Gallery Weekend Berlin: Gerwald Rockenschaub bei Mehdi Chouakri

Unter Null

Gesine Borcherdt
29. April 2011

Gerwald Rockenschaub: „Lady Linda“ – Galerie Mehdi Chouakri, Berlin. Vom 26. April bis 11. Juni 2011

Gerwald Rockenschaubs Kunst ist Gleitmittel fürs Auge. Der Blick rutscht herum auf seinen aalglatten, knallbunten Icons, verliert die Kontrolle, taucht ein und wieder auf aus einer Bonbonwelt, die Rockenschaub selber einmal „Augensex“ genannt hat. Dabei könnte nichts so cool und steril daherkommen wie seine medialen Zeichen, am Computer entworfen, allzeit verfügbar und immer mal wieder hervorgeholt. Wie jetzt zum Gallery Weekend Berlin: Mit zehn seiner Nonsens-Motive – Kringel, Tropfen, Baum, Bildschirm – hat der Wiener Neo-Geo-Pionier, der in den Achtzigern die Malerpalette gegen das DJ-Pult eintauschte, eine ganze Wand bei Mehdi Chouakri bestückt. Hier betreibt er wieder hypersynthetischen Nihilismus at its best, gegen den Michel Houllebecq wie ein Märchenonkel wirkt. In Form von MDF-Platten erheben sich Rockenschaubs Elementarteilchen leicht ins Dreidimensionale, während sie gerade im Kunstmuseum Wolfsburg eine Fläche von 770 Quadratmetern bespielen: Als platt aufgeklebtes Allover scheinen sie dort wie ein überdimensionaler Bildschirmschoner vor sich hin zu pulsieren - präziser kann man die stupide Essenz des Informations- und Konsumzeitalters kaum auf den Punkt bringen.

In Berlin dagegen sind die Objekte einzeln erhältlich. „Muss ja verkäuflich sein“, meint der Künstler nonchalant dazu – stimmt: Immerhin zwei sind schon vor der Eröffnung weg. Hinter der Wand schiebt sich ein zartes, fliederfarbenes Aluminiumgeländer ins Gesichtsfeld, harmlos anzusehen, aber beim Anfassen kalt und hart: Ein Vierkantrohr, mit dem Rockenschaub den schwarz getünchten Raum leichtfüßig umdefiniert und so auf seine Herkunft aus der Kontextkunst Anfang der Neunziger verweist. Damals ließ er Ausstellungsbesucher auf Stühle steigen, um ihren Blick durchs Fenster nach draußen ins Leben zu lenken. Heute lotst er dagegen auf eine Intarsienarbeit zu, die toter kaum sein könnte: Auf Acrylglas ist ein Stillleben entworfen, das aus rein abstrakten Minimal-Formen besteht - die entfernt an Blumen erinnern, aber genauso gut drei Lollis darstellen könnten, die in einer Wiese vor blauem Himmel stecken. Das Ganze ist in geölte Eiche eingefasst und verhindert, dass der Blick über die polierte Fläche hinaus schlittert, während man das Alu-Rohr im Rücken spürt, im Kopf noch immer die Icons auf der Wand, die eigentlich wie Kühlschrankmagnete aussehen – Augensex hin oder her, es bleibt eiskalt in Gerwald Rockenschaubs Kunst.


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