15. April 2011
Entwarnung am Rhein, die Art Cologne ist wieder auf dem Weg nach oben. Es liegt in der Natur eines verheißungsvollen Auftakts, dass sich die gute Stimmung auch auf den Vernissageabend überträgt. Das Kölner Galeriengetriebe zeigte sich gut geölt, der Tross aus rheinischen und internationalen Sammlern, Neugierigen und Kauflustigen war beachtlich. In der Neven-duMont-Straße drängten sich die VIP-Karossen beim Platzhirsch Kewenig, und mitunter entstieg ihnen der nimmermüde Messechef Daniel Hug persönlich, um einen Sammler zur Schau von Jannis Kounellis zu begleiten. Der in Rom lebende Grieche feierte im März seinen 75. Geburtstag. Grund genug für die Galerie, neueste Werke des Grandseigneurs der italienischen Arte Povera zu präsentieren. Offenbar sind es schwarze Abdrücke von zerstückelten Mänteln und Jacken, die ihn gerade umtreiben. Die individuelle Herkunft der Alltagsgegenstände geht in den abstrakten Mustern verloren, der Mensch verschwindet mit seiner Anatomie in den diszipliniert aufgetragenen Spurenschichten. Seit einem Jahr befestigt Kounellis die Einzelteile auf großformatigen, mit weißer Leinwand bespannten Metallplatten. Als wolle er einer weiteren Atomisierung vorbeugen, sind einige der Kompositionen von einer zu groß geratenen schwarzen Schleife umrundet. Fünf von ihnen finden sich im Hauptraum strategisch gehängt in Sichtachse des Eingangs. Die neue titellose Serie wird noch dieses Jahr auch im Museum Kurhaus Kleve zu sehen sein.
Nebenan bei Daniel Buchholz gab sich das Publikum international. Dank der vielen Besucher aus Übersee wehte ein Flair von New York durch den Hinterhof. Beim ortsüblichen Kölsch trotzte man in den schneeweißen Räumen der Kontinentalverschiebung und übte sich in den neuesten theoriegefestigten Standpunkten. Inspiration lieferte die 1961 geborene R.H. Quaytman: Die New Yorkerin knüpft in ihrer ortsspezifischen Schau an das zur Straße hin angeschlossene Antiquariat an. Ihr imaginäres, auf Leinwänden reichlich illustriertes Bucharchiv bevölkern grafisch anmutende Porträts von Judith und Holofernes oder weiße Irrgartenmuster auf schwarzem Hintergrund, die zur Suche nach mythischen Figuren einladen. Die Bildtafeln entfalten in ihrer zeitentrückten Schönheit fast dekorative Eigenschaften. Gelegentlich multiplizieren sie die Erzählung, wenn etwa der Streit um ein Windlicht zwischen zwei barocken Gestalten durch eine glitzernde Farbgebung ins Märchenhafte entgleist.
Wenige Straßenzüge weiter arbeitet sich Laura Owens bei Gisela Capitain ohne Umschweife an einer kindlich stimulierenden Schwerelosigkeit ab. Das Etikett „girlie art“ passt angesichts ihres Alters von inzwischen 40 Jahren eigentlich nicht mehr. Ihren naiven Gegenwelten bleibt sie allerdings weiterhin treu. Dem abgesteckten Terrain einer domestizierten Abstraktion begegnet ihre aus dem Impuls kommende Malerei mit erfrischender Nonchalance. Erlaubt ist alles, was Schwung und Wucht verheißt, inklusive tabuloses Mischen von Stilen und Techniken. Für die auf drei Räume verteilte Schau hat die US-Amerikanerin mit Wohnsitz in Los Angeles zwar auf die sonst üblichen figurativen Fabeltiere verzichtet, dafür aber das Tempo ihrer abstrakten Seite deutlich beschleunigt. Im größten Raum hängen jeweils 14 Quadrate zur Decke hin in Gruppenreihen. Die Wirkung stellt sich erst allmählich ein. Sich abstoßende Wechsel sorgen für Kopfschütteln und zugleich entwickeln sie eine egalitäre Dynamik, die schlicht mitreißt. Konstruktivistische Elemente finden sich neben simplen Handabdrücken, die im nächsten Moment entlang von eingestochenen Fäden in wild tänzelnde Pinselstriche übergehen. Immer wieder tauchen Uhrzeiger auf, ohne dass erkennbar wäre, welche Geschichten sie erzählen. Entwaffnend auch die von der Hand liebevoll geklebten und vor geheimnisvollen Zeichen sprudelnden Bücherattrappen, die wie alle anderen Werke, im Nebenraum auf drei Tischen verteilt, keine Titel tragen. Mit Logik und Interpretation kommt man dieser sich charmant jeder Bedeutung entziehenden Kunst nicht weiter.
Auch die Fotografie ist vertreten: Thomas Zander zeigt unter dem Ausstellungstitel „CARS“ die Serie „America by Car“ von Lee Friedlander. Noch im Herbst gastierte diese im New Yorker Whitney Museum of American Art. Sie umfasst 190 schwarz-weiße Reisedokumente, aufgenommen mit einer Leica überwiegend vom Fahrersitz aus zwischen 1996 und 2009. Der Meister der „Street Photography“, 1934 in Aberdeen geboren und neben Diane Arbus und Garry Winogrand der Hauptvertreter einer unbarmherzigen Alltagsfotografie, präsentiert sich neben der Großstadtstraße auch als Kenner des Highway. Auf seinem rastlosen Trip durch die Weiten Amerikas fixiert er mit Vorliebe Verkehrszeichen, die ins Nirgendwo führen, Schaufenster, Pin-up-Plakate und immer wieder die Haltegriffe seines Leihwagens. Dann gerät auch die Windschutzscheibe als abdichtende Membran unweigerlich ins Bild und gibt Auskünfte über ein ungemütliches Draußen, das von einsamen Cowboys und anderen gestrandeten Gestalten bevölkert ist.
Auf dem Rückweg vom Süden in die Kölner Innenstadt lohnt ein Abstecher zur Galerie Charlotte Desaga. In ihrem Hinterhof verbreiten neue Ölgemälde der Berlinerin Frauke Boggasch (Jg. 1975) unter dem Titel „Ghosts cast Shadows“ wohlige Melancholie. Dicht gehängt unter der tiefen Decke lösen sie mit ihrem düster expressiven Gestus klaustrophobische Gefühle aus. Auf den in die Tiefe hypnotisch verzogenen Leinwänden darf die Farbe dramatisch auslaufen, in Schlieren und dicken Tropfen, sodass die Schichten des Farbpigments sichtbar werden. Trotz der selbstironischen Porträtfotografien, die in einem Abstellraum die Stimmung heben sollen und die Künstlerin im lächerlichen Schleifenoutfit zeigen, gab sich das Publikum im Hof nachdenklich und stimmte eine Debatte über die geschlechterspezifischen Unterschiede bei der Umsetzung eines Suizids an.
Wie gut, dass sich die Temporary Gallery im Belgischen Viertel verlässlich als ausgelassene Spielwiese erwies. Diesmal sorgte die Wiener Galerie Meyer Kainer für pure Anarchie. Die fabrikähnlichen Räume teilten sich Siggi Hofer und die Künstlergruppe gelitin. Mittendrin, im respektlosen Chaos aus umstürzenden Sockelskulpturen, vom Himmel fallenden Holzelefanten und einer lautstarken Endlosschleife aus Trompetenfanfaren, lieferte sich der König-Clan, Kasper, Walther und Johann, ein fröhliches Stelldichein. Als Abschluss und Ausblick auf die Art Brussels lohnt sich schließlich ein Besuch beim mitten im Galerienviertel um die Aachener Straße angesiedeltem Christian Nagel. Die Eröffnung seiner dritten Galerie in Antwerpen ist schon ein Jahr her, die Abwicklung der Räume in Köln lässt aber mangels Nachmieter noch bis August auf sich warten. Für Nagel ein willkommener Anlass, um Positionen aus Belgien zu zeigen, die bisher noch nicht in seiner rheinischen Filiale zu sehen waren. Gleich am Eingang erfüllen sich die Erwartungen. Ein knallbuntes Bild im Bild von Jan Van Imschoot sorgt für Irritationen. Es zeigt ein Interieur, der Bewohner ist abwesend. Dafür dominiert ein Tête-à-tête zwischen zwei Designmöbeln und einem morbiden Gemälde an der Wand die Bildfläche. Darauf nähert sich ein Kardinal einem Kollegen, der als skelettierte Mumie in einem offenen, rosa angestrichenen Sarg für ketzerische Schauer sorgt. Gegenüber in der Installation von Guillaume Bijl weht ein Hauch des von den Surrealisten gepflegten Schuhfetischismus. Nostalgisch stimmende Damenschuhe aus den 1930er-Jahren bekommen in einer Holzkommode ihren großen Auftritt, begleitet von einer Tafel mit dem Stichwort „tentoonstelling“ (Ausstellung). Wer jetzt den belgischen Humor verstanden zu haben glaubt, gerät bei Karin Hanssens wieder aus dem Takt. Ihre großformatigen Leinwände reisen mit malerisch antiquierten Gestus in die Welt der US-Feriencamps der Fünfziger und zeigen junge Menschen, die in sich versunken die Natur genießen. Nach so viel Weltentrücktheit schärft der postminimalistische Schwerpunkt im hinteren Teil wieder die Sinne, auch wenn Luc Tuymans nicht verzichtet, diese buchstäblich ins Leere laufen zu lassen - mit der Projektion eines unbenutzten Dias auf eine Glasscheibe.
Jannis Kounellis: „Senza Titolo“ – Kewenig Galerie, Köln. Vom 13. April bis 28. Mai 2011
R.H. Quaytman: „Cherchez Holopherne, Chapter 21“ – Daniel Buchholz, Köln. Vom 13. April bis 25. Juni 2011
Laura Owens – Galerie Gisela Capitain, Köln. Vom 14. April bis 25. Juni 2011
Lee Friedlander: „CARS“ – Galerie Thomas Zander, Köln. Vom 26. Februar bis 30. April 2011
Frauke Boggasch: „Ghosts cast Shadows“ – Galerie Charlotte Desaga, Köln. Vom 14. April bis 21. Mai 2011
Siggi Hofer: „I wish I were a stone“; gelitin: „puttana cadente“ - Temorary Gallery, Köln (zwei Ausstellungen der Galerie Meyer Kainer, Wien). Vom 14. bis 14. Mai 2011
„VON DORT AUS - NIEUWE KUNST UIT BELGIË / ART NOUVEAU DE LA BELGIQUE II“ – Galerie Christian Nagel, Köln. Vom 2. April bis 4. Juni 2011