Galerienrundgang Köln

Behäbig im Hinterland

Astrid Mania
24. April 2010

Jede Branche, jede Fangemeinde, ja eigentlich jeder lebt nach einem Kalender, dessen Feiertage und datumstechnische Höhepunkte von der allgemeinen Zeittaktung abweichen. Das Zeitmaß des Kunstbetriebs beispielsweise kennt neben den üblichen temporalen Einheiten documenta-Jahre, Biennale-Wochen, Museumseröffnungstage und Vernissagestunden. Und dann gibt es noch die Messen, die das Leben besonders der Galerien strukturieren. Selbstverständlich weist dieses System regionale Unterschiede auf, kunstbetriebliche Zeitzonen, wenn man so will. In Köln beispielsweise kennt der Kunstkalender seit letztem Jahr zwei Großereignisse: die ART COLOGNE im Frühjahr und DC Open – das Köln-Düsseldorfer Galerienwochenende – im Herbst. Beides, so sollte man meinen, wären Gelegenheiten, groß aufzutischen. Wenn die lokale Sammlerschaft, aber auch Gäste von Nah und Fern die Stadt besuchen, sollte doch die Galerie herausgeputzt und die schönste Ausstellung aufgebaut werden.

Irgendwie aber hatte man am Vernissageabend der Kölner Galerien den Eindruck, dass sich gerade die Platzhirsche gänzlich unbeeindruckt von derlei strategischen Erwägungen zeigen. Daniel Buchholz etwa, der auf der Messe einen sehr gelungenen Stand mit einer Einzelpräsentation von Henrik Olesen hat, eröffnete in der Neven-duMont-Straße eine Soloschau mit bemerkenswert harmlosen Gemälden von Katharina Wulff – die mit dem Titel ihrer Ausstellung auch noch an Hitlers Geburtstag erinnern musste, der ja nun unseligerweise auf den Tag des Galerienrundgangs fiel. Dafür ließ sich in der Gruppenschau unter der zweiten Galerieadresse – mit Werken von Olesen, Cerith Wyn Evans, John Kelsey, Julian Göthe und anderen – immerhin der eine oder andere formale Bezug zwischen den einzelnen Arbeiten herstellen. Dennoch fühlte man sich ein wenig wie in der Vorweihnachts-Accrochage. Um die Ecke, bei Kewenig, wurde erst gar nicht eröffnet. Dort blieb einfach die Schau mit neueren Werken von Victor Pivovarov hängen, die vom Ruhm und surrealistisch-konzeptuellen Mut der frühen Jahre zehren, während Gisela Capitain zwar die Schau wechselte, mit Künstlerportraits der Fotografin Elfie Semotan jedoch auch eher so etwas wie eine Interimsausstellung aufbot, die man in der saure-Gurken-Zeit erwarten würde.

Bei Kudlek van der Grinten hatte man sich immerhin entschlossen, den Abend etwas festlicher zu begehen. Dort reichte man gallertartig verfestigte Cocktails in Kubenform, ein Rezept des ausstellenden Künstlers Simon Schubert, der sämtliche Galeriewände mit weißen Papierbögen – Tortenpapier gleich – überzogen hatte, deren Linien und Schattierungen sich in der Tat aber Faltungen verdanken. In jeder Beziehung saftiger ging es bei Linn Lühn zu, die zwei Gast-Künstler präsentiert, Michael Bauer und Charlie Hammond. Bauer, so etwas wie ein Kölscher Künstler-Kuratoren-Tausendsassa, hatte sich Hammond als Sparringpartner gewünscht, und so begegnen sich nun die düster-amorphen Gemälde des Kölners, in denen sich immer wieder Körperfragmente abbilden, und die gedeckten Werke Hammonds mit ihren kleinstskulpturalen Keramikeinsprengseln. Bauer musste an diesem Abend Sportlichkeit beweisen, denn neben der Ausstellung seiner eigenen Werke war er auch noch kuratorisch für die Gruppenschau bei Susanne Zander verantwortlich. Hier zeigte er, wie letztes Jahr am Messe-Stand seiner Galerie Hotel, eine Zusammenstellung von so genannter Art Brut und „richtiger“ Kunst, mit dem Anspruch, die Hinfälligkeit solcher Kategorisierungen zu belegen – eine Beweisführung, die durchaus gelang.

Überhaupt taten sich die Lichtblicke im Belgischen Viertel auf. Bei Sebastian Brandl stellten sich dem Besucher die Betonskulpturen Christian Bergs in den Weg, zugleich schlicht-kompakte Geometrie und bedrückende Referenz an die Panzersperren aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs, wie man sie in der Voreifel, unweit von Köln, noch heute sehen kann. Und gegenüber konnte sich Marietta Clages über eine Präsentation der Nicht-Galeriekünstlerin Rita McBride freuen. Unter dem Titel „Way Out West“ zeigt McBride dort Skulpturen, die thematisch um die unerschrocken selbstbewusste und für damalige Zeiten hoch provokative Schauspielerin Mae West kreisen: eine Art hölzerner Wild-West-Saloon-Bar, Drucke von abstrakten Formen mit Wespentaille, die Künstlerin selbst mit blonder Perücke in Pin-up-Pose. Anlass zu dieser Ausstellung ist die bislang von heftigen Kontroversen begleitete und dadurch verhinderte Realisierung einer Skulptur McBrides im öffentlichen Raum Münchens, die sich geometrisierend mit dem Phänomen Mae West auseinandersetzt. Dieses künstlerische Gastspiel war wohl der Höhepunkt eines an Höhepunkten erstaunlich armen Abends.

Dafür gibt es einen Umzug zu vermelden. Die krupic kersting galerie//k.u.k. agiert nun in den ehemaligen Räumen von Lutz Beckers Schnittraum. K.u.k. präsentiert eine überwiegend dokumentarische Ausstellung von Kristina Leko, die ihre Praxis zu sozialen, partizipatorischen Projekten ausformiert. „Raum“ ist auch das Stichwort für Michael Beutlers Installation bei Christian Nagel, der die Galerie mit hintereinandergestaffelten, mehrfarbigen Trennwänden aus Papier unterteilt hat und den Betrachter entsprechend durch eine Abfolge niedriger Tore schickt. Man kommt sich dabei ein wenig vor, als wäre man in einer Fantasie-Tempel-Architektur à la Indiana Jones. Der Spaßfaktor ist hoch, der konzeptuelle Nährwert eher niedrig. Dafür gab es handfeste Nahrung bei Figge von Rosen, wo ein gut gelaunter Reibekuchenbrater authentisch rheinisches Kartoffelbackwerk verteilte. Im Innern wartete eine Soloschau Koen van den Broeks mit seinen zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion changierenden Gemälden auf Besucher mit sauberen Fingern. Im Keller kann der geneigte Betrachter dann kleinformatige Zeichnungen van den Broeks erwerben – ein Angebot, das wohl gerne angenommen wurde. Schließlich pflegt man bei Figge von Rosen noch die Sitte des Klebens roter Punkte. Und bei Thomas Rehbein schließlich lässt Michael Kalmbach seine kuriosen Mobiles aus plumpen Astralkörpern und fragilen Menschenleibern pendeln, die trotz der vielen Anspielungen an Mythisches und Wissenschaftliches immer ein wenig zu nahe an die Anziehungskräfte des Niedlichen geraten.

So blieb man am Ende dieses Rundgangs etwas perplex zurück. Gehört die ART COLOGNE nach über vierzig Jahren so sehr zum Kölner Stadtleben, dass die Galerien ihr und ihrem Umfeld keine gesteigerte Aufmerksamkeit mehr widmen? Konzentrieren lokale Messeteilnehmer wie Nagel, Capitain und Buchholz ihre Kräfte einzig auf die Messe? Oder hatten die Kölner Galerien nur einfach einen Durchhänger? Anders als noch 2009, als man Aufbruchsstimmung spürte, wirkte die Szene 2010 ermattet. Selbst das Museum Ludwig hatte dem am Donnerstagabend mit seinen Eröffnungen wenig entgegenzusetzen. Zwar ist die Ausstellung von Jochen Lempert als Überblick über ein fotografisches Oeuvre – und vor allem als Hängung – gelungen, doch die Wade-Guyton-Schau, die aus einer Wand mit schwarzflächig-tintenstrahlbedruckten Leinwänden besteht, verliert sich in einer selbstreferenziellen Feier ihrer Entstehungsweise. Man kann nur hoffen, dass sich der hiesige Kunstbetrieb schnell wieder aufrappelt. Denn die ART COLOGNE allein kann nicht die Lokomotive des Rheinlands sein, auch wenn die engagierte Stimmung auf der qualitativ gut aufgestellten Messe ein Positivbeispiel für die hiesige Szene war.


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