4. Februar 2010
Wer hat Angst vorm fremden Sammler? Vielleicht ist es ja die Scheu vor den Akteuren auf einem unbekannten Markt mit seinen eigenen Gesetzen, die manchen Gastauftritt der Berliner Galerien in Paris überschattet. Das Vernetzungsprojekt „Berlin-Paris“ wird mit großem Anstand absolviert, auch mit wirklich gelungenen Einzel- und Gruppenpräsentationen, doch nicht alle Teilnehmer fallen durch überschäumende Risikobereitschaft auf. Wagnisreiche Präsentationen sind eher die Ausnahme bei diesem deutsch-französischen Austauschprojekt. Der Eindruck wird von Künstler-Paarungen und Gruppenschauen bestimmt, so dass
Mehdi Chouakri, der
Gerold Miller in den vergleichsweise bescheiden dimensionierten Räumen der Klassiker-
Galerie 1900-2000 zeigt, bereits zu den programmatischen Exoten zählt. Miller macht sich gut im Pariser Ambiente, wohl schon deshalb, weil er sich hier mit seinen Objekt gewordenen Rahmenkonstruktionen aufs kleine bis mittlere Format beschränkt. Stammkunden der Pariser Galerie mögen sich zwar angesichts dieser geometrisierenden, überwiegend schwarz-weißen, metallisch polierten Quadraturen um ein leeres Zentrum fragen, wo das Bild geblieben ist, sehen sich aber zumindest einer vertrauten Hängungs- und Präsentationsweise gegenüber. Miller erscheint geradezu konfektioniert.
So gar nicht solide möchte dagegen Jen Ray erscheinen, die Wentrup gemeinsam mit dem Maler Wawrzyniec Tokarski bei der Renommiergalerie Emmanuel Perrotin präsentiert – im Seitenflügel, denn die Haupträume am Ende der imposanten doppelarmigen Treppe möchte man dann doch den eigenen Künstlern vorbehalten wissen. Jen Ray hat eine Art Disko-Klub mit illuminiertem Fußboden geschaffen, in dem schon dramatisch inszeniert schwarze Masken, Behänge und allerlei Utensilien darauf warten, bei der Vernissagen-Performance zum Thema „Ironie und Fatalität des Lebens“ zum Einsatz zu kommen. Garniert ist der Raum mit Aquarellen, die mit ihrer inszenierten Pseudo-Schauer-Erotik irgendwo zwischen Marcel Dzama und Paul Wunderlich changieren. Im Obergeschoss drängen sich großformatige Leinwände Tokarskis an der Wand entlang, auf denen er Bild-, Text- und Emblemversatzstücke neu kombiniert, um mit uns so gar nicht überraschend über die Bilderflut und Komplexität unserer Welt zu staunen.
Eine Zweierbeziehung, die man wohl auch nur als Mesalliance bezeichnen kann, gehen Sofia Hultén und Wolfgang Plöger ein, die Konrad Fischer bei Nelson – Freeman präsentiert. Im Obergeschoss werden Plögers Filmspulen projiziert, auf die er im Netz zugängliche letzte Statements zum Tode Verurteilter geschrieben hat; der Text aber krümmt sich zu unruhig flackernden Kürzeln zusammen. Möchte man diese entziffern, muss man sich schon vor die Filmbänder kauern, die sich am Boden entlang durch den Raum ziehen, ehe sie vom Projektor verschlungen werden. Zu dieser sehr besonnenen Arbeit gesellen sich im Erdgeschoss der Galerie die Arbeiten Hulténs, etwa If you want to hide a tree, go to the forest (2009), ein Stäbchenarrangement aus vorgefundenen Fußleisten, sämtlich Renovierungsopfer, und deren nachgebildeten Doppelgängern, ein Versuch über Geschichte und Rekonstruktion in Gestalt fleißiger Werkarbeit. Besser verstehen sich da schon Albrecht Schäfer und Kathrin Sonntag beim gemeinsamen Spiel mit den Erscheinungen der Dinge, unter der Regie von Joanna Kamm bei Gaudel de Stampa. Während Schäfer erprobt, ob und was man mit Zeitungspapier so alles bauen kann – massive Kugeln zum Beispiel oder Lattenverlängerungen (Le Monde, 4. Janvier 2010 und Untitled, beide 2010) – zeigt Sonntag Fotografien verwirrender Spiegelbilder, Rahmen, die aus selbigem fallen und eine gefilmte Geschicklichkeitsübung in Sachen Tischtuch-unter-Geschirr-wegziehen. Chert schwingen sich gar zu einem flotten Dreier auf und präsentieren jeweils ein Werk von einem Künstler der Galerie: Heike Kabisch ist mit der Skulptur einer seltsamen, entblößten Jungengestalt unter einem phallischen Lampionaufbau vertreten, Petrit Halilaj mit grotesken Zeichnungen von eingebildeten Hühnern, die vom Pfau-Sein träumen, und Carla Scott Fullerton jagt zackige Linien und abstrakte Formen über polygonalen Untergrund. Die rechte Körperwärme oder inspirierende Spannung will hier nicht aufkommen, dafür sind die Werke – wenn auch ungewollt – perfekte Eigenkommentare zum Thema Selbstüberschätzung und gepflegte Langeweile.
Die große kollektive Verbrüderung schließlich findet in Paris, wie auch schon in Berlin, zwischen den Galerien carlier | gebauer und Natalie Seroussi sowie Michel Rein und zwischen Gregor Podnar und schleicher + lange statt. Carlier | gebauer verteilen ihre Künstler in Paris gleich auf zwei Orte und präsentieren eine wilde Bilderflut zu düsterem Soundtrack von Sebastian Diaz Morales zur Notation einer Minioper von Franck Leibovici bei Seroussi und eine Accrochage aus den jeweiligen Galerieprogrammen bei Michel Rein. Hier sind die konzeptuellen Verbindungen zwischen den Werken zwar nicht so evident wie in der Berliner Schau, doch ergeben sich auch hier gelungene formale und inhaltliche Konstellationen, wenn man etwa Jimmie Durhams Holzkreuzskulptur mit dem beredten Titel Do not waste words (aus dem Programm von Rein) vor einer Fotografie von Michel François sieht, die den Künstler auf einem Eiskubus beim Ausrufen einer Speakers‘ Corner zeigt. Auch die in Berlin sehr schlüssige Zusammenschau zum Thema Raum-Zeit von Podnar und Schleicher + Lange wird nach Paris verlängert und nimmt hier ebenfalls einen ganz anderen Charakter an. Was bei Podnar ernst und schwer konzeptuell daherkommt, wirkt in den Räumen der Pariser Galerie sehr viel leichter und verspielter. Zu diesem Eindruck tragen maßgeblich die Werke selbst bei, etwa Vadim FiškinsPing Pong Electronic (2007), bei dem zwei Haartrockner einen Tischtennisball unentwegt und hin und her über eine hölzerne Rampe pusten, oder Evariste RichersCMYK (2009), eine kleine geologische Präsentation aus Halbedelsteinen im Kolorit des Vierfarbdrucks.
Natürlich kann man bei einem Austauschprojekt dieser Größe nicht erwarten, dass sämtliche Präsentationen überzeugen oder gelingen. Und ebenso natürlich wollen alle Teilnehmer dem Ganzen im Idealfall ja auch einen kurz- oder langfristigen ökonomischen Nutzen abringen – eine Galerieausstellung auf fremdem Terrain mit fremder Sammlerschaft ist immer ein Wagnis. Deshalb überwiegen manchmal die Kompromiss- und Gemischtwaren-Strategien des klassischen Messegeschäfts. Doch sicher ist, dass sich bei einem solchen bikulturellen Vorhaben sehr viel nachhaltigere und tragfähigere Netzwerke spinnen lassen als es die prestigeträchtigste Großausstellung nach den Konventionen länderübergreifenden Kulturaustauschs zuwege brächte. Für Paris-Berlin bei den Galerien anzusetzen, wo die aktuelle Kunst nicht nur vermittelt sondern auch produziert und in die internationalen Netzwerke eingespeist wird, ist jedenfalls eine sinnvolle und nachhaltige Strategie. Eine Strategie auch, bei der unter globalisierten Bedingungen Einzelpositionen gedeihen können, statt Mainstream und pure Größe zu schaffen. Etwas Mut, wie gesagt, gehört natürlich dazu. Auch Austauschprojekte müssen reifen und wachsen.
Gerold Miller – Mehdi Chouakri, Berlin, bei Galerie 1900-2000, Paris. Vom 29. Januar bis 26. Februar 2010
Jen Ray und Wawrzyniec Tokarski – Wentrup Gallery, Berlin, bei Galerie Emmanuel Perrotin, Paris. Vom 29. Januar bis 6. Februar 2010
Sofia Hultén und Wolfgang Plöger – Konrad Fischer Galerie, Berlin, bei Galerie Nelson-Freeman, Paris. Vom 29. Januar bis 6. Februar 2010
Albrecht Schäfer und Kathrin Sonntag – Galerie Kamm, Berlin, bei Gaudel de Stampa, Paris. Vom 30. Januar bis 13. März 2010
Heike Kabisch, Petrit Halilaj und Carla Scott Fullerton – Chert, Berlin, bei Galerie Carlos Cardenas, Paris. Vom 29. Januar bis 6. Februar 2010
Gruppenschau – carlier | gebauer, Berlin, bei Galerie Michel Rein, Paris. Vom 29. Januar bis 27. Februar 2010
Ellipse/Eclipse – Galerija Gregor Podnar, Berlin, bei galerie schleicher + lange, Paris. Vom 29. Januar bis 20. März 2010