22. September 2008
„George Nelson // Architekt, Autor, Designer, Lehrer“, Vitra Design Museum, Weil am Rhein. Vom 13. September 2008 bis 1. März
Der Stuhl „Pretzel“ – auf Deutsch „Brezel“ – gehört zu den frühen Entwürfen
George Nelsons (1908-1986). Seinen Namen verdankt das Möbel nicht etwa einer bäuerlichen Wirtshausgemütlichkeit, sondern seiner grazilen, aus Schichtholz gebogenen Gestalt. In einer auf 1.000 Stück limitierten Sonderedition hat der Schweizer Edelmöbelkonfektionär „Vitra“ mit Produktionsstätten in Deutschland, den USA und China, den filigranen Klassiker jetzt anlässlich des Nelson-Jubiläums neu herausgegeben. Die erste umfangreiche Retrospektive zum Schaffen und Wirken des einflussreichen amerikanischen Mid-Century-Designers, der in diesem Jahr hundert Jahre alt geworden wäre, eröffnete am 13. September im hauseigenen Museum des Unternehmens, wo sich auch das George-Nelson-Archiv befindet. Hier verbinden sich Kunstgeschichte und Marketing im Dienst der gemeinsamen Sache. Vielleicht erhöht das museologische Geburtstagsständchen ja nebenbei auch noch den Abverkauf.
George Nelson zählte wie Charles und Ray Eames, Harry Bertoia und Eero Saarinen zu den führenden US-Gestaltern der Nachkriegsära. Mit seinen innovativen Entwürfen gab er nicht zuletzt den unersättlichen Wohnträumen einer fortschrittversessenen Nation Gestalt. Zu seinen Kunden gehörten große Industrieunternehmen wie BP, IBM, General Electric oder Olivetti. Er war gleichermaßen Designer, Konzeptionalist wie Vordenker moderner Lebensformen. Bereits 1945 erschien sein berühmtes Buch Tomorrow’s House: A Complete Guide for the Home Builder. Als er sich 1947 mit 39 Jahren als Designer selbständig machte, hatte er bereits eine Karriere als Architekturkritiker und Architekt hinter sich, wo er unter anderen am „Sherman Fairchild House“ beteiligt war, das zu den ersten modernen Stadthäusern New Yorks zählt. Zu seinen ersten Erfolgen als Designer gehört die „Storage Wall“ von 1944: ein innovatives Stauraummöbel, das mit moderner Coolness und Raumästhetik die Wände gleichermaßen praktisch wie flexibel ersetzt und als „revolutionäres“ Pionierstück moderner Einbaukultur gilt.
Der nach wie vor berühmteste Entwurf Nelsons ist wohl das Marshmallow Sofa. Bei Phillips de Pury & Company wurde ein frühes Exemplar dieser Ikone des Mid-Century Designs jüngst auf 90.000 US-Dollar angesetzt, bei dem Chicagoer Auktionshaus Wright erhielt ein anderes im Jahr 2003 den Zuschlag für 26.000 US-Dollar. Die Geschichte des legendären Sitzmöbels, das die Pop-Art der 1960er schon um einige Jahre vorwegnahm, begann hingegen weniger spektakulär. Ein Kunststoffvertreter hatte in George Nelsons New Yorker Büro eine neue Polstertechnik vorgestellt, worauf Irving Harper, ein langjähriger Mitarbeiter Nelsons, über das Wochenende mit der neuen Technik ein Möbel aus 18 reifengroßen Sitzkissen entwarf, ein Experiment ohne ernsthaften Anspruch auf Serienreife. Die angekündigte Polstertechnik hielt zwar nicht, was sie versprach. Das originelle Sofa aber ging 1956 als Marshmallow Sofa in Produktion. Da jedes Kissen in Handarbeit gefertigt werden musste, brachte Herman Miller bis 1965 nur 200 Stück davon auf den Markt. Entsprechend teuer werden die ersten Marshmallow Sofas heute gehandelt.
Obwohl sich Nelson dem demokratischen Designansatz seiner Zeit verpflichtet fühlte – nämlich gutes Design für jedermann erschwinglich zu machen –, war er im Grunde nur begrenzt bereit, um einer kostengünstigen und seriellen Fertigung willen allzu große kreative Konzessionen einzugehen. Dieser idealistischen Geisteshaltung entsprang wohl auch seine Fähigkeit, Mitarbeiter und Kollegen zu motivieren. In seiner Zeit als Chefdesigner der US-Designschmiede Herman Miller in den Jahren 1946 bis 1972 holte er sowohl Charles und Ray Eames als auch Isamu Noguchi und Alexander Girard ins Unternehmen. In seinem eigenen Büro „George Nelson Association“, wo zwischenzeitlich über fünfzig Angestellte beschäftigt waren und unter anderen auch der kürzlich verstorbene Ettore Sottsass mitwirkte, ließ er den Mitarbeitern jeden freien Entfaltungsraum für eigene Ideen und Fantasien, wie sich später Irving Harper mit treuer Bewunderung erinnerte.
Wer für das berühmte „Atom“-Design von Nelsons legendärem Ball Clock (1947) letztlich zuständig war, ist im Nachhinein kaum mehr festzustellen. Laut George Nelson soll die Wanduhr das Ergebnis eines chaotisch-inspirierten Saufgelages gewesen sein, an dem neben Irving Harper auch Isamu Noguchi und „Bucky“ Fuller teilgenommen hatten. Über hundert verschiedene Varianten der Wanduhren entwarf Nelsons Büro in Folge, alle produziert von Howard Miller, Herman Millers Bruder. Die tickende Formexpressivität entsprach perfekt der Geschmacksgewaltigkeit der 1950er Jahre. In den 1980er Jahren wurde die Produktion mangels Nachfrage allerdings eingestellt. Inzwischen gibt Vitra, deren „Nelson Kollektion“ in den letzten Jahren kontinuierlich gewachsen ist, einige Modelle dieser fantastisch schrillen Wanduhren wieder heraus. Dabei haben die Re-Editionen keinen Einfluss auf die weiterhin hohen Preise der Originalserien, die zum Teil mit bis zu 5.000 US-Dollar gehandelt werden.
Das Interesse an Nelsons Möbelentwürfen ist vor allem seit Ende der 1990er Jahre deutlich gestiegen, obwohl aus seinem vielfältigen und umfangreichen Oeuvre heute im Grunde nur noch ein kleiner Teil produziert wird. Das Marshmallow Sofa legte Herman Miller 1999 wieder auf. Im Jahr 1994 die Plattform Bench. Vor allem die Nachbauten von Nelsons Bubble Lamps (ab 1952) erleben derzeit ein geradezu modisches Revival. Die seltenen Ausführungen der Original-Leuchten erzielen bis zu 6.500 US-Dollar. Nelsons berühmter Coconut Chair, dessen Form entsprechend dem exotikverliebten Zeitgeist der Aufbruchjahre eine Kokosnussschale nachbildet, wird seit 1956 ohne Unterbrechung produziert. Auf Auktionen erzielt der Coconut Chair als Klassiker mittlerweile bis zu 7.000 US-Dollar.
Erstaunlich hoch werden vor allem Nelsons weniger bekannte Objekte gehandelt. Ein für Howard Miller entworfenes Kamin-Besteck übertraf 2003 den angesetzten Preis mit 4.250 US-Dollar um das Doppelte. Eine nie in Serie gegangene Tischleuchte, die Nelson 1950 für das „Holiday House“ entwickelt hatte, einem zukunftsweisenden Modelferienhaus für das „Holiday Magazine“, wurde sogar mit 40.000 US-Dollar angesetzt. Wie kompromisslos und experimentell Nelson dachte und arbeitete, zeigt im Grunde auch der jetzt wieder aufgelegte Pretzel-Stuhl von 1952, der so leicht ist, dass er ohne Aufwand mit nur zwei Fingern angehoben werden kann. Nachdem ihn damals Herman Miller schon nach kurzer Zeit wieder abgesetzt hatte, wurde Norman Cherner beauftragt, mit gleicher Technik einen ähnlichen Stuhl zu entwerfen. Die Verwandtschaft der beiden Entwürfe ist schwer zu übersehen, wobei der Cherner von 1958 unverkennbar eine gestalterische Perfektionierung ist.
George Nelsons weit über die bloße Formgebung hinausgehenden Gestaltungsansprüche, die sich nie restlos den Anforderungen der Serienproduktion unterwarfen, sind im Grunde auch seine sperrigen wie genialen Besonderheiten zu verdanken. Bei allem Geschäftssinn ging es ihm um die radikale Umsetzung größerer Zusammenhänge und dabei natürlich auch immer um das Ausprobieren neuer Materialien und innovativer Techniken. Wie sehr Nelson seiner Zeit voraus war, beweist auch sein Sling Sofa (1964), das auf einem Modulsystem basiert, wie es inzwischen in Designläden zuhauf angeboten wird. Von unverbrauchter Fortschrittlichkeit ist auch sein einflussreiches Büromöbelsystem Action Office I (1964): der Schreibtisch wird hier zur L-Form, das Büro zur modernen „Workstation“.
Dass mit der Retrospektive höchstwahrscheinlich in nächster Zeit das Interesse für diesen leidenschaftlichen Verfechter guten Designs noch zunehmen wird, gehört zu den Jubiläums-Begleiterscheinungen, die nicht nur Vitra begrüßen wird. Wie Irving Harper einmal bemerkte, habe Nelson seinen Mitarbeitern zwar immer wenig bezahlt, dafür aber großzügig allen finanziellen Überschuss sofort in neue Projekte gesteckt. Heute mag das historische Potential eines kuratorischen Projekts Überschüsse bei seinem Träger und Sponsor bewirken. Hätten Nelsons idealistische Mitstreiter das wohl geahnt?