Galerienhaus „Halle am Wasser“, Berlin

Die Wasserburg

Dominikus Müller
21. Mai 2008
"Frontlines: Notations from the contemporary Indian Urban" - Gruppenausstellung mit Subodh Gupta, Zarina Hashmi, Jitish Kallat, Valsan Koorma Kolleri, Riyas Komu, Nataraj Sharma bei BodhiBerlin. Vom 3. Mai bis 1. Juni 2008

Natalia Stachon bei Loock Galerie, Berlin. Vom 3. Mai bis 14. Juni 2008

"Andersen's Wohnung revisited 1996-1999" - Gruppenausstellung mit Thomas Bayrle, Jesper Dalgaard, FOS, Fanny Geisler, Jeppe Hein, Thilo Heinzmann, Andreas Hofer, John Körner, Jakob Kolding, Bernd Krauss, Lars Bent Petersen, Anselm Reyle, Pia Rönicke, Kristine Roepsdorff, Felix Weber, Katja Strunz, Tal R, Manfred Peckl, Evren Tekinoktay, Philipp Zaiser, Thomas Zipp bei Andersen's Contemporary, Berlin. Vom 1. Mai bis 14. Juni 2008

Am ersten Mai haben nicht nur 34 Berliner Galerien ein heilige Allianz gebildet und mit dem Gallery-Weekend die Stadt in eine Einkaufsmall für angereiste Sammler verwandelt, es wurde auch mal wieder ein neues Galerienhaus aus der Taufe gehoben. In diesem Fall taucht der neue Konvertit direkt aus den etwas mickrigen Fluten des unmittelbar hinter dem Hamburger Bahnhof gelegenen Spreekanals auf, um sich in Form einer umgebauten Lagerhalle im Brachland zwischen der möchtegern-glamourösen Mitte Berlins und dem ehemaligen roten Arbeiter- und jetzigen buntgemusterten Problembezirk Wedding niederzulassen. Den Täufer - oder besser den "Wiedertäufer" - gab für diese rituelle Aufwertung postindustrieller Großräume Friedrich Loock, der als Betreiber der Galerie Wohnmaschine für die Berliner Kunsthandelsszene ein Veteran der ersten Stunde ist.

Eröffnungen und Gebietserschließungen dieser Größenordnung - immerhin handelt es sich um sechs nicht gerade kleine Ausstellungsräume - reklamieren immer auch ein gutes Maß symbolischer Strahlkraft für sich und die banale Ausstellungseröffnung wird schnell als standortpolitisches Statement deutbar. Umso interessanter ist es, dass sich drei dieser sechs Ausstellungen mehr oder weniger implizit mit dem Thema "Stadt" und "Berlin" auseinandersetzen. Wird hier etwa auf einer tiefer liegenden Ebene geschickt das eigene Treiben der Galerien reflektiert? Oder ist das alles bloß Zufall? So oder so kann man eine Menge lernen in diesem Haus - über den momentanen Zustand der Kunst im Allgemeinen und über Berlins Status als Kunstmetropole des frühen 21. Jahrhunderts im Speziellen.

Beginnen wir den Rundgang bei BodhiBerlin, einem der wenigen Global Player im internationalen Kunstzirkus mit indischer Provenienz und marktwirksamer Präsenz außerhalb Indiens. Nach Standorten in Mumbai, Neu-Delhi, Singapur und New York hat die Galerie in Loocks "Halle am Wasser" ihre erste europäische Vertretung eröffnet. Deren neuer Direktor und Kurator, Shaheen Merali, der bis vor kurzem noch für die Bereiche Bildende Kunst, Film und Neue Medien am Haus der Kulturen der Welt verantwortlich zeichnete, gibt im Pressetext und in Interviews gleich mal die Marschrichtung vor, wenn er von einer neuen und hoffnungsvollen Generation junger indischer Künstler spricht. Mit einer gehörigen Portion Marketing-Wissen und Bewusstsein um die jüngste Kunstgeschichte wird das ganze dann - wahrscheinlich in Anlehnung an die "Young British Artists" (YBA) der 1990er Jahre - "Contemporary Indian Artists" genannt, was sich lustigerweise als "CIA" abkürzen lässt. Das befindet sich auf der nach oben offenen Akronymskala auf jeden Fall schon mal auf einem herausforderndem Niveau, aber eigentlich ist man ja gekommen, um die Kunst zu sehen.

Die Gruppenschau "Frontlines: Notations From The Contemporary Indian Urban" versammelt Arbeiten von sieben Künstlern der Galerie, die sich alle als Kommentare zur rasanten Urbanisierung der indischen Megalopolen verstehen.  Dabei greifen einige Arbeiten auf "typisch" indische Materialien zurück, etwa jene Blechgefäße - "tiffins" genannt - in denen die Angestellten indischer Großstädte ihren Lunch transportieren. In der Ausstellung hat Subodh Gupta sie auf einem Sushi-Laufband arrangiert und adressiert das Thema Urbanisierung gleich auf mehreren Ebenen: der Gegensatz zwischen Tradition und Moderne wird durch die Kombination der rustikalen "tiffins" mit dem aus der globalisierten Großstadt nur allzu bekannten High-Tech-Sushirestaurant symbolisiert, die Bewegung der unzähligen Metallgefäße evoziert das Verkehrschaos der indischen Metropolen und obendrein sieht das Ganze auch noch verdächtig nach städtischer Skyline aus - ganz abgesehen von der Thematisierung des Hunger- und Versorgungsproblems.

Jitish Kallat dagegen hat für seinen Beitrag Petromorphine auf die Außenseite eines großen Rades chaotische Verkehrsszenen modelliert, während Riyas Komus mit seiner ausladenden Installation The Cult of the Dead and Memory Loss ein seltsames Konglomerat aus klassischer Totenbahre und Requiemschrein ausstellt, den er hinter einem Gitter aus Beton platziert - ein Kommentar zur indischen Gesellschaft zwischen Modernisierung und Tradition, zu dem seltsam amorphen Gebilde aus Verwurzelung in Geschichte und Religion und dem Schicksal zeitgenössischer kapitalistischer Entwurzelung.

Eine Tür weiter betreibt Friedrich Loock neben seiner alteingesessenen Galerie Wohnmaschine in der Auguststraße nun großzügige Räume unter dem Namen Loock Galerie. Hat man es bei Bodhi mit einer postkolonial formatierten Auseinandersetzung mit Urbanisierung zu tun, so zeigt man hier mit Natalia Stachon ebenfalls eine Position, die sich entfernt mit dem Thema Stadt auseinandersetzt - allerdings im Kleid des slicken Minimalismus und der sauberen Abstraktion. Der gesamte Bereich der Galerie ist als zu erwandernde abstrakte Landschaft konzipiert: Hinter einer langgestreckten Abtrennung eröffnet sich ein Ensemble aus lose aneinander gelegten Grafitkacheln, Plexiglasobjekten und Zeichnungen. Dann und wann lehnt an der Wand einfach eine Plexiglasplatte. Zusammengenommen ergibt das Ganze ein glattes Ensemble, das sich beim Herumwandern tatsächlich ein bisschen wie ein abstrahierter Stadtspaziergang anfühlt. Die "Stadt" in ihrer Dichte und ihrem Chaos wird hier nicht direkt in den White Cube gebracht, sondern in einem reduzierten Versuchsaufbau gefühlstechnisch nachgebaut - der bei Bodhi zumindest suggerierte kritische Stachel fehlt vollends.

Nebenan hat die Galerie Andersen's Contemporary aus Kopenhagen ihre Berliner Dependance mit einer Show namens "Andersen's Wohnung revisited 1996-1999" eröffnet - und so zeichnet sich das Thema allmählich etwas klarer ab, denn hier verschmelzen Urbanisierung und Stadt, Tradition und Moderne auf eine für den gegenwärtigen Berliner Kunstbetrieb typische Art und Weise. Claus Andersen hatte, bevor er seine Galerie in Kopenhagen gründete, von 1996 bis 1999 mit Thilo Heinzmannund Anselm Reyle den Projektraum "Andersen's Wohnung" betrieben, der neben Reyle und Heinzmann auch Künstlerinnen und Künstler wie Katja Strunzoder Thomas Zippzeigte: Alles Namen, die inzwischen glänzend im Geschäft sind, damals aber als frische Kunstschulabgänger ihr Glück in den dreckigen Hinterhöfen Berlins suchten - zumindest, wenn man dem handelsüblichen Mythos über die wilden Neunziger Jahre in Berlin glaubt. Neben den gerade Genannten zeigt Andersen dann auch noch Thomas Bayrle, Jeppe Hein, Pia Rönicke, Kristine Roepsdorff und Tal R - um nur einige Positionen aus der illustren Künstlerliste herbeizuzitieren, mit der der Galerist seine Heimkehr in die Stadt des Aufbruchs gebührend zelebrieren möchte.

Paradigmatisch fasst gleich am Eingang Katja Strunz den Ton dieser Ausstellung zusammen, wenn sie unter dem Titel Yesterday's Echo ein Ensemble von Schlagzeugbecken und Trompeten auf langen Stangen präsentiert: Hier wird ganz bewusst und offensiv versucht, an den Mythos Berlin anzuknüpfen, an die Erfolgsstory, die aus ungewaschenen Kunststudenten und Feierabend-Galeristen globale Unternehmer werden ließ. Man hat es mit einer astreinen Beschwörung des Gestern im Dienste einer prosperierenden Zukunft zu tun - die Kosten für eine Investition dieser Art wollen ja auch erst mal wieder eingespielt werden.

Weiter drinnen im Ausstellungsraum findet sich dann vor einer Reihe Prints von Thomas Bayrle, die unter dem Namen Börsenberichte schemenhafte Gesichter auf einem Hintergrund aus Finanzpapieren erahnen lassen, eine Skulptur von Thomas Paulsen alias FOS: "Your Success ist Your Amnesia" steht da in großen Lettern. In Kombination mit Bayrles Arbeiten und unter Berücksichtigung des Geschichtsbewusstsein suggerierenden Ausstellungsthemas jedoch ist der schmale Grat zwischen hochgradig selbstreferenzieller Marktkritik und blankem Zynismus beinahe verschwunden. Willkommen also im Berlin anno 2008, an der Frontlinie des globalen Kunstmarktes, die sich nun schon soweit verschoben hat, dass man zu zweifeln beginnt, ob sie überhaupt noch existiert - oder ob die Kunst in dieser Stadt schon längst keine Gegner mehr hat und deshalb nur noch mit sich und der Marktsättigung kämpft.

Weitere Galerien in der "Halle am Wasser" zeigen:
Julian Rosefeldt - "The Ship of Fools", bei Arndt & Partner, Project Space. Vom 3. Mai bis 17. Mai 2008
Rink & Vlaming - "Malerei", bei Frisch. Vom 2. Mai bis zum 16. Juni 2008
Martha Parsey - "Milk of Human Kindness", bei Jarmuschek & Partner. Vom 3. Mai bis zum 14. Juni 2008


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