4. Mai 2010
Mary Heilmann: „Home Sweet Home“, John Miller: „The Totality of All Things as They Actually Exist“ – Galerie Barbara Weiss, 1. Mai bis 5. Juni 2010; Martin Eder: „Ugly“ – Galerie EIGEN + ART, 27. März bis 2. Mai 2010; Cecily Brown – Contemporary Fine Arts, 30. April bis 5. Juni 2010; Jo Baer – Galerie Barbara Thumm, 1. Mai 2010 bis 26. Juni 2010; Matti Braun: „Pierre Pierre“ – Galerie Esther Schipper, 30. April bis 29. Mai 2010; Hans-Peter Feldmann: „Noch ’ne Ausstellung“ – Galerie Mehdi Chouakri, 30. April bis 19. Juni 2010.
Bei so schönen Gelegenheiten wie dem Berliner Gallery Weekend mit seiner erfrischenden Vielfalt künstlerischer Angebote wäre man fast versucht, dem Himmel zu danken. Nicht aus Nettigkeit. Mehr als Thanksgiving. Dank dafür, dass sich die Kunst in ihrer langen Geschichte zum gesellschaftlichen Feld aus eigenem Recht erheben, dass sie sich ästhetisch autonomisieren konnte. Nur deswegen können wir heute so viele und so unterschiedliche Kunst zugleich goutieren: ganz egal, ob sie perfekt gemacht oder abgründig gemeint ist; ob sie in Würde gealtert oder frisch fürs Hier und Jetzt hergestellt ist. Ganz egal also, ob sie nach heutigen Maßstäben interessant und für die Zukunft vielleicht sogar tragfähig wird oder schlicht und einfach nur mit von der Partie sein will im Spiel um künstlerischen Wert und öffentliche Anerkennung. Spielt keine Rolle, ob sie ästhetisch oder intellektuell, ansonsten aber komplett irrelevant ist. Alles ist auf diesem Gebiet erlaubt. Alles, auch eine verlockende Renditeerwartung über alle künstlerische Bedeutung hinaus. Und auch solche Kunst, für die ein einziger Euro, jedenfalls aus Investorensicht, zu viel bezahlt ist. Alles ist möglich, wir wussten das. Aber das Gallery Weekend erinnert noch einmal daran. Beruhigend eigentlich.
Da es also nichts gibt, was es nicht gibt, in diesem wunderbaren Wimmelbild, hilft der Vergleich. Jedenfalls dann, wenn man sich zur Abwechslung in aller Ernsthaftigkeit einen Reim darauf machen will, warum wir Kunst heute noch ernst nehmen sollten, allen anderen visuellen Industrien zum Trotz. So wie im Falle John Millers und seiner inhaltlich sehr eindeutigen, medial aber mehrfach gebrochenen Schau in der Galerie Barbara Weiss. Um „The Totality of All Things as They Actually Exist“ soll es da offenbar gehen, um jenes Bild des Wirklichen, wie es täglich in Massen- und Unterhaltungsmedien inszeniert wird. Was tut Miller? Er setzt einerseits die ästhetisch höchst uneleganten Mittel der gegenständlichen Malerei ein und ergänzt sie andererseits mit konkreten Gegenständen aus der Welt der Bürokratie. Readymades aus Ihrem Büro wie gerahmtes Druckerpapier oder gesockelte Karteikästen stehen da herum, und man mag einfach nur Bravo rufen! Denn der plakativ-unbeteiligte Realismus dieser Malereien zeigt emotional bewegte Menschen nach Motiven, die Miller den inszenierten sozialen Laborsituationen der Reality Shows entnimmt. Im Dialog mit einem „echten“ Karteikasten setzen diese Bilder genau an der Kluft zwischen Wirklichkeit und Repräsentation an, die es aufmerksam zu hüten gilt, wenn man die eigene Wahrnehmung nicht gänzlich jenem Bild des Lebens opfern will, in dem sich unsere spektakularisierte Gesellschaft gefangen hält. Es geht um Mitsprache und Artikulation. Es geht darum, die Grenze darzustellen, statt sie zu beschreiben. Manchmal ist die Kunst Theater, das sich weder auf der Bühne noch im Kino spielen lässt.
Dass der Rückzug ins Private, das Schwelgen etwa in Kindheitsfantasien, Gefahren bergen kann, bezeugt Mary Heilmanns wunderbar offene Installation Home Sweet Home im oberen Stock der Galerie. Sie sieht wie ein Puppenstübchen einfacher, bunter, eher gebastelter als geschaffener Formen aus und schwelgt in der Ambivalenz von Dingen, die in ihrer unbestimmbaren Größe Bild oder Modell oder Wirklichkeit sein könnten. Hier verwandelt sich Form zu Mobiliar, wird Malerei zu einem schlichten Ding, während sich Farbphänomene in bunt schillernden Keramik-Punkten konkretisieren – sogar auf die Gefahr hin, wie letztlich jede Fantasie an der Wirklichkeit zu Bruch zu gehen.
So viel spielerisch ins Sein gesetztes, ästhetisch ebenso wie inhaltlich überzeugendes künstlerisches Bewusstsein zeichnet das Angebot des Gallery Weekend jedoch nicht immer aus. Klar, denn an anderen Orten herrschen andere Bedingungen. Da muss die Professionalität der Kunst immer wieder erst professionell behauptet werden, anstatt in sicherem Bewusstsein für künstlerische Qualität so frei agieren zu können, wie eine Mary Heilmann mit ihren märchenhaften Verschiebungen zwischen Sinnlichkeit und Vernunft, Objekt und Kategorie das tut. Eine Konsequenz der Autonomisierung der Kunst schließlich ist, dass nicht mehr jedes Bild automatisch Kunst ist und Kunst sich nicht darin erschöpft, ein Bild zu sein. Wer unbedingt Bilder machen möchte, sollte das begründen können. Finden Sie nicht? Schließlich gibt es genug Bilder um uns herum.
Unter diesen Bedingungen ist ein Gemälde nicht automatisch Kunst. Und so mögen sich Cecily Brown (bei Contemporary Fine Arts) und Martin Eder (bei EIGEN+ART) zwar einigermaßen erfolgreich damit abmühen, ihre Bilder möglichst überzeugend nach Malerei aussehen zu lassen. Im gegenwärtigen Bild, das die Kunst bietet, markieren beide aber eher den unteren Rand des Möglichen. Dabei ist amüsant zu beobachten, wie Martin Eders in verglasten Holzvitrinen aufgebahrter Fin-de-Siècle-Kitsch am Ende der Dekade zunehmend zur Masche wird. Eder fertigt von jeher seine Bilder nach Maschen für Bilder an, indem er ein Motivreservoir des schlechten Geschmacks – bevorzugt morbid aufgeführte Barbusigkeit zusammen mit allerlei süßen Tierchen – mit erlesen undelikaten Produktionstechniken zwischen Fotografie und Aquarellmalerei kreuzt. Für seine Schau „Ugly“ dient ihm noch einmal die Malerei als Produktions- wie Pathosregister. Doch hat nicht längst der Letzte kapiert, dass noch ein Brüstchen und noch ein Möpschen – übrigens egal ob in Öl gemalt oder fotografiert, gerahmt, im dunklen Raum oder auf grau gefasste Wand gehängt – immer schon das melancholisch ausgewalzte Bild eines ohnehin windigen Musters auf Basis einer längst fadenscheinigen Masche war?
Wenigstens bleibt uns als Rezipienten das gute Recht, sympathiehalber mit der ehrlich ironischen Maschen-Demonstrationsmalerei Eders zu liebäugeln. Wir müssen uns nicht auch noch Cecily Browns kaum minder luxuriöse, nicht weniger kitschige und endgültig zur Masche geronnene Malereibehauptungen zu eigen machen. Brown zaubert ihre Vision von Malerei diesmal auf ziemlich große Formate, die alle begründeten Anforderungen an zeitgenössisches Kunst- bzw. Bild-Sein einfach aussitzen wollen und sich als unbeschwertes Fest der Farbe und unbedachte Manifestation kreativen Tuns zeigen. Mithilfe eines retro-expressiven Inventars malerischer Gesten bespielt Brown ein enges Relevanzfenster. Doch wo uns im Rahmen dieser sich nur selbst verwirklichenden Malerei kürzlich noch ein wenig erotische Latenz belohnte, zeigt das 2010 entstandene Bandit tatsächlich nur eine technisch, ästhetisch und intentional eingeengte Malerei als Summe aus Format, Farbe, Strich und daran zu ermessender Atelierzeit. Da ist manches Reality-Show-Format in Anliegen selbstreflexiver gestrickt.
Dabei macht Reflexion doch Spaß! Wie produktiv etwa selbst der aggressivste und selbstzerstörerischste methodische Zweifel werden kann – und das selbst auf die Gefahr hin, ein bis zu einem gewissen Zeitpunkt erfolgreich betriebenes künstlerisches Projekt von den Beinen sozusagen auf den Kopf stellen zu müssen – belegt Jo Baers Schau bei Barbara Thumm.Die Ausstellung umfasst zwar Arbeiten aus einem Zeitraum von 1974 wie The Old Year (1974-1975) bis 2001 (Testament of the Power Tha Be (Where Tree Turns to Sand, Residual Colours Stain the Lands). Doch würde enttäuscht, wer hier gerade die Minimalistin erwartet. In einer anderen Zeit hatte Baer den Kreis um Carl Andre intellektuell geprägt. Sie hatte immer die etwas spannenderen Bildkonstruktionen gemalt und das Tafelbild neu definiert. Die 1929 geboren Baer, der Berlins Flughafen bei diesem ersten Besuch in der Stadt merkwürdig klein erschien, war aber nicht nur eine der profiliertesten Künstlerinnen im Umfeld der Minimal Art. Sie hat ihren überwiegend skulptural und installativ arbeitenden Kollegen (etwa Donald Judd und Robert Morris) irgendwann harsch die Leviten gelesen. Man könne nicht ewig so weitermachen. Radikalität werde durch Wiederholung nicht radikaler. Danach brach sie mit der Konvention der Abstraktion, um vom buchstäblichen Rand des Bildes her, mit farbigen Kanten, wieder in neue Möglichkeitsräume vorzudringen. Mit Resultaten, die in ihrer malerischen Finesse und allusorischen Schärfe bis heute überzeugen. Da erfindet jemand nicht Bilder, sondern das Malen immer wieder neu. Jo Baer ist der Beweis, dass Beweglichkeit der Weg zu ewiger Jugend ist. Immer wieder werden in den teils großformatigen Tafeln die Zusammenhänge zwischen Motiv und Fläche, Stil und Zufall erkundet. Immer wieder meint man, einen allerersten Zugang zu einer neu sich bahnbrechenden Künstlerexistenz zu entdecken. Dabei stellt hier nur jemand ständig und systematisch alle alten Fragen neu.
Da gibt es Ausstellungen, die sich und uns weniger Mühe machen. Sport strengt eben an. „Noch ’ne Schau“ von Hans-Peter Feldmann hält beispielsweise pragmatisch ihr Titel-Versprechen ein. Sie ist schlicht und ergreifend noch eine Ausstellung des Düsseldorfer Trivial-Konzeptualisten, in die es sich für alle jene einzusteigen lohnt, denen sein magischer Kosmos aus gefundenen und inszenierten Alltäglichkeiten zwischen Ding und Bild noch nicht oder sehr gut geläufig ist. Da ist einfach Feldmann drin. Auch so ist Kunstbetrieb. Auch das ist Weekend. Zu lesen lohnt sich aber der Pressetext zur Schau – eine Sternstunde geschwätziger Diskretion, die das Kunstgeschäft von seiner allerpersönlichsten und dennoch um nichts weniger abgründigen Seite zeigt. Dieser geradezu künstlerisch zwischen Fiktion und geschäftiger Empfehlung tänzelnde, höchstselbst vom Galeristen Mehdi Chouakri gezeichnete Text um die Genese der Ausstellung – er eignete sich allzu gut zu einer Analyse als Sittengemälde, zwar vor handfest ökonomischem Hintergrund verfasst, aber aus konzeptioneller Hellsichtigkeit heraus zur Brillanz aufgeschwungen. Eine Wochenendhandwerksübung, von der wir uns nur wünschen würden, Feldmann selbst wäre sie eingefallen als letzte widersprüchliche Volte des Künstlers unter der Knute der Ausstellungsmacherei. Doch wollten wir uns nicht eigentlich noch ’ne Ausstellung ansehen gehen?