27. April 2012
Jenny Holzer: „Endgame“ – Sprüth Magers, Berlin. Vom 28. April bis 16. Juni 2012
So langsam wird daraus ein Running Gag: Letztes Jahr war es die missratene Großausstellung Based in Berlin, nun ist es die Berlin Biennale, die rund um die Auguststraße jeder künstlerischen Fallhöhe abschwört. Und wieder bietet die Galerie Sprüth Magers, angesiedelt auf der Oranienstraße mitten im Mythos Mitte, einen Zufluchtsort: Grub letztes Jahr Andrea Zittel dem Flohmarkt vor der Tür das Wasser ab, steht diesmal Jenny Holzer in Kontrast zu dem aktionistischen Kulturzentrum, in das Kurator Artur Żmijewski die Kunst-Werke für die nächsten Monate verwandelt hat. Holzers hochästhetische, hyperkalkulierte und zugleich herzzerreißende Arbeiten widerlegen nämlich aufs Nonchalanteste jene polternde Parole, dass Kunst in ihrer klassischen Form nicht politisch sein kann.
Dabei ist Holzer sogar Minimalistin. Seit den frühen 80er-Jahren kennt man sie für die Übertragung privatpoetischer Rhetorik auf LED-Leuchtbänder, wie sie etwa auf Times-Square-Fassaden kleben. Doch statt Tagebucheinträgen und Briefen hat sie sich nun zensierter US-Dokumente aus den Kriegen im Irak und Afghanistan bedient: Minutiöse Aussagen von Folteropfern laufen über seriell an der Wand angebrachte Halbkreise, die wie eine überdimensionale Litfaßsäule den ersten Raum beherrschen: Dan-Flavin-artig leuchtet MONUMENT in digitalem Disco-Pink, während das Auge eilig den mittelalterlichen Methoden folgt, mit denen US-Soldaten ihre Zeugenaussagen erzwingen.
Dagegen öffnet sich im Hauptraum zum ersten Mal der Blick auf Holzers Gemälde. Wie eine Mischung aus Farbfeldmalerei und Drucker-Testlauf erstrecken sich hier geometrische, chromatisch verlaufende Streifen auf der Vorlage groß aufgezogener Dokumente: Vermeintlich der US-Öffentlichkeit zugängliche Schriften militärischer Maßnahmen – auf denen allerdings zahllose Sätze ausgestrichen sind. Doch selbst Reste wie „detainees have undergone“ und „the waterboard“ reichen aus, um die makabre Absurdität und Kalkulation solcher Strategien zu verdeutlichen. Das Ganze wirkt wie ein eleganter RAL-Farben-Fächer aus Assoziationen, von linkspolitischer Avantgarde-Malerei à la Alexander Rodtschenko über Colour Field Painting der Nachkriegszeit, das Clement Greenberg in CIA-Mission durch die Welt trug, bis hin zum Zeitalter digitaler Reproduzierbarkeit. Woanders ist man auf Krawall gebürstet. Doch Holzers Kunst schafft den Sprung von purem Aktionismus zu einer ruhigen, radikalen Ästhetik.
Machen Sie online einen Rundgang durch die Ausstellungen der auf artnet vertretenen Galerien des Gallery Weekend Berlin 2012.