Galeriestandort Rheinland

Kontinentaldrift am Rhein

Stefan Kobel
31. August 2010

Tektonische Verschiebungen vollziehen sich langsam. Mit bloßem Auge ist die Bewegung der Kontinente nicht zu erkennen. Man muss im Rheinland deshalb genau hinsehen, um die Richtung jener Veränderungen auszumachen, die sich seit einigen Jahren vollziehen. Zumal die Bewegung nicht immer eindeutig ist. Dass sich die beiden früher isolierten Inseln Köln und Düsseldorf langsam aufeinander zubewegen, ist immerhin eine unübersehbare Drift. Und wenn Christian Nagel trotz jahrelangen Klagens über den Marktplatz Berlin doch in die Hauptstadt zieht, seine Kölner Räume aufgibt und über neue Vermittlungsformate nachdenkt, wenn Daniel Buchholz seine ehemalige Stammgalerie in der Domstadt zusehends verwaisen lässt, sind das Zeichen, die auch Berufsoptimisten nicht übersehen.

Weit weniger offensichtlich sind indes die innerrheinischen Bewegungen, an denen sich ein tiefgreifender Strukturwandel ablesen lässt. Dabei geht es nicht um eine Kopfzählung der Galeristen oder die Umsatzzahlen ihrer Geschäfte. Es geht um eine neue Kollegialität, die hoffen lässt. So hat sich die Galerie Hammelehle und Ahrens mit vier der gar nicht mal so wenigen Newcomer in Köln zusammengetan. Die Schwaben, die jetzt seit vielen Jahren im Galeriehaus An der Schanz 1a residieren, haben mit der Galerie Desaga, Jagla Ausstellungsraum, Warhus Rittershaus und der aus Frankfurt zugezogenen Eva Winkeler ihren Verteiler in einen Pool eingebracht und verschicken ihre Einladungen gemeinsam. In einer Zunft, die den Kundenstamm eifersüchtig vor der Konkurrenz abschirmt, ist das alles andere als ein selbstverständliches Zeichen von Teamgeist. Dass alte Hasen den brancheneigenen Nachwuchs unterstützen, wäre vor einigen Jahren eher ungewöhnlich gewesen. „Das ist der neue Spirit, dass nicht mehr jeder sein eigenes Süppchen kocht“, erklärt Bernd Hammelehle die lose Kooperation.

Einem echten Kulturschock hingegen kommt der Umzug von Linn Lühn gleich. Sie gibt ihre Kölner Galerie auf und geht nach Düsseldorf. Nicht ganz ohne Einfluss auf ihre Entscheidung war wohl die wiederholt geäußerte Einladung von Kollegen aus der Landeshauptstadt. Jedoch standen bei Lühns Überlegungen nicht der Wechsel der Stadt im Vordergrund, sondern grundsätzliche Gedanken darüber, wie Galeriearbeit in Zukunft aussehen könnte: „Ich glaube, es ist an der Zeit, die eingeübten Strukturen zu überdenken“, so Lühn. „Das Modell, im Ladenlokal zu sitzen und zu warten, dass Leute reinkommen, funktioniert vielleicht nicht mehr.“ Die Ansprache der Sammler und Kuratoren will sie persönlicher gestalten, etwa mit gemeinsamen Abendessen oder anderen kleineren Veranstaltungen. Sie will sich nicht, wie einige Kollegen in letzter Zeit, auf den Handel verlegen. „Ich mache sehr gerne Ausstellungen, aber die klassische Form der Galeriearbeit muss präzisiert werden.“ Die inhaltliche Vermittlung sei aber keineswegs leichter geworden seit der Kunstmarktkrise. Sie denke an einen privateren Rahmen und könne sich durchaus vorstellen, kompaktere Ausstellungsformate zu erfinden. Der Entschluss zum Umzug sei eher eine Entscheidung für Düsseldorf als gegen Köln gewesen. „In Düsseldorf vermittelt die Stadt den Eindruck, dass sie es sehr ernst meint mit dem, was da passiert.“ Köln hingegen scheine auf politischer Seite gerade wieder einen Tiefpunkt zu erreichen. Nicht nur sie leidet unter dem ständigen Budgetgezerre und der Bettelei um jeden Förder-Cent: „Wenn immer nur über Geld gesprochen wird, ist das schlecht für die Kunst.“

Etwas rheinabwärts herrschen im Vergleich dazu fast paradiesische Zustände, glaubt man den dortigen Galerien. Besonders gelobt werden das Programm der ansässigen Institutionen und das Engagement der Stadt. Zur zweiten Ausgabe der Quadriennale und parallel zum Köln-Düsseldorfer Galerie-Event DC Open haben die Düsseldorfer Galerien ein besonders anspruchsvolles Projekt auf die Beine gestellt – die deutschlandpremieren – von der Stadt nicht nur ideell, sondern in bescheidenem Maße auch finanziell unterstützt. Die 30 beteiligten Galerien präsentieren Künstler, die hierzulande noch nie mit einer Einzelausstellung vertreten waren. Die Premieren, als Komplementär zum Quadriennale-Programm der Museen gedacht, seien für einige Teilnehmer auch finanziell sehr aufwändig gewesen, erklärt Galeristin und Initiatorin Helga Conrads. Dies läge vor allem daran, dass sich viele nicht für unbekannte Newcomer entschieden hätten, sondern renommierten internationalen Positionen den Weg auf den deutschen Markt ebnen wollten. Ein eigenes Sammlerprogramm habe man gleichwohl nicht entwickelt. Man vertraue auf die hochkarätigen Museumsausstellungen als Magnet mit überregionaler Wirkung.

Kai Brückner, der mit seiner Galerie TZR schon vor einigen Jahren nach Düsseldorf gezogen ist, hält seine Standort-Entscheidung für „goldrichtig“ – „obwohl ich Köln aus heutiger Sicht auch interessant finde.“ Denn junge Galerien gibt es hier wie da, und anders als in anderen Kunstmetropolen wurstelt im Rheinland nicht mehr jeder allein vor sich hin oder schließt sich zu Kleinfraktionen zusammen, wie man es noch vor Kurzem gewohnt war. Aus dem Geschiebe wird langsam ein Fluss. Auf seinem Weg, Inhalt und Markt wieder in tragfähigen Modellen zusammenzubinden, ist das Rheinland jedenfalls einen interessanten Schritt weitergekommen.


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