27. April 2012
Diane Arbus – Kicken Berlin. Vom 28. April bis 1. September 2012
Das Zeitalter der Political Correctness hat sie nicht mehr erlebt. Diane Arbus schnitt sich im Sommer 1971 die Pulsadern auf und starb im Alter von 48 Jahren. Aus heutiger Sicht mag ihr fotografischer Blick auf Behinderte, Transsexuelle, Exzentriker, Senile und Entstellte politisch unkorrekt erscheinen, weil er ungeniert auf Minderheiten fokussiert. Gleichwohl war Arbus politisch überaus akkurat darin, sich nicht in Betroffenheitsfloskeln zu ergehen oder krampfhaft Unterschiede wegzunivellieren.
Arbus musste keine Karmapunkte sammeln mit ihrer Fotografie. Sie wollte die Vielfalt der menschlichen Existenz dokumentieren und das visuelle Manifest einer Schönheit der Andersartigkeit formulieren. Das gelang ihr mit ihrer offenen und neugierigen Herangehensweise und doch würdevollen Bildsprache, die sie bis heute einzigartig macht.
Die Galerie Kicken präsentiert zum Gallery Weekend Berlin – und kurz vor einer Retrospektive im Martin-Gropius-Bau – eine sehenswerte Kabinettausstellung mit rund 30 Arbeiten aus dem Nachlass der Künstlerin, der seit vierzig Jahren von ihrer Tochter Doon Arbus verwaltet wird. Neben Porträts und Arbeiten aus der Serie „Untitled“, die kurz nach Arbus’ Tod in einer Auflage von 75 Exemplaren produziert wurden (ab 7.500 Euro), zeigt die Galerie auch einige Vintage-Prints wie das berühmte A Young Man in Curlers at Home on West 20th Street, N.Y.C. von 1966 (250.000 Euro).
Die Bilder der Serie entstanden zwischen 1969 und 1971. Während ihrer letzten Lebensjahre suchte Arbus immer wieder Behindertenheime auf und fotografierte deren Bewohner bei Partys, Picknicks oder Ausflügen. In einer Mischung aus Street Photography und Inszenierung hält sie ihre Motive zwischen Spontaneität und durchdachtem Konzept fest. Sie fotografiert keine Patienten, sondern Männer, Frauen und Kinder, die sich in ihrem Menschsein anders verhalten, die ungelenk posieren oder übertrieben Modell stehen, die nicht unfreiwillig komisch wirken, sondern komisch sind. Dieses Interesse der Fotografin an der Differenz kommunizieren die Bilder auch heute noch in ungebrochener Vitalität.
Eine Wand mit Porträts von jungen Mädchen, greisen Damen und alterslosen Cross-Dressern steht paradigmatisch für die Bandbreite von Arbus’ Begeisterung für auffällige Individualität – sei sie nun geprägt durch die Macht des Geldes oder das Schicksal der Herkunft, durch sexuelle Neigungen oder pathologische Entwicklungen. Vor ihrer Linse waren alle Freaks gleich, vor allem aber gleich faszinierend.
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