29. April 2011
Ai Weiwei – neugerriemschneider, Berlin. Vom 30. April bis 4. Juni 2011
Eins ist nun gewiss: Ai Weiwei wird nicht wie geplant an der Eröffnung seiner Ausstellung teilnehmen. Speziell für die Räume der Galerie neugerriemschneider hatte Ai aber bereits im Dezember letzten Jahres zwei völlig neue Arbeiten konzipiert. Die Koordinierung lief seit der Festnahme des Künstlers über seine Pekinger Assistenten. Insbesondere die täglich frischen Kommentare zu Kulturpolitik, Künstlerpersönlichkeit und der Ausstellung „Kunst der Aufklärung“ haben den Fokus des diesjährigen Gallery Weekends zweifelsohne auf diesen Ort in der Linienstraße 155 gelegt.
Den Besucher erwartet ein gartenähnliches Ensemble: Um zwei Holzskulpturen mit dem Titel Tree, die in massiver Gestalt ihre Äste zur Decke emporstrecken, siedelt sich eine mehrteilige Sitzgruppe aus Porzellan (Rock). Gefertigt wurden die Brocken in der gleichen Produktionsstätte - in der chinesischen Stadt Jingdezhen - wo auch unlängst Ais Sonnenblumenkerne für die Tate entstanden. Konnten die Besucher der Londoner Ausstellung die kleinen Artefakte dort mit den Füßen zertreten, laden die blau-weiß gefassten Porzellansteine zu einem kurzen Sit-in ein. Dort wird man sich dann wohl heute Abend einfinden und das eine oder andere hitzige Gespräch vor allem über das Verschwinden Ai Weiweis führen.
Das Holz der meterhohen Bäume, denen man ansieht, dass sie aus unterschiedlichen Fragmenten zusammengefügt und später gut verbohrt worden sind, stammt angeblich aus den südlichen Bergregionen Chinas, die Stecktechnik ist eine alte asiatische Tradition. Doch selbst wenn die pure Ästhetik den Sinnen Freude schenkt, möchte Ai seine Kunst stets im politischen Sinn verstanden wissen. Alles in allem also keine überraschende Arbeit des regimekritischen Künstlers, dennoch bemerkenswert hübsch anzusehen. Mit seinen pointierten Statements und seiner medialen Dauerpräsenz hat sich Ai aber vor allem selbst zum Kunstwerk seiner eigenen Propaganda erklärt: „Ich bin mein eigenes Readymade“ verkündete Ai Weiwei einmal und unterstützt so die aktuelle Wahrnehmung seines Werks: Das Biografische überragt zusehends das Ikonografische – wer über seine Kunst spricht, meint eigentlich den Aktivisten dahinter. Die edlen Kunstwerke, die kritisch, aber immer auch unsere bestehende Meinung über China aufgreifen und bestärken, verlieren damit sukzessive ihre Wirkkraft. Ihren Marktwert aber höchstwahrscheinlich nicht.