Gallery Weekend Berlin: Nairy Baghramian bei Daniel Buchholz

Die Kaltmamsell

Marcus Woeller
29. April 2011

Nairy Baghramian: „Formage de tête" – Galerie Daniel Buchholz, Berlin. Vom 29. April bis 25. Juni 2011

Es ist angerichtet. Den schmucklosen Tischgestellen fehlen zwar die zugehörigen Platten, stattdessen breiten sich über ihnen Decken aus Aspik aus, durchlöchert und gedellt von tiefen Einschnitten, nach unten hängenden Ausbuchtungen oder flachen Fehlstellen. Die saftigen Fleischteile aus der Sülze sind wohl entfernt worden. Edelstahlhauben überdimensionierter Rechauds hängen wie zum Trocknen an schlanken Masten. Aus ihnen rinnen noch Reste transparenten Gelees. Auf einem Foto erkennt man eine mit sauber gebügelter und ordentlich geknöpfter Kochjacke ausstaffierte Puppe. Die Kluft gehört dem Gardemanger, der für die kalte Küche zuständig ist.

Nairy Baghramian lädt bei Daniel Buchholz zur Ausstellung „Formage de tête“, ein Wortspiel über Formen und Formungen, wie sie beim Reifungsprozess von Käse oder Gedanken auftauchen. Die iranische Künstlerin, die seit den 1980er-Jahren in Berlin lebt, zeigt sich hier von ihrer selbstironischen Seite – ohne freilich ihre Ernsthaftigkeit aufzugeben. Schließlich gilt Baghramian als eine der wichtigsten Vertreterinnen eines zeitgenössischen Skulpturbegriffs. Sie vollzieht in ihrem Werk Forderungen, die schon die Hohepriesterin der Skulpturtheorie der Avantgarde, Rosalind E. Krauss, während der 1970er-Jahre formuliert hat. Baghramians Skulpturen bedingen den Raum, wie sie sich vom Raum selbst formen lassen. Sie loten die Konditionen und Widersprüche umformten Raums aus. Oft sind es Materialspannungen, die Gegensätze erzeugen: die starre Geometrie eines Tischbocks und die amorphe Weichheit von Gummi, die Hinterlassenschaften von Negativformen, welche keine Rückschlüsse mehr auf die abgeformten Gegenstände zulassen. Gleichzeitig sind Baghramians Werke reich an Referenzen an den Modernismus. In Farbigkeit und dem Spiel mit positiv/negativ erinnern die Kautschukmatrizen an Rachel Whiteread, ohne allerdings so konkret zu werden. Harte Schnitte schlitzen die Gummimatten wie Lucio Fontanas Leinwände. In viskoser Materialität und der emotionalen Ambivalenz zwischen Lebendigkeit und Starre scheint Eva Hesse Patin gestanden zu haben.

Nairy Baghramian schürt die Neugier. Ihre Skulpturen wollen untersucht, am liebsten berührt werden. Sie lenkt die Blicke in schmale Öffnungen und über unbekannte Oberflächen. Gerade die Tische sind exakt so aufgestellt, dass man sie als Ganzes betrachten kann, von oben wie von unten. Doch Klarheit über ihre Form verschaffen sie nicht. Mit den Assoziationen zu den sichtbaren Strukturen und den Objekten, die zu fehlen scheinen, bleiben die Betrachter allein. Lediglich ein kleines Schild beantwortet Fragen, die sich gar nicht stellen: nach den verwendeten Materialien.

In der Hierarchie einer Küchenbrigade ist der Posten des Gardemanger weit unten angesiedelt. Eine Pastete kalt zu legen, gilt nicht viel im Vergleich damit, ein Steak zu braten oder eine Sauce zu reduzieren. Doch die Kaltmamsell hat den vielseitigsten Job: Sie tarnt ihre Kreativität im Understatement von Hors d’œuvre, kann aber eigentlich alles. In diesem Sinne ist Nairy Baghramians vorzügliche Ausstellung weit mehr als nur ein Gruß aus der Küche.


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