Gallery Weekend Berlin 2008

Einladung zur Schlafzimmervernissage

Thea Herold
5. Mai 2008
Persönliche Wertschätzung. Ist das nicht ist ein rebellisch schönes Wortpaar, was sich da Dank einer kuratorischen Idee von Anna-Catharina Gebbers und neun Berliner Künstlern mit Mut zur anonymen Arbeit am letzten Berliner Kunstwochenende in das Programm eingewebt hat? Für manchen wird es ein wenig angestaubt klingen. Man nutzt es im aktuellen Sprachgebrauch wahrscheinlich so oft wie den Trüffelhobel in einer Studentenküche. Aber trotzdem ist es aktueller denn je.

Die Geschichte dahinter ist einfach und klar: Neun Künstler entwarfen ihr Motiv zum Thema „persönliche Wertschätzung“ und haben es ohne persönliche Signatur auf neun Stapeln letzten Freitag in der Sammlung Sander in Berlin Mitte präsentiert. Ohne Namen. Ohne Preis. Ohne Tisch, Podest oder Unterlage. Die schöne stolze Reihe lag am Boden. Pro Motiv gab es eintausend Stück. Und seltsamer Weise bekam die Sache trotzdem einen noblen, installativen Charakter und die Szenerie eine assoziationsreiche Performancequalität. Die Tür Ecke Auguststraße/Tucholskystraße stand offen. Vernissage-Besucher kamen, gingen hinein, umschwirrten die Stapel, beugten sich über die Kunst (oder verbeugten sich vor ihr?) – und nahmen sie mit! Das war erlaubt, sogar erwünscht. Eine freundliche Aufsicht erinnerte zwar fortwährend: „Bitte nur ein Motiv pro Person.“ Aber wie es so ist mit der Qual der Wahl. Mancher kam dann halt zweimal.

Ganz ruhig vor Glück stand der Lithograf mitten im Trubel. Er hatte bis zuletzt Sorge getragen, dass den Druckvorlagen typografisch gesehen nur Gutes passiert. Das war ihm gelungen. Er würde, genauso wie die anwesenden Künstler und ihre Kuratorin, auch nach der Ausstellung weiterhin nichts von der namentlichen Zuordnung verraten. Über die ganze Geschichte wird noch eine Publikation im Verlag für moderne Kunst in Nürnberg erscheinen. Darin steht noch einmal die Künstlerliste. So kann man mit dem Buch in der Hand fröhlich weiterspekulieren. Jedenfalls waren die Poster-Rollen begehrte Trophäen des Abends und nahmen ihren Weg von der Sammlung Sander in die Welt. Vielleicht hat sich mancher der neuen, stolzen Besitzer auf der Rückseite die Geschichte der Fundsache notiert, das Datum dazu geschrieben oder sie irgendwie anders beschriftet. Möglicherweise war es für manche der Beginn einer eigenen Sammlung. Und wer weiß schon heute, ob nicht später jemand in der Wohnung vorbeikommt und nach der Geschichte des Posters fragt.

Sammler trifft man jetzt allerorten in Berlin. Noch vor wenigen Jahren lag über diesem Thema ein Mantel des Schweigens. Das ist vorbei. Von Kunstfesten wird ausführlich im „Vermischten“ geschrieben. Die Boulevardisierung des Kulturbetriebs nimmt auch hier ihren Gang. Man kann sich über die neuen Adressen der Sammlungen mittlerweile schon beim Friseur bestens belesen. Nun hat das, was einen Sammler eigentlich ausmacht, ein Walter Benjamin mit seinem Eduard Fuchs bestens beschrieben. Und Galerist Gerd Harry Lybke hat es noch ganz handfest umrissen: „Ein Sammler ist für mich ein kunstinteressierter Besucher, der im Jahr sechzig- bis achtzigtausend Mark in seine Leidenschaft investiert.“ Jetzt haben wir zwar seit ein paar Jahren den Euro – die Zahl aber wird für sich für den Galeristen wahrscheinlich nur wenig verändert haben. Überhaupt bleibt nur noch eine unausgesprochene Frage: Was sammeln die Galeristen eigentlich selbst? Die ist nun beantwortet. Teilweise zumindest, denn sieben Galeristen aus der Gallery-Weekend-Runde luden Sammler und angereiste Kuratoren zu einer privaten Wohnungsbesichtigung ein.

Es soll hier nicht berichtet werden, welchen Champagner es gab, wie die Erdbeeren dufteten, wonach die Schnittchen schmeckten, unter welchem Bild die Hausbesitzer gerade schlafen oder was über dem Küchentisch hängt. Es interessiert an dieser Stelle nicht, wer den Kuchen für die Kaffeerunde geliefert hat und wie lange die Politur des Parketts so hält. Aber der Mensch ist halt neugierig und so dokumentiert die Kamera den Weg der Ware an die Wände, eingepasst in die Verhältnisse alltäglichen Behagens. Zum Beispiel in der Wohnung von Johann König und Kirsa Geiser, in die von der Dame des Hauses so eingeführt wurde: „Ich glaube, der ,Repräsentationsfaktor’ ist bei jungen Galeristen zu Hause oft gar nicht so hoch. Man hat wenig Zeit für seine privaten Räume und einfach viel zu viel anderes zu tun…“.

Nun wird die König-Geiser-Wohnung auch schon deshalb kein erweiterter Showroom der Galerie werden, weil hier die gesammelte Familiengeschichte an der Wand hängt. Dass es aus gutem Grund zum großen Teil auch gelebte internationale Kunst- und Zeitgeschichte ist - nun, das ist das eben so. Eine in ruhigem Grau gerahmte Arbeit in Glas von 1979 begrüßt den Gast gleich neben der Tür. On Kawaras seine „I got up at…“-Künstlerpostkarten. Sie gingen damals meist aus der New Yorker Green Street an die Münchner Adresse von Edda Köchl. „Das war eine Kunstaktion, Ende der Siebziger Jahre. Sogar noch vor ‚mailart‘ oder kurz nach der Erfindung.“ Heute ist die Reihung der Karten ein Familienerbstück der Mutter an den Sohn. So auch der frühe Druck von Otto Muehl: Prince Charles, jung porträtiert. Der Stilmix erstaunt, Form à la Lichtenstein, Farben wie Warhol. Am Treppenabsatz noch ein weiteres Frühwerk, das von eher vergessenen Anfängen eines späteren Weltstars Zeugnis ablegt. Dan Graham fotografierte 1967 die Eröffnung eines Highway-Restaurants in Jersey City. Seine Signatur „für Kaspar“ ist nach über vierzig Jahren fast völlig verblichen. Auch der Film war wohl nicht der beste. Aber darum geht es eben nicht.

Oben, neben dem Esstisch, steht eine „Iaspisbank“ von Michael Beutler. Und die wird auch als solche genutzt. Ein Alicja-Kwade-Stückchen in der Ecke erinnert mit schwarzem Humor daran, das hier wie überall  der Wert der Sache im Auge des Betrachters liegt: Da prangt ein riesiges schwarzes Kohlestück, formal wie ein Brillant geschliffen, edel verpackt und mit dem schönen Namen „Lucy“. Prächtig in Beton gegossen ruht unweit davon ein zwanzig Jahre alter „Weltempfänger“ von Isa Genzken auf dem Fensterbrett. Und von Manfred Kuttner, einem Zeitgenossen von Polke und Richter aus den 1960er Jahren,  stammt das Bild mit der Neonfarbe. Dieses Siebenauge von 1964 hat nichts verloren an seinem Farbglanz und haut alles Postpopabstrakte einfach mal um. Und was schrieb da lax über seine schwarze Linie in der schlichten Zeichnung ein Michael Sailstorfer? „Für die eingangs gestellte Frage nach dem Sinn des Strebens nach Großartigkeit“. So. Dazu muss gar nichts weiter gesagt werden.

Es bleibt dabei – Galeristen wohnen nicht in Galerien. Aber ihre Wohnungen erzählen von der Galeriengeschichte. Das haben unsere kurzen Stippvisiten bei Katja Barth und Guido W. Baudach, Giti Nourbakhsch, Max Hetzler und Samia Saouma, bei Michael Fuchs und Alexander Schröder und Yasmine Elgarafi ergeben. Kann man sich auch gar nicht anders vorstellen: Küchen funktionieren nun mal nicht als White Cube. Auch wenn eine so rare fotohistorische Serie von Ghislain Dussart (1924-1996) darin hängt wie etwa bei Michael Fuchs. Oder sich immer hinter einem vermeintlichen Materialbild Klara Lidens ein geheimnisvoller „Backroom“ verbirgt, wie bei Schröder in der Küche? Eigentlich will die Küche doch immer noch Küche bleiben.

Man fragt sich am Ende, ob die revolutionäre Idee – sieben Adressen in drei Stunden zur Besichtigung seinem elitären Sammlervolk anzubieten – eigentlich zur besseren Wertschätzung von Kunst und Künstlern beitragen hilft? Immerhin wurde dafür einst die gesellschaftliche Feierform der „Vernissage“ ins Leben gerufen. Was für ein kunsthändlerischer Geniestreich das war und welche immense kaufmännische Wirkung eine Vernissage bis heute als den Wert steigernde Maßnahme besitzt, hat dieses vierte Galeriewochenende Anfang Mai in Berlin wieder einmal bewiesen. Allen anregenden Ausnahmen zum Trotz ist die kaufmännische Diskretion nach dem Verkauf eine der wertvollsten Verteidigungsleistungen für die angefochtene zeitgenössische Kunst. Aber das wissen Galeristen sicher am besten.


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