29. November 2011
Bern steht im Ruf, auch als Bundeshauptstadt ein Dorf höheren Ranges zu sein. Es heißt, Unternehmer mieden es, da der Steuersatz zu den höchsten in der Schweiz zählt. Und die Blütezeit der Kunstszene liege in den Sechzigerjahren, als der spätere documenta- und Biennale-Kurator Harald Szeemann für avantgardistisches Tauwetter in der Kunsthalle des Örtchens gesorgt hatte.
Ein Rundgang durch die Berner Galerien in der pittoresken Altstadt demonstriert jedoch: Hinter der Skepsis der urbanen Kunstzentristen steckt eine Peripherie-Phobie, die gerade heute anachronistisch wirkt. Man muss Hans-Ulrich Obrists These, im 21. Jahrhundert könne jeder Ort ein Zentrum sein, schon ernst nehmen. Mitunter begegnet man gerade in den Provinzregionen Alteuropas, also auf vordergründigen Nebenschauplätzen, jenen Eigentümlichkeiten des Kunstbetriebs, die sich nicht ohne weiteres mit dem Biennale-Jetset synchronisieren lassen.
Typisch für die Berner Galerienszene ist die Mischung aus zeitgemäßer, an internationalen Standards orientierter Gegenwartskunst und eher unbekannten Künstlern aus der Region. So hat etwa die Galerie Martin Krebs den für seine Cheap-Art bekannten deutschen Pop-, Comic- und Performance-Künstler Jim Avignon im Programm, gleich neben der 1928 geborenen Karin Schaub, die Landschaften, Tiere und Architekturen malt – in einem so seltsamen Stil, der irgendwo zwischen Fotorealismus, Surrealismus und farbgewaltiger naiver Kunst mäandert. Krebs ist bereits seit 1968 mit seiner Galerie in Bern ansässig, hat die glorreiche Szeemann-Ära miterlebt und zeigte die Kunst der West Coast, lange bevor sie anderswo entdeckt wurde. Zurzeit sind bei ihm Landschaftszeichnungen des Genfers Jean-François Luthy zu sehen – dass Landschaft in Bern generell eine große Rolle spielt, wird auch bei anderen Künstlern deutlich, etwa bei Michel Grillet mit seinen minimalistischen Alpenpanoramen.
Ähnlich heterogen ist die Künstlerliste von Bernhard Bischoff & Partner. Im Jahr 2005 verlagerte Bischoff seine Galerie von Thun nach Bern an den Waisenhausplatz, wo nun der Blick aus den Galerieräumen auf einen von Meret Oppenheim gestalteten, mit Moosbüscheln bewachsenen Brunnen von 1983 fällt. Derzeit werden die hybriden Zeichnungen der Bernerin Raffaela Chiara ausgestellt. Ebenfalls im Programm: Das Künstler-Duo Com & Com (Marcus Gossolt und Johannes M. Hedinger), das mit provokanten Aktionen auf sich aufmerksam machte: Unter anderem mit dem Denkmal „Mocmoc“ für die Stadt Romanshorn, dessen pokemonartige Gestalt zu wütenden Protesten insbesondere der nationalkonservativen Kräfte vor Ort führte. In Bern teilen sich Bischoff & Partner nun das Gebäude mit der Stadtgalerie, dem Projektraum des Kunstmuseums Bern, der Visarte Galerie sowie diversen Atelierräumen, womit die Innenstadt über ein veritables Kunst- und Kulturzentrum verfügt.
Solchem Establishment bietet die Galerie Duflon-Racz in der Altstadt die Stirn: Hier wird gerade Outsider-Art präsentiert, darunter Werke von Kurt Lanz, geboren 1930 in Bern und ehemaliger Hilfsgärtner, der erst im Jahr 2001 als Insasse eines Pflegeheims zur Kunst fand. Seitdem hat er ein beachtliches Konvolut an tragikomischen Buntstiftzeichnungen hervorgebracht, mit Titeln wie Achtung Testzeichnung! oder Alles OKTulpe. Im Kontext mit Arbeiten von Serge Vollin, Josef Wittlich, Antifrost und Paul Duhem entsteht hier ein ähnlich verstörender Eindruck wie im schwäbischen Schloss Bönnigheim, wo Charlotte Zander ihre bedeutende Sammlung von Outsider-Art zeigt – Lanz wäre sicherlich ein guter Kandidat auch für diesen Kontext.
Ganz in der Nähe liegen die Galerien Krethlow und annex14. Während sich letztere durch ein frisches Potpourri aus aktuellen und aktuell gebliebenen künstlerischen Positionen auszeichnet – derzeit wird ein Dialog zwischen den Bildhauern Michel Sauer und Vaclav Pozarek gezeigt – versteht sich die Galerie Krethlow als Ruhepol des Galeriebetriebs. Gegründet wurde sie 1992 von Michael Krethlow, bezeichnenderweise unter dem Namen „Kabinett“, was auch so etwas wie „Rückzugs-“ oder „Beratungsraum“ bedeuten kann – oder in diesem Fall ein Ort für „eine mit Muße geführte Auseinandersetzung untereinander“, wie der Galeriekünstler Christian Denzler erklärt. Der Schwerpunkt des entschleunigten Programms liegt auf figürlicher Kunst. Unlängst eröffnete Krethlow übrigens eine Filiale in Brüssel.
Einer, der sowohl monetär und diskursiv als auch institutionell stark im Berner Kunstgeschehen mitmischt, ist der umtriebige Sammler und Unternehmer Jobst Wagner. Er versteht sich als Mäzen der alten humanistischen Schule, beäugt den überhitzten Markt für Gegenwartskunst kritisch und sammelt nur Künstler, zu denen er eine persönliche Beziehung aufgebaut hat. Unter anderem ist er als Präsident der Stiftung Kunsthalle Bern tätig und setzt sich seit langem für den Bau eines Museums der Gegenwartskunst ein.
Es ist also einiges im Gange in jener Stadt, der man gemeinhin eine langsame Gangart zuschreibt. Was vielleicht gerade heute nicht das schlechteste ist. Mag sein, dass die Berner Galerienszene nicht gerade für internationales Flair oder metropolitanen Drive steht. Dafür zeichnet sie sich aus durch eine nicht zu unterschätzende Widerborstigkeit des Lokalen und Regionalen, stets konterkariert mit Abstechern ins „Global Contemporary“. Dorf höheren Ranges hin oder her – Bern ist vor allem eine „glokale“ Kunststadt.