21. Januar 2010
Berlin-Paris 2010 – Un échange de galeries. In Berlin vom 15. bis 23. Januar 2010Eigentlich lässt sich das Prinzip des Galerienaustauschs Berlin-Paris mit einer Schachtelpuppe vergleichen. Im Gehäuse der Galerie steckt eine andere, darin ein oder mehrere Künstler. Sieht man die Sache so, dann hätten Kolkoz, die Emmanuel Perrotin bei Wentrup in Kreuzberg zeigt, geradezu die emblematischen Werke zum binationalen Projekt geschaffen: wuchtige Bilderrahmen, die sich scheinbar endlos nach innen schachteln – wie eine Matrjoschka eben, nur das Bild, das kommt hier nicht. Daneben montieren Kolkoz, bürgerlich Samuel Boutruche und Benjamin Moreau, den blinkenden Leuchtschriftzug „Welcome“ auf ein Gerüst, jedoch spiegelverkehrt – von beiden Seiten. Auch von der Rückfront lässt sich das Wort nicht richtig lesen. Dazu gibt es im Netz gesammelte Fotografien, auf denen die beiden Franzosen Farben ins Negativ verkehren. Verdrehung und Enttäuschung, das ist leider in jeder Hinsicht das Prinzip dieser Ausstellung.
Als Light-Produkt erweist sich auch die Schau des Franzosen Clément Rodzielski, mit der sich die Galerie Carlos Cardenas bei Chert präsentiert. Rodzielski entspinnt hier, von einer schlichten, absichtlich falsch datierten Zeichnung ausgehend, ein Spiel um Identität, Zeit und ihr Verstreichen und peppt eine Serie historischer Poster, die er mit dünnen Farblasuren übermalt hat, mithilfe von Hölderlin-Zitaten konzeptuell auf. Verwirrung der Zeit- und Erzählebenen ist auch das Prinzip der Videoarbeit Comme un Chien (2007), die Anne-Marie Schneider bei Konrad Fischer zeigt. Die Künstlerin der Pariser Galerie Nelson-Freeman montiert hier Sequenzen, die wie alte Familienfilme wirken, mit Szenen absurd-theatralischer Inszenierungen und kleinen Animationen zusammen. Daneben ist eine Vielzahl ihrer teils sehr farbenfrohen, teils formal sehr reduzierten Zeichnungen zu sehen, die bisweilen naiv-kindhaft wirken, aber auch den Tod, oder vielmehr ein „Tödchen“, ins Bild setzen. In der Galerie Kamm dagegen versucht sich Dove Allouche, präsentiert von Gaudel de Stampa, an einer beinharten Engführung von Form und Inhalt, wenn er Fotografien der Pariser Kanalisation im Tiefdruckverfahren aufs Papier bringt. Die Farbe sickert wie das Abwasser nach unten, verrostete Rohre und verstaubte Gitter treten im Gegenzug aus der Tiefe des Papiers hervor. Zugleich überführt er alte heliogravierte Illustrationen monumentaler Alpengipfel zurück ins Format der Zeichnung. Hoch – tief, unterirdisch – himmelwärts, flach und erhaben. Das Prinzip ist klar. So klar, dass es fast schon holzschnittartig wirkt.
Spannender wird es da, wo die Berliner und Pariser Galerien Künstler aus den jeweiligen Programmen aufeinandertreffen lassen und ineinander kuratieren, wie es bei Gregor Podnar oder carlier | gebauer der Fall ist. Austauschnovize Podnar hat sich mit schleicher + lange zusammengetan und eine gemeinsame kuratorische These entwickelt – zum zugegebenermaßen sehr dehnbaren Thema von Zeit und Raum. Podnars Galerie wird von der titelgebenden Installation Ellipse / Eclipse von Evariste Richer (2004) dominiert, die große kreisförmige Reflektoren als silbrigen Mond und goldene Sonne deklariert. In einem abgetrennten Projektionsraum wird ein „Videostill“ von Laurent Montaron gezeigt, das Bild eines Forschers, der in einer irrealen künstlichen Schneelandschaft kniet. Verunklärung des Dargestellten, besonders der räumlichen Koordinaten und Verhältnisse bestimmen die Werke dieser spröden, aber vom Grundgedanken her überzeugenden Schau. Gerade die kleineren Werke sollte man nicht übersehen, so Goran Petercols Objekte aus der Serie „After Reflection“, zerbrochene Keramikplatten oder -teller, die offenkundig „falsch“ mit einer weißen Masse zu dysfunktionalen Gebilden zusammengestückelt wurden.
Bei carlier | gebauer gilt dann das Motto: nicht kleckern, sondern klotzen. Denn zum einen haben sich die Berliner zwei Gäste von der Seine in die Kreuzberger Hallen geholt, nämlich Michel Rein und Natalie Seroussi. Zum anderen werden hier insgesamt gleich zehn Künstler aufgeboten, aus dem Programm aller dreier Galerien. Und trotz so unterschiedlicher medialer Ansätze wie Fotografie, Diaschau, Video oder Skulptur fügen sich die vielen Arbeiten doch zu einem recht einheitlichen Ganzen zusammen. Einer der Höhepunkte ist sicherlich Allan Sekulas Diaprojektion Prayer for the Americans (1) mit ihren teils hypnotischen, teils lakonischen Momentaufnahmen der urbanen und ländlichen Vereinigten Staaten. Das Architektonische zieht sich als ein Leitfaden durch die Räume, hinüber zur Fotografie Jordi Colomers oder der hölzernen Struktur von Raphaël Zarka. Das zweite Grundmotiv ist die Rolle des Individuums in politisch-gesellschaftlichen Kontexten, wie es Maja Bajevic sehr eindringlich mit ihrem Video How do you want to be governed? (2009) vorführt, in dem sie die Darstellung häuslicher Gewalt mit eben jener Frage verknüpft, oder in den Akt-Selbstportraits von Mark Raidpere mit ihren schutzsuchenden Posen.
Um inhaltlichen Anschluss zwischen den gezeigten Positionen bemüht man sich auch bei Croy Nielsen. Hier gastiert die blutjunge Galerie Marcelle Alix mit ihrer kunterbunten Science-Fiction-Welt. Die Schau eröffnete mit einem Auftritt der französischen Künstlerinnen Louise Hervé & Chloé Maillet und ihren Spekulationen über ein Leben im Weltinnern, ausgeführt entlang verschiedener populärkultureller Fantasien. Zu den Überbleibseln dieser Performance und einem Video, das seine Inspiration bei „Total Recall“ nicht ganz verleugnen kann, gesellen sich die kleinformatigen, vieleckigen Zeichnungen Ernesto Sartoris. Dieser fabuliert sich seinerseits eine comichafte Welt im Untergrund herbei und erhebt für diese mit seinen pseudowissenschaftlichen Modellen Anspruch auf Wahrhaftigkeit.
In den hintereinandergeschalteten Bel-Etage-Kabinetten von MD 72 finden die Pariser Kollegen von Balice Hertling räumlich die besten Voraussetzungen vor, verschiedene Positionen aus ihrem Programm zu zeigen, ohne sie gleich zu einer „Gruppenausstellung“ verschweißen zu müssen. Da steht also in einem Salon Falke Pisanos knallbunter Wiedergänger von Hélio Oiticicas „Tropicália“-Installation aus dem Jahre 1967, im Mittelraum als spröde-minimale Zäsur eine wackelig wirkende, dekonstruktive Skulptur samt Collage von Luca Frei und im Nachbarzimmer, als Fluchtpunkt sozusagen, ein beindruckend zentralperspektivisch ausgerichtetes Sockel-Perserteppich-Chinavasen-Ensemble von Isabelle Cornaro. Das hat man in ähnlicher Konstellation auch schon auf dem Basler Messestand von Balice Hertling gesehen. Allerspätestens hier wird man daran erinnert, dass diesem Austauschprojekt, so idealistisch und gelungen es in dieser Hinsicht auch sein mag, ganz handfeste kommerzielle Interessen zugrunde liegen. Aber vielleicht etabliert sich mit derlei kleineren Programmen ja auch ein weiteres Konkurrenzmodell zur Großveranstaltung Kunstmesse. Vermittlungsarbeit jedenfalls wird hier geleistet.
Anne-Marie Schneider – Galerie Nelson-Freeman bei Konrad Fischer, Berlin. Vom 15. Januar bis 6. Februar 2010
Clément Rodzielski – Carlos Cardenas bei Chert, Berlin. Vom 15. bis 23. Januar 2010
Dove Allouche – Gaudel de Stampa bei Galerie Kamm, Berlin. Vom 15. Januar bis 27. Februar 2010
Kolkoz – Galerie Emmanuel Perrotin bei Wentrup, Vom 15. bis 23. Januar 2010
„Ellipse/Eclipse“ – Galerie schleicher + lange bei Gregor Podnar, Berlin. Vom 15. Januar bis 13. März 2010
„Berlin – Paris“ – Galerie Michel Rein & Galerie Natalie Seroussi bei Carlier/Gebauer, Berlin. Vom 15. Januar bis 6. März 2010
Louise Hervé & Chloé Maillet, Ernesto Sartori – Marcelle Alix bei Croy Nielsen, Berlin. Vom 15. bis 23. Januar 2010
Isabelle Cornaro, Luca Frei, Falke Pisano – Galerie Balice Hertling bei MD 72/Galerie Neu, Berlin. Vom 15. Januar bis 13. Februar 2010