, wo die Ausstellung zuvor zu sehen war, sind verwirrte Stimmen zu finden: „Kann mir das Bild (Betty, Anm. d. Red.) bitte jemand erklären?“ Und auch bei der Onlineumfrage der brasilianischen Tageszeitung „Folha de S. Paulo” zur besten Ausstellung 2011 schneidet Richters „Übersicht” mit zwölf von über 7000 Stimmen mangelhaft ab, was vermutlich auf den fehlenden didaktischen Ansatz und den Informationsmangel in der Ausstellung zurückzuführen ist. Was nicht verstanden wird, prägt sich nicht ein.

Dass Interesse an deutscher zeitgenössischer Kunst vorhanden ist, zeigt nicht die Wanderausstellung selbst, sondern auch Sigmar Polkes Soloshow oder die Gruppenausstellung „Deutsche zeitgenössische Malerei 1989-2010“, die beide erfolgreich 2011 im Museu de Arte de São Paulo (MASP) zu sehen waren. Richters „Übersicht“ in Brasilien zu zeigen, ist wichtig und richtig. Anstatt den unbewanderten Besucher aber einfach ins kalte Wasser zu werfen und auf bestehendes Vorwissen zu hoffen, sollte man ihm zumindest einige grundlegende Informationen reichen. Nur dann steht einer Weltumseglung nichts mehr im Wege.

Gerhard Richter: „Übersicht – Sinopsis“ (in Kooperation mit dem Goethe-Institut Porto Alegre) – Museu de Arte do Rio Grande do Sul, Porto Alegre, Brasilien. Vom 15. Dezember bis 26. Februar 2012

Weitere Stationen:
Gerhard Richter: „Übersicht – Sinopsis“ (in Kooperation mit der Humboldt-Gesellschaft Quito) – Museo de la Ciudad, Quito, Ecuador. Vom 15. April bis 24. Juni 2012

Gerhard Richter: „Übersicht – Sinopsis“ (in Kooperation mit dem Goethe-Institut Bogotá) – Biblioteca Luis Angel Arango, Bogotá, Kolumbien. Provisorischer Zeitraum vom 1. August bis 15. Oktober 2012


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