Gallery Weekend Berlin: Julian Schnabel bei Contemporary Fine Arts

„Ich interessiere mich nicht für die Postmoderne“

Gesine Borcherdt
27. April 2012

Julian Schnabel: Deus ex Machina” – Contemporary Fine Arts, Berlin. Vom 28. April bis 28. Juli 2012

Gut, Julian Schnabels Bilder sind nicht unbedingt das, was man unter ganz großen Meisterwerken versteht. Zu patchworkartig, zu pompös, zu panoramafenstermäßig setzt sich das postmoderne Potpourri zusammen, das früher aus Tellerscherben, Farbbahnen, Surfbrettern und Abdeckplanen bestand und sich neuerdings aus Röntgenbildern, Sprühfarbe, historischen Wandteppichen, Kunstharz, abstrakten Schnörkeln, Buchstaben, aquarelligen Splashs auf Landschaftspostkarten oder Bildern indischer Gottheiten zusammensetzt. Trotzdem wird wohl niemand bezweifeln, dass Julian Schnabel ein großer Künstler ist.

Der Grund dafür ist die rührende, tragikomische Atmosphäre, die sein Werk seit Beginn seiner fulminanten Karriere in den 80er-Jahren durchzieht. Damals waren es die „Teller-Bilder“, mit denen er einen assoziativen Bogen von antiken Fundstücken zur Kaufhausware und eine Bresche für eine neue, expressiv und zugleich konzeptionell ausgerichtete Malergeneration schlug. Es ist auch ebendiese Tragikomik, die man vergaß, als man Schnabel bald als Prototypen des überschätzten Hype-Künstlers abtun sollte, was ihm bis heute anhaftet. Und sie ist es auch, die in seine Filme, von denen Before Night Falls (2000) und Schmetterling und Taucherglocke (2007) tatsächlich ganz große Meisterwerke sind, wie ein Grundton in Moll aus seinen Bildern herübersummt. Deshalb glaubt man Julian Schnabel auch, wenn er mit bekleckstem Overall, Beuys-Hut und blau getönter Brille mitten im Aufbau seiner ersten Ausstellung in Deutschland nach seiner Schirn-Retrospektive 2003 in der Galerie Contemporary Fine Arts steht und sagt: „Ich interessiere mich nicht für die Postmoderne. Und ich interessiere mich nicht dafür, wo die USA heute stehen. Für mich ist die Welt als Ganzes interessant.“

Klar, denn Schnabel ist kein Intellektueller. Aber er besitzt eine intuitive Intelligenz, mit der er sein Durcheinander aus wilden Gesten, Kitsch und Pop um eine existenzialistische Note ergänzt. Allerdings gelingt ihm das weniger mit den beiden massigen, meeseartigen Schnörkelbildern. Und schwierig ist auch das Selbstporträt in Pinslerpose, das er auf das quergelegte Foto von Sheikha Mozah, der Königin von Katar, gelegt hat. Nein, die besten Bilder der Ausstellung sind die, auf denen er mit diesen schemenhaften, halbabstrakten Formen daherkommt, die sich mit leichthändiger Melancholie auf groß aufgezogene Capri-Felsen, kunterbunte Historienmalereien zur amerikanischen Unabhängigkeit mit digital hineinverpflanzter Bergziege und über hauchzart schimmernde Knochengelenke gelegt haben. In diesen Bildern zeigt sich, dass Schnabel noch mit 60 Jahren und auch nach dem Ende der großen Erzählungen neue Geschichten auf die Leinwand bringen kann.

Die Arbeiten kosten zwischen 200.000 und 650.000 US-Dollar.

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