Gallery Weekend Berlin: Gino De Dominicis bei Supportico Lopez

Treffer, versenkt

Annika Karpowski
27. April 2012

Gino De Dominicis – Supportico Lopez, Berlin. Vom 27. April bis 8. Juni 2012

Gino De Dominicis ist vor allem eins: Ein selbstkreierter Mythos. Keine Fotos, weder von ihm noch von seinen Werken – das zumindest versuchte er zeitlebens einzuhalten. Nebenbei wurde er zu einem der wichtigsten Vertreter der italienischen Transavanguardia, der gestischen, historisch angefütterten Malereiwelle der Achtziger. Durch und durch besessen vom Tod, gebannt von Themen wie Vergänglichkeit, Zeit und Materie, glaubte de Dominicis nicht daran, „dass Dinge existieren“. Denn, „um tatsächlich zu existieren, müssen die Dinge unsterblich, ewig existieren. Erst dann wären sie wahrhaftige Dinge“, philosophierte der Künstler 19-jährig einst in einem der wenigen Interviews. Folglich gehörten Schädel und gigantische Skelette zu seinen Lieblingssymbolen sowie die sagenhafte Figur Gilgamesch, der vorchristliche König auf der Suche nach dem ewigen Leben. Immer wieder kreisten die Bemühungen des Italieners um die Überwindung der Naturgesetze. Da grenzt es beinahe an Hohn, dass De Dominicis, der 1947 in Ancona geboren wurde, bereits 1998 in Rom starb.

Seitdem hat man nur wenige Ausstellungen von ihm in Deutschland gesehen – unter anderem auf der Berlin Biennale 2006. Zum Gallery Weekend zeigt die Galerie Supportico Lopez nun beinahe dieselbe Auswahl wie damals: sechs Arbeiten aus den späten Sechziger- und frühen Siebzigerjahren. Darunter der Schwarz-Weiß-Schnappschuss seines skandalträchtigen Beitrags für die Biennale von Venedig im Jahr 1972: Paolo Rosa, ein junger Venezianer mit Downsyndrom – das bekanntlich das Todesbewusstsein herabsetzt – sitzt auf einem Stuhl. Vor ihm auf dem Boden ist ein Quadrat abgeklebt, daneben liegen ein Ball und ein Stein im Ausstellungsraum. Nach nur einem Tag wurde die Performance abgebrochen und blieb allein als politisch unkorrektes Dokument zurück. Ein anderer Abzug zeigt den berühmten Flugversuch Tentativo di volo (1969): Hier probiert der Künstler vergebens, mit kleinen Sprüngen und ausgebreiteten Armen die Schwerkraft zu überwinden. Und er setzt beim Kieselsteinschnippen aufs Wasser alles daran – absurd und aussichtslos – anstelle von Kreisen Quadrate zu erzeugen. Zu dieser historischen Bilderreihe lässt die Galerie spöttisch-gruftiges Lachen aus dem Off dröhnen – das Remake der Soundinstallation D’IO von 1971, mit einem Wortspiel im Titel: Dio heißt Gott und D’io, etwas freier übersetzt, „von mir“.

Für alle, denen de Dominicis nicht ganz fremd ist, bietet diese Ausstellung also nur Wiederholungen – zumal die Arbeiten allesamt unverkäufliche Leihgaben der italienischen Großgalerie Lia Rumma sind. Dem Fortbestehen dieses großartigen Ausnahmekünstlers wird zwar Rechnung getragen, aber in minimalster Form: Eine historische Ausstellung, die bei Weitem mehr Esprit hätte vertragen können. Die jungen Künstler, die hier parallel gezeigt werden, befinden sich abgetrennt ein Stockwerk darüber in einer separaten, zweiten Ausstellung: Hier huldigt eine junge Generation dem Stillleben-Meister Morandi. Schade, denn so verpasst die Schau die Chance, De Dominicis, dessen Werk von beeindruckender Aktualität ist, in einen neuen Kontext einzuordnen. Man hätte lieber Kunst gesehen, die das Erbe dieses großen Unbekannten antritt. Doch so winkt die Ausstellung nur mit einem alten Mythos, den sie gleich wieder einmottet.

Machen Sie online einen Rundgang durch die Ausstellungen der auf artnet vertretenen Galerien des Gallery Weekend Berlin 2012.


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