2. Februar 2010
Die Berliner hatten Glück an der Seine. In Paris herrschten am letzten Wochenende mit vier Grad plus geradezu frühlingshafte Verhältnisse – jedenfalls wenn man die schnee- und matschfreie französische Hauptstadt mit den sibirischen deutschen Verhältnissen verglich. Lag es also an der milderen Witterung, wenn auch in der zweiten Runde des Galerien-Austauschprojekts Berlin-Paris die deutsche Unterstützung irgendwie eingefroren schien? Nachdem schon der Berliner Teil der bilateralen Kunstverschickung von der französischen Botschaft getragen wurde – auch in gesellschaftlicher Hinsicht hatte man der Verbrüderung zweier Galeriestandorte hier den Weg geebnet –, so waren es auch in Paris wiederum die Franzosen, die für politische Rückendeckung sorgten. Auf deutscher Seite geht das Engagement bislang von den für das Projekt ausgewählten Galerien und ihren Künstlern aus, die zahlreich angereist waren, um bei der zweiten Runde dieses mutuellen hauptstädtischen Kennenlernens dabei zu sein. Nachdem die Berliner Politik viel von ihrem Kreativstandort zu reden pflegt, könnte man hier künftig mehr Tatkraft von deutscher Seite erwarten, und sei es auch nur, weil Kulturförderung für eine Stadt wie Berlin die allerhandfesteste Wirtschaftsförderung ist. Von Sonntagsreden allein wird nun einmal niemand satt.
Dass sich eine solche Förderung lohnt, beweist jedenfalls auch die diesjährige Fortsetzung des deutsch-französischen Spektakels. Eine selbstbewusste Schau von geradezu schlagender Reduziertheit etwa bietet die Galerie NEU bei Balice Hertling, die sich im Herbst 2007 gegründet und im Pariser Stadtteil Belleville angesiedelt hat, der sich unter jungen Galerien aktuell großer Beliebtheit erfreut. Gezeigt wird lediglich eine Arbeit von Kitty Kraus, eines ihrer lapidaren Objets trouvés. Es handelt sich um die farbige Stange eines Lidl-Einkaufswagens, die von der Decke herabhängt und von einem Motor in schnelle Drehung versetzt wird. Tatsächlich füllt dieser recht simple Werkaufbau den Raum der Galerie, denn er hält den Betrachter auf Distanz: Diesem sich gefährlich drehenden Schlagstock will man nicht zu nahe kommen. Ja, möchte man mit Blick auf Barnett Newman sagen, ich habe Angst vor Rot, Gelb und Blau – den drei Grundfarben, die sich der Lebensmitteldiscounter als Corporate Identity auserkoren hat. Sehr viel kuscheliger geht es dagegen im zweiten Teil der Präsentation zu. Denn Neu haben auch die ehemalige Bibliothek von Colin de Land, die sonst im Ausstellungsraum MD72 untergebracht ist, nach Paris verfrachtet und in der Privatwohnung der gastgebenden Galeristen aufgebaut – in einem Traum aus weißem Stuck, der Neu’schen Beletage am Mehringdamm nicht unähnlich, in den sich die Regale und Bücher einfügen, als hätten sie schon immer hier gestanden.
Um Einnistung in den vorgegebenen Kontext bemüht sich wohl auch Johann König, der sehr diskret einzelne Kunstwerke in den Designmöbel-Showroom von Jousse Entreprise platziert hat. Man muss schon sehr genau hinsehen, um zwischen Schreib- und Esstischen, Lampen und Sitzmobiliar etwa Kris Martins mit Glassplittern gefüllte Glasflasche auf einem kleinen Hängebord (Volledig, 2008) oder Alicja Kwades hinter einem Konvexspiegel verborgene Wanduhr (Watch (Alka), 2009) zu entdecken. Die Einbettung mag konzeptuelle Methode haben, rückt die insgesamt sechs gezeigten Kunstwerke König’schen Ursprungs allerdings recht gefährlich in die Nähe von dekorativen Designobjekten – eine Lesart, die auch nicht dem von Neonröhren umfangenen Stahlball von Jeppe Hein (Framed Ball, 2007) oder den beschaulichen Fotografien Annette Kelms aus der Serie „Kupfer- und Messingwerke“ (2008) bekommt.
Ein deutlich spannenderer Dialog zwischen Galerieprogramm und künstlerischem „Fremdkörper“ entspinnt sich bei Denise René, wo die schon in Berlin sehr gelungene Kooperation mit Sommer & Kohl fortgesetzt wird. Knut Henrik Henriksen hat eine Wandarbeit aus Rigipsplatten auf eine der Galeriewände montiert, ein geometrisch-architektonisches Spiel mit Kreis und Quadrat (Plaster, 2010), eine formale Replik auf die unauffällig-eleganten Türgriffe der Galerie von der Hand Victor Vasarelys. Der gräulich-bräunlichen, recht rohen Installation Henriksens gegenübergehängt sind feine kleine Arbeiten aus dem Bestand von Denise René, ein farbenprächtiges Aquarell von Sonia Delaunay oder ein sehr schönes, bescheiden dimensioniertes, schwarz-weißes Relief von Jean Tinguely, dessen amorphe Formen nur darauf warten, zu Leben und Bewegung zu erwachen. Das Ganze wirkt wie aus einem Guss – Henriksens Werke lassen die Klassiker leuchten, verbeugen sich vor und bestehen doch auch neben ihnen.
Schwere Geschütze haben neugerriemschneider und Esther Schipper aufgefahren. Neugerriemschneider featuren im großen Stile Simon Starling bei der angesagten Galerie kamel mennour. Gezeigt wird zum einen die mehrteilige Fotoinstallation Three Birds, Seven Stories, Interpolations and Bifurcations (2008), in der Starling verschiedene Erzählstränge rund um Eckart Muthesius‘ Bauprojekt Manik Bagh im indischen Indore spinnt. Zum anderen wird die Großprojektion Red Rivers (In Search of the Elusive Okapi) (2009) präsentiert, die wiederum zwei Narrationen miteinander verschränkt: Zu dunkelkammerrot eingefärbten Dias einer Reise, die Starling mit einem selbstgebauten Kanu mit Okapi-Musterung unternahm, erzählt eine Stimme aus dem Off von der Forschungsreise des Zoologen und Fotografen Herbert Lang, der sich Anfang des 20. Jahrhunderts auf die Suche nach dem damals noch geheimnisumwitterten Okapi begeben hatte. Eine Safari im doppelten Wortsinne also. Unterbrochen wird die Narration immer wieder von Momenten, in denen man der Produktion von Fotoabzügen zuschaut – viel Aufwand für eine recht einfache Analogie über das Reisen, eine Selbstreflexion über das Fotografieren. In die für Pariser Verhältnisse ebenfalls großen Galerieräume von Natalia Obadia ist Esther Schipper eingezogen, die mit der Zusammenschau von Matti Braun, Nathan Carter und Gabriel Kuri überrascht, immerhin aber genügend kuratorische Sensibilität beweist, die Werke der drei Künstler nicht noch untereinander zu mischen. Dennoch stehen nun recht unvermittelt die von Zenmeditations-Steinen inspirierten Glasobjekte von Matti Braun neben aktuellen Skulpturen Kuris, die wie etwa Untitled (L A butts) Zigarettenkippen zwischen zwei weiße Marmortafeln stecken oder ziemlich albern einen Fünf-Euro-Schein hinter schwarzen Marmor klemmen, und die comichaft-technoiden Wimmelbilder und kontaktsuchenden Antennenskulpturen Nathan Carters. Hier kommt man sich ein wenig vor wie auf einem überdimensionierten Messestand.
Croy Nielsen schließlich haben bei Frischling Marcelle Alix, ebenfalls in Belleville angesiedelt, eine kleine, spröde Gruppenschau zum Thema – hier schließt sich der Kreis – Reduktion, Abstraktion und Verschwinden kuratiert. Einem tiefschwarzen Offset-Druck Mandla Reuters, auf dem man nichts weiter sehen kann als die eigene Reflexion im Glas des Rahmens, hängen Arbeiten von Eric BellundKristoffer Frick gegenüber, die gleichermaßen das Motiv verweigern und leere weiße Flächen zeigen. Allein in der Rahmung besteht eine bildhafte Andeutung fort. Nina Beier präsentiert das Monument eines Verlustes, wenn sie den oberen Teil einer vorgefundenen Kopfskulptur entfernt und nur das Fragment auf einen eleganten Quadersockel stellt. The extreme and mean ratio of (Head of Woman) (2009) ist zugleich Anspielung auf die historischen Missverständnisse beim bewundernden Maßnehmen klassischer griechischer Torsi – die man lange Zeit für absichtsvoll kopflos hielt. Dieser Auftritt, der zu den gelungensten im Rahmen des Berlin-Pariser Austauschprojekts gehört, zeigt jedenfalls, dass der bescheidene Maßstab hervorragend funktionieren kann, vor allem, wenn er aus ernsthafter konzeptueller Notwendigkeit resultiert.
Kitty Kraus – Galerie NEU, Berlin bei Balice Hertling, Paris. Vom 29. Januar bis 06. März 2010
The Colin de Land Library – Galerie Neu/MD 72 im privaten Appartement von Balice Hertling, Paris. 30. Januar bis 27. Februar 2010 (nach Vereinbarung)
Gruppenschau – Galerie Johann König, Berlin bei Jousse Entreprise, Paris. Vom 30. Januar bis 6. Februar 2010
Knut Henrik Henriksen – Galerie Sommer & Kohl, Berlin bei Denise René, Paris. Vom 30. Januar bis 13. Februar 2010
Simon Starling – Galerie neugerriemschneider, Berlin bei kamel mennour, Paris.Vom 29. Januar bis 06. März 2010
Matti Braun, Nathan Carter und Gabriel Kuri – Galerie Esther Schipper, Berlin bei Nathalie Obadia, Paris. Vom 30. Januar bis 27. Februar 2010
Gruppenschau – Galerie Croy Nielsen, Berlin bei Marcelle Alix, Paris. Vom 29. Januar bis 6. März 2010