Gallery Weekend Berlin (Teil I)

Der monotone Klang schnurrender Katzen

Dominikus Müller
4. Mai 2010

Fiete Stolte/Terry Fox – Galerie Sassa Trülzsch. Vom 30. April bis 3. Juni 2010; Mark Wallinger – carlier|gebauer. Vom 30. April bis 5. Juni 2010; Nick Mauss – Galerie NEU. Vom 30. April bis 29. Mai 2010; Manuela Leinhoß: „Vertiefen“ – Galerie Micky Schubert, ab 30. April 2010; Matias Faldbakken: „An Alpha Disguised As A Beta“ – Galerie Giti Nourbakhsch. Vom 30. April bis 5. Juni 2010; „More Carpets/Mehr Teppich“ – Galerie Isabella Bortolozzi. Vom 30. April bis 29. Mai 2010

Gallery Weekend Berlin 2010. Die ganze Kunstwelt ist auf den Beinen. Fiete Stolte dagegen schläft. Und wie Menschen das im Schlaf so machen, dreht er sich von rechts nach links und dann wieder von links nach rechts. Ob er schnarcht, hört man nicht. Denn das kleine Video, das in der Galerie Sassa Trülzsch derart diskret auf eine bodennahe Plexiglasplatte projiziert wird, dass man es fast übersieht, hat keinen Ton. Stoltes somnambule Kunst lebt davon, dass sie scheinbar ebenso beiläufig produziert wird, wie sie hier präsentiert wird. Ganz buchstäblich im Schlaf und damit mitten im Leben. Seit einiger Zeit zwackt sich Stolte von seinem Tag drei Stunden ab, am Ende hat die Woche acht statt sieben Tage und der Künstler zwar einen Alltagsrhythmus, aber keinen, der sich an Tag und Nacht hält. Klar, da geht es um Einteilung, um Gewohnheit und Struktur und darum, was passiert, wenn man die Dinge auf den Kopf stellt. Stoltes Kunst-Welt ist eine abgeschlossene Welt, mit eigenen Regeln. Und was nach draußen dringt, gleicht seltsamen, verrätselten Nachrichten aus einem Paralleluniversum – verhuschte, abgedunktelte Polaroids etwa, gedämpfte Lichtobjekte. Dass aus dem Hinterraum dazu der monotone Sound von schnurrenden Katzen ertönt, die Terry Fox im Jahr 1977 aufgenommen hat, passt ganz gut. Die tierische Zufriedenheit hört sich an wie glücklich selbstvergessenes Schnarchen. Natürlich, der Kunstbetrieb ist eine Investmentbank. Aber manchmal ist der Schlaf des Künstlers ein Anlagewert. Mitten im Maschinenlärm der Trendmaschine liegt der Künstler und schlummert gleichmütig gegen die Verwertungslogik an. Oder vielmehr: Er schläft sich um alle hektisch produzierten Neuigkeiten herum. Er schläft für die Kunst.

Mark Wallinger dagegen lässt schlafen. Die Fotografien schlummernder Menschen, die er bei carlier|gebauer zeigt, hat er im Netz gefunden, auf einer Webseite, die Bilder von Schlafenden in öffentlichen Verkehrsmitteln sammelt. Vergrößert, teilweise brutal verpixelt hängen sie jetzt an der Wand, was den Abgebildeten ebenso unbekannt ist wie die Tatsache, dass sie überhaupt fotografiert wurden. Eine Doppelung der Ahnungslosigkeit sozusagen, ein Potenzierung unseres Voyeurismus, so könnte man meinen. Denn natürlich sehen all diese Menschen grandios idiotisch aus, offene Münder, hängende Backen, aus der Form gegangene Gesichter, ein nackter, schäbiger Hinweis darauf, dass unsere Contenance vergänglich ist. Dabei geht es Wallinger nicht um Selbst- und Fremdwahrnehmung, Eitelkeit und Jahrmarkt. Seine Arbeit handelt vom Sammeln und Ordnen, vom Ausrichten und Kategorienfinden. Das erschließt sich beim Blick auf die anderen Werke, seien es die tausend per Hand nummerierten und willkürlich im Galerieraum verteilten Steine, seien es die hundert zentralperspektivisch ausgerichteten Flohmarkt-Stühle mit dem Künstlervornamen auf der Lehne. Kunst erscheint hier als letzte Ordnungsinstanz gegenüber der Wirklichkeit, die dort verdienstvoll wird, wo herkömmliche Sinnproduktion nicht mehr greift. Stolte schläft. Wallinger sammelt. Wallinger weicht dem Geheimnis aus. Stolte lässt uns mit unserer Geheimnislust allein. Und dann ist Wallinger ein großer Formalist im Raum. Die Steine machen Spaß, man weiß nur nicht, warum. Wer die Arbeit anhimmelt, hat die Distanz nicht verstanden, die dieser Künstler mit seinen Geometrien und Serien schafft. Lustig ist er trotzdem.

Dann ist es mit der schnörkellosen Geradlinigkeit vorbei. Unentschieden geht es nämlich bei Nick Mauss in der Galerie NEU und Manuela Leinhoß bei Micky Schubert zu. Hier lebt die Kunst vom Fragilen und Ephemeren, vom Diffus-Unkonkreten. Davon etwa, dass Bilder Wandobjekte und Wandobjekte Bilder, dass Möbel Skulpturen werden und dann auch noch als Bildträger herhalten müssen. Diese Kunst lebt aber auch von einem selten sicheren Händchen für Komposition und Balance. Mehr noch als für Leinhoß gilt das für Mauss. Sein ausgesprochen kleinteiliges und disparates Ensemble aus Drucken, Stuhlpaaren, Zeichnungen, Aquarellen und ein bisschen Malerei ist passgenau an jener Grenze angesiedelt, an der sich die Dinge eigentlich artikulieren, konkretisieren und miteinander in einen Dialog treten müssten. Doch genau das passiert nicht. Nichts hier gelangt zur Ausformulierung, alles verweilt – und das sehr absichtsvoll – im Raum des Angedeuteten. Dass diese Präsentation nicht ins Belanglose und Dekorative abrutscht, sondern am Ende gerade als Gesamtinstallation funktioniert, liegt vor allem an Mauss‘ Genauigkeit und seinem Gespür für die Inszenierung: Seine Kunst ist ebenso lässige wie präzis-prekäre Millimeterarbeit an der Grenze von Spannung und Harmlosigkeit. Bei Leinhoß dagegen ist diese Undeutlichkeit in die Objekte selbst verschoben. Vieles hier ist amorph, weich, fließend und rund. Bilder rutschen von ihren Rahmen und milchig weiße Kugeln wachsen aus der Wand. Das sind allesamt seltsame Körper, eigentlich ganz und gar abstrakt, und doch immer wieder mit konkreten Referenzen zumindest aufladbar.

Matias Faldbakken mag es handfest. Und stellt die Medienfrage. Wenn auch anders, als man das im Kunstbetrieb erwarten würde. Denn Faldbakken beschäftigt sich – zumindest im Untergeschoss von Giti Nourbakhsch – mit dem klassischen Zeitungswesen und dessen siechendem Tod im Angesicht der Digitalisierung. Das wird nicht gerade zimperlich symbolisiert, wenn mehrere Kiosk-Zeitungsständer mit robusten Möbelgurten so hart zusammengeschnürt sind, dass ihnen buchstäblich die Luft wegbleibt. Demoliert und hilflos sehen sie aus, diese nun nutzlosen Träger des ausrangierten Trägermediums. Hinter ihnen hängt eine Reihe gerahmter Zeitungsausrisse. Darauf immer ein Bild von der ersten im Fernsehen ausgetragenen Präsidentschaftsdebatte zwischen John F. Kennedy und Richard Nixon aus dem Jahre 1960. Klar, die Ablösung des einen Mediums durch das andere. So weit so gut, aber spätestens hier überschreibt die zwingende Logik des Kunstmarktes die Argumente der Kunst. Denn jede dieser zehn Arbeiten ist ein Unikat, eine einzeln angefertigte, ruppig ausgeschnittene Xerox-Kopie. Offen bleibt, ob diese Diskrepanz zwischen Inhalt und Form bewusst mitgedacht ist – als leicht perverse Anspielung auf die Prämissen des eigenen Stattfindens, als Seitenhieb aufs eigene „Medium“ Kunst – oder ob hier jemand einfach nur Leichenfledderei betreibt und die Überreste „alter Medien“ solange gegen den Strich bürstet, bis sie als gewinnbringende Einzelstücke der Ökonomie des Kunstmarktes einverleibt werden können. Aber wahrscheinlich kann man beide Strategien sowieso nicht trennen. Nachrichten aus der künstlerischen Innenwelt.

Mit solchen Unwägbarkeiten jedenfalls gibt man sich bei Isabella Bortolozzi gar nicht erst ab und wagt gleich den Tigersprung auf das Terrain der Inneneinrichtung. Ihre Ausstellung „Mehr Teppich/More Carpets“ bietet genau das, was der Titel verspricht: Teppiche. Im Vorderraum liegt ein krakenartig aufgeschlitzter Teppich von Kai Althoff, daneben hängt einer von Robert Rauschenberg. Auf dem Boden im Durchgangszimmer findet sich ein riesenhafter, bedruckter Teppich von Albert Oehlen. Die Leute laufen darüber. Daneben mahnt David Hammons‘ Wandbehang mit aufgesteckten Zigaretten, dass Rauchen zu Zimmerbränden führen kann. Und Ingrid Wiener webt eine Gebrauchsanleitung, die ihr Dieter Roth einst per Fax geschickt hatte. Zeile per Zeile übertragen – Reihe für Reihe geknüpft. Ach ja, und die Genderfrage, war da was? Im Hinterzimmer dürfen sich Lucio Fontana und Sergej Jensen gegenseitig in Sachen Bildkritik überbieten: Der eine druckt Fotografien durchlöcherter Leinwände auf Seide, der andere hängt einen handelsüblichen Ikea-Teppich scheinbar achtlos über eine Teppichstange. Und welchen Teppich hätten wir nun gerne? Am liebsten alle. Denn auf wundersame Weise und trotz der chaotischen Vielfalt und Unterschiedlichkeit der Exponate funktioniert diese Ausstellung blendend. Was nicht nur am verbindenden Medium liegt, sondern vor allem daran, dass die Galerie keine Berührungsängste hat, sich als Einrichtungshaus zu präsentieren. Und das ist gar nicht einmal zynisch gemeint. Es geht manchmal tatsächlich um Teppiche in der Kunst. Man kann sich auf sie konzentrieren, sie benutzen, sie verwerten. Die Kunst ist ein Teppich und lässt sich rollen. Fiete Stolte könnte sich hier in den hinzugewonnenen Wochenstunden noch einmal schlafen legen.


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