Galerienaustausch Berlin-Paris (Teil 1)

Fluchtlinien aus der Moderne

Astrid Mania, Dominikus Müller
19. Januar 2010
Berlin-Paris 2010 – Un échange de galeries. In Berlin vom 15. bis 23. Januar 2010

Manchmal wirkt der Berliner Kunstbetrieb schon ein wenig selbstverliebt, zumindest sehr mit sich selbst beschäftigt. Von daher schadet es nicht, wenn man von Zeit zu Zeit daran erinnert, dass es auch noch andere Kunstszenen gibt. In Paris zum Beispiel, einer Stadt, die lange mit dem Moderne-Mythos zu kämpfen hatte und erst seit einigen Jahren wieder als Ort für zeitgenössische Kunst wahrgenommen wird, besonders seit der erfolgreichen Etablierung des Palais de Tokyo. Frankreich investiert gerne in seine Kunst, und so findet nun zum zweiten Mal der Galerienaustausch Berlin-Paris statt, der von der französischen Botschaft in Berlin initiiert und von Cédric Aurelle organisiert wurde. Was sich im ersten Moment nach staatlich gelenktem Repräsentationsanspruch anhört, entpuppt sich im Resultat als erstaunlich basisnah. Denn die Botschaft stellt allein den strukturellen Rahmen bereit und übernimmt die Pressearbeit. Die Galerien müssen schon selbst zueinanderfinden und entscheiden, wer wen und was ausstellt. In Berlin findet derzeit das Hinspiel der 27 Teilnehmer statt, das Rückspiel in Paris beginnt Ende Januar.

Nun liegt dem Ganzen natürlich nicht nur ein ideeller, sondern auch ein kommerzieller Gedanke zugrunde, dennoch hat sich keine Galerie dafür entschieden, im Stile einer Messepräsentation den Gemischtwarenladen aufzubieten. Dafür sieht man erstaunlich viel Kunstgeschichtliches, so bei Mehdi Chouakri, der seinem Vorjahrespartner treu geblieben ist: der Galerie 1900 – 2000. Seit 1972 wird hier gezeigt, was der Name verspricht, nämlich klassische Moderne. Letztes Jahr hatten die Pariser in Berlin mit einer Surrealisten-Ausstellung für das historische Highlight des Galerienaustauschs gesorgt. Und auch dieses Jahr unternimmt man hier den Versuch, die Gegenwartsfixierung und latente Geschichtsvergessenheit der Berliner Galerienlandschaft zu konterkarieren – diesmal mit einer Francis Picabia-Ausstellung. Zu sehen sind Werke aus allen Schaffensperioden, von frühen Zeichnungen über latent Erotisches und kühle Abstraktion bis zu kitschigen Portraits aus den Jahren des Zweiten Weltkriegs, darunter Entwurfsblätter und Studien ebenso wie Ölbilder. Mögen die Werke auch unterschiedlicher Qualität sein, in ihrer Fülle findet man eine solche Schau in Berlin, wenn überhaupt, nur im Museum. Gut, dass die Räume von Mehdi Chouakri das entsprechend elegante Ambiente bieten.

Tatsächlich scheint das Zeigen von arrivierten, seit Jahrzehnten verdienten Positionen dieses Jahr Konjunktur zu haben. Johann König, wie Chouakri zum zweiten Mal dabei, überrascht mit einer Schau des französischen Design-Vaters Mathieu Matégot, der an der Seine von Jousse Entreprise vertreten wird. Die Pariser Galerie ist konzeptuell und räumlich zweigeteilt und kümmert sich sowohl um Möbelentwürfe von Architekten wie auch um zeitgenössische Kunst. Leider, so muss man sagen, geschieht dies derzeit auch bei König. Der Hauptraum der Galerie wird von der aktuellen Ausstellung Manuel Grafs belegt, während die charmante kleine Design-Ausstellung in einem Kabinett präsentiert wird – Matégots modulares Metallregal „Dedal“ (1955) hängt gar im Durchgang zum Lager. Dabei braucht man schon ein liebevolles Händchen beim Zeigen dieser Möbel und Lampen mit ihrem kargen Charme der 1950er-Jahre. Matégots Entwürfe sind kühl-funktional, häufig aus farbigem perforiertem Metall gefertigt. Mit dem Klischee der Nierentischästhetik haben diese Objekte nichts gemein. Vielmehr sind sie in ihrer Funktionalität und Rücksichtnahme auf die Lebensverhältnisse der Menschen ein bemerkenswerter Kontrapunkt zu manch übersteigertem „Design pour le Design“ der Gegenwart.

Auch neugerriemschneider warten mit einer älteren Position auf und bringen in Kooperation mit der Galerie kamel mennour, die letztes Jahr noch bei Jan Wentrup zu Gast war, Yona Friedman nach Berlin. Der immer weiter in Richtung Kunstbetrieb driftende Architekt zeigt unter dem Titel „Merz Tiere“ verschachtelte Boden-Objekte aus bemaltem Acrylglas, die sich dem Titel nach und in ihrer Verschachtelung auf Kurt Schwitters‘ ästhetischen Ansatz beziehen, und Architekturentwürfe für Berlin aus dem Jahr 2003. Was sich hier in krakeligen Strichen und verschlungenen Linien andeutet, wird außen gleich in die Tat umgesetzt: Friedman hat, um dem bestehenden Raumeindruck entgegenzuwirken, die Galerie inklusive des ehemaligen Schornsteins mit Aluminiumdraht samt leuchtend bunter Fahnen umwickelt. Und nur wenige hundert Meter weiter auf der Linienstraße sieht man in den Räumen von Esther Schipper ausnahmsweise Malerei. Hier ist die Galerie Nathalie Obadia zu Gast und zeigt den 1993 verstorbenen Martin Barré. Dessen konzentrierte, geometrisch-abstrakte Arbeiten sind ziemlich gelungen und in loser Folge über die gesamte Wandfläche gehängt. Farbfelder, sich wiederholende Dreiecke, ein paar locker mit der Sprühdose aufgetragene Striche oder einfach nur eine geschwungene Linie auf einer leeren Leinwand – Barré ist ein Meister der Vereinfachung und Beschränkung. In Deutschland ist er zwar nicht gänzlich unbekannt, dennoch viel zu selten zu sehen. Da könnte man eigentlich gut auf die reichlich verspielten, sich irgendwo zwischen Malerei, Zeichnung und Aquarell verortenden Blätter des portugiesischen Künstlers Jorge Queiroz, die im Hinterraum zu sehen sind, verzichten.

Wie aus einem Guss wirkt dagegen die Kombination von Alt und Jung bei Sommer & Kohl. Obwohl die Galerie seit gerade zwei Jahren existiert und zum ersten Mal am Austausch Berlin-Paris teilnimmt, hat sie sich mit Denise René eine Kunsthandelslegende ins Boot geholt. Wurde hier doch 1955 mit der Ausstellung „Le Mouvement“ der Startschuss für die kinetische Kunst gegeben. Das seither konsequent verfolgte Interesse an Abstraktion, Kinetic Art und Op Art vermittelt sich auch in Berlin. Die Gruppenausstellung „Black and Light“ fügt sich mühelos in den Raum von Sommer & Kohl ein, beschränkt sich – wie der Titel vermuten lässt – auf die Nichtfarben, bleibt geometrisch-abstrakt und formal klar – eine Ausstellung wie ein Ausrufezeichen. Ausgehend von einer kleinen Leinwand Victor Vasarelys aus den Jahren 1959/60 geht die Reise Richtung Gegenwart, über ein flirrendes Op Art-Gemälde der eher unbekannten Geneviève Claisse (1979) und ein Vibrationsbild von Jesus Rafael Soto aus dem Jahr 1997. Mit David BillsKubus in 3 Stufen (2006) oder Gun Gordillos Neon-Licht-Installation (2008) ist man in der Jetztzeit angelangt. Ein schwarz-weißes Kontinuum von fünfzig Jahren abstrakter Kunst – das ist sogar noch beeindruckender als die Picabia-Schau bei Chouakri, weil man hier nicht nur auf die Wucht einer längst verbürgten Kunstgeschichte setzt, sondern vorführt, wie man von abgesicherten Positionen aus eine Fluchtlinie ins Heute zieht.

Francis Picabia – Galerie 1900 – 2000 bei Mehdi Chouakri, Berlin. Vom 15. Januar bis 13. Februar 2010
Mathieu Matégot – Galerie Jousse Entreprise bei Johann König, Berlin. Vom 15. Januar bis 6. Februar 2010
Yona Friedman – kamel mennour bei neugerriemschneider, Berlin. Vom 15. Januar bis 2. Februar 2010
Martin Barré, Jorge Queiroz – Galerie Nathalie Obadia bei Esther Schipper, Berlin.Vom 15. Januar bis 13. Februar 2010
„Black and Light“ – Galerie Denise René bei Sommer & Kohl, Berlin. Vom 15. Januar bis 13. Februar 2010


Forscher im Kunstschnee von Astrid Mania & Dominikus Müller
Wie mit den fremden Gästen im eigenen Haus umgehen? Die gemeinschaftlich kuratierte Schau ist eine Antwort beim Galerienaustausch Berlin-Paris.

Gemischtes Doppel von Jutta von Zitzewitz
Zum dritten Mal findet der Galerienaustausch zwischen Berlin und Paris statt. Den Auftakt machen 14 Pariser bei ihren deutschen Kollegen und zeigen teilweise Ausstellungen von Top-Qualität. Ob das Projekt aber auch weiterhin eine Zukunft hat, steht in den Sternen.


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