Galerienaustausch Berlin-Paris 2011

Gemischtes Doppel

Jutta von Zitzewitz
17. Januar 2011

Der Galerienaustausch Berlin-Paris geht in die dritte Runde, doch von Ermüdungserscheinungen keine Spur. 14 Galerien aus Paris zeigen ihr Programm in Berlin, bevor sich Ende des Monats 14 Berliner Galerien in Paris präsentieren dürfen. Für Abwechslung ist gesorgt, denn wie in den Vorjahren sind die Teilnehmer erneut rotiert. Die Galerien neugerriemschneider, Kamm und Esther Schipper sind nicht mehr dabei, stattdessen sind nun Barbara Thumm, Ben Kaufmann und Klemm’s mit von der Partie. Zum ersten Mal nehmen mit Motto und der Librairie Yvon Lambert auch Buchhandlungen am Austausch teil, und mit dem Institute of Social Hypocrisy auch ein nichtkommerzieller Projektraum, der bei Sommer & Kohl eine temporäre Zweigstelle eröffnet.

Das Spektrum der gezeigten Kunst reicht von der klassischen Moderne bis hin zu jungen Nachwuchskünstlern. Den größten Spagat in dieser Hinsicht macht Mehdi Chouakri, der Marcel und David Fleiss von der Galerie 1900-2000 auch im dritten Jahr die Treue hält, aber diesmal die Künstler seiner eigenen und der französischen Partnergalerie kombiniert und die klassischen Positionen des Pariser Kollegen auf zeitgenössischen Wandarbeiten seiner eigenen Künstler zeigt. Das Ergebnis ist so gewagt wie originell. Beim Betreten der Galerie grüßt Jean Dubuffet vom weißen Flokati der „Kuschelwand“ von Sylvie Fleury – das wirkt etwa so, als habe sich der Art-Brut-Klassiker an ein Pornofilmset der späten 1970er-Jahre verirrt. Auf der rückseitigen Wand schweben drei Zeichnungen von Francis Picabia auf der Quallenarmada einer Wandarbeit von John Armleder. Die erlesene Präsentation liefe Gefahr, geschmäcklerisch zu wirken, wäre es nicht eine so überdrehte Feier der Décadence. Dagegen wird auf der gegenüberliegenden Wand die neokonstruktivistische Wandmalerei von Gerwald Rockenschaub durch die unglücklich dichte Hängung zum dekorativen Hintergrund herabgewürdigt, dafür aber entschädigen hier echte Entdeckungen: die minimalistischen Zeichnungen der in Paris lebenden Amerikanerin Edda Renouf aus den siebziger Jahren etwa oder die eigenwilligen Porträts des völlig unbekannten Adolph von Harbou aus den Dreißigern, dessen Nachlass sich im Besitz der Pariser Galerie befindet.

Historisches Bewusstsein zeigt nicht nur Mehdi Chouakri, der mit seiner Präsentation indirekt auch auf die zentrale Rolle des Kunsthandels für den Aufstieg der Moderne in Paris verweist. Auch die Partnergalerien Isabella Bortolozzi und Seroussi zeigen die Spannweite zwischen Geschichte und Gegenwart. Bevor Bortolozzi Ende Januar in Paris mit der frisch gekürten Turnerpreisträgerin Susan Philipsz eröffnet, zeigt Natalie Seroussi am Schöneberger Ufer in stimmigster Nachbarschaft zur Neuen Nationalgalerie die Dada-Protagonisten Hans Arp und Kurt Schwitters. Von Arp ist eine Gruppe von Gipsplastiken aus den 1940er- bis 60er-Jahren zu sehen. Auf einem schwarzen Samtsockel ideal präsentiert, zeigen die organischen Kleinplastiken in seltener Dichte, wie zentral der Begriff der Metamorphose für den deutschen Künstler war, der in den zwanziger Jahren nach Paris übersiedelte. Kurt Schwitters ist mit ausgesuchten Merzkunst-Collagen und Holzreliefs aus den 1920er- bis 40er-Jahren vertreten. Darüber hinaus ist er auch stimmlich präsent – seine „Ursonate“ erklingt im hintersten Raum der Galerie als Teil einer Dada-Audiokompilation.

Während man bei Chouakri und Bortolozzi in die Geschichte der Moderne zwischen Berlin und Paris eintauchen kann, lässt Johann König am Potsdamer Platz mit dem heutigen Glamour die Modemetropole Paris hochleben. Die Galerie zeigt in Zusammenarbeit mit dem „Paradis Magazine“ Fotografien von Juergen Teller und hat sich damit am weitesten von allen Beteiligten vom Konzept des Galerienaustauschs entfernt. Die Aktfotos, die Teller von der Schauspielerin Charlotte Rampling und dem brasilianischen Model Raquel Zimmermann im nächtlichen Louvre aufnahm, erschienen 2009 erstmalig in dem Herrenmagazin der gehobenen Klasse. König zeigt die Fotoserie hingegen ganz museal, großformatig und gerahmt – und vollzieht damit gleichsam den Sprung in den Kunstbetrieb noch einmal nach, der dem Modefotografen Juergen Teller in den 1990er-Jahren gelang. Wie bei Wolfgang Tillmans, dessen Laufbahn eine vergleichbare Dynamik entwickelte, ist auch in Tellers Bildern Intimität eine zentrale Kategorie. Dass es ihm gelang, die 64-jährige Charlotte Rampling zu Nacktaufnahmen zu überreden, zeugt von der engen Freundschaft der beiden und ist nicht nur ein absoluter Vertrauensbeweis der Schauspielerin, sondern obendrein eine mutige Selbstentblößung. In der Antikenabteilung des Louvre entfaltet sich so ein spannungsreicher Dialog zwischen dem Winckelmann'schen Körperideal der griechischen Klassik und der äußerst prosaisch inszenierten Nacktheit der beiden Frauen. Teller hält diese in der für ihn charakteristischen Weise mit geneigtem Bildwinkel und in greller Überblitzung fest, die den Farbfotografien eine trashige Blässe verleiht. Gerade in diesen Fotografien erreicht Teller eine fast allegorische Dichte.

Wem nach so viel säkularisierter Opulenz der Sinn nach Lakonie steht, ist bei Ben Kaufmann am Strausberger Platz richtig. Die Pariser New Galerie zeigt hier zwei Installationen von Bertrand Planes. The Place We've Been is Where I Met Her heißt die erste Installation, eine auf den Boden gefallene und aufgeplatzte Discokugel, die in rätselhafter Weise weiterhin ihre Lichtpunkte über die Wände tanzen lässt. Schwarzer Humor und Melancholie halten sich hier die Waage. Gelungener noch ist die Arbeit Bump it! im zweiten Raum. Planes trieb auf Berliner Flohmärkten alte Möbel auf, die er erst abfotografierte, dann mit weißer Farbe bemalte und abschließend die vorher abfotografierte Originalansicht per Beamer in der Installation wieder millimetergenau auf die Möbel zu projizieren. Diese erscheinen intervallweise entweder vollkommen weiß oder in der aufprojizierten Illusion ihrer ursprünglichen Farbigkeit, die sich unter dem weißen Farbüberzug verbirgt. Durch diese „high low tech“-Strategie erzeugt Planes mit digitalen Medien eine Art Post-Nouveau Réalisme.

Im Bereich der Videokunst hält der Rundgang zwei besonders lohnende Entdeckungen bereit. Nicolas Moulin, vertreten durch Chez Valentin, zeigt im Projektraum der Galerie Klemm’s seine jüngste Videoarbeit Interlichtengespenstereinzuladen-
darandenken
, eine Kamerafahrt durch eine ebenso düstere wie militarisierte Endzeitlandschaft, in die Moulin die Monumente der prestigeträchtigen Signature Architecture unserer Zeit als unbehauste Solitäre verbannte – den von Rem Koolhaas entworfenen CCTV Tower in Peking etwa oder den Glasturm, den Ieoh Ming Pei der Bank of China in Hongkong errichtete. Die Arbeit, in der auch europäische Architekturen von Zaha Hadid oder Daniel Libeskind vertreten sind, leiht sich den Look eines architektonischen Renderings, doch die Konturen der Gebäude wurden allein aus den Aufnahmen von Google Earth generiert. Moulin entwirft eine Dystopie, die auf die lebensfeindliche Hybris dieser sich in ihrem Ästhetizismus erschöpfenden Architektur verweist.

Anders als Nicolas Moulin, den urbanistische Interessen umtreiben, ist die Video- und Fotokünstlerin Marie José Burki vor allem an einer Aktualisierung der Gattung Porträt interessiert. In ihren jüngsten Arbeiten, die die Galerie Nelson-Freeman in der Konrad Fischer Galerie präsentiert, zeigt sie die Spannung zwischen Selbstdarstellung und Fremdwahrnehmung am Beispiel der Jugendkultur. In einer Serie verbergen die Dargestellten ihr Gesicht und werden nur noch über ihren Look und ihre Attribute kenntlich. Eine andere Bildreihe konzentriert sich ausschnitthaft allein auf diese Insignien der Coolness, die einerseits die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Szene und andererseits Individualität signalisieren sollen. Die Videoarbeit In der Nähe II wirft hingegen einen distanzierten und zeitlich gedehnten Blick auf eine jugendliche Menschenmenge während eines Festivals und entlarvt die unzähligen Differenzanstrengungen ganz beiläufig als neue Uniformität.

Wen die Prominenz des Videokünstlers Gary Hill ein paar Schritte weiter in die Galerie Barbara Thumm lockt, wo In situ / Fabienne Leclerc ihr erstes Berliner Gastspiel gibt, wird hingegen milde enttäuscht. Hill ist dort mit einer zwar humorigen, aber eindimensionalen Videoarbeit vertreten. Zu sehen sind die Beine eines Anzugträgers, der auf einem geöffneten Buch steht, dessen Seiten aber durch ihn hindurch weiterblättern und auch Patrick Tosani, der für seine typologisch genauen Konzeptfotografien bekannt ist, erschöpft sich mit seinen Aufnahmen von Hosenbeinen, die wie in einem Vexierbild auch als Masken gelesen werden können, in der visuellen Pointe. Zu den eher uninspirierten Präsentationen gehört auch die Gruppenausstellung von Frank Elbaz bei Wentrup. Hier aber lohnt sich der Besuch allein wegen des kalifornischen Undergroundkünstlers Wallace Berman, der als Vorläufer der Copy-Art in den 1960er-Jahren popkulturelle Bezüge mit kabbalistischen Symbolen in seinen so genannten „Verifaxen“ zusammenbrachte, einem Verfahren, das Fotografie-, Collage- und Drucktechnik miteinander kombinierte.

Das Projekt Berlin-Paris ist eine Erfolgsgeschichte, die mit der diesjährigen Auswahl in höchst lebendiger Weise fortgeschrieben wird. Gerade jetzt, wo der Kunststandort Paris wiedererstarkt ist und die Kunstmesse FIAC im Begriff ist, der Londoner Frieze den Rang abzulaufen, wäre dem Projekt ein weitere Fortsetzung nur zu wünschen, doch die steht in den Sternen. Das diesjährige Motto „Jamais deux sans troi / Aller guten Dinge sind drei!“ klingt verhängnisvoll endgültig, und noch in diesem Jahr verlassen die beiden Initiatoren des Austauschs, der französische Botschafter Bernard de Montferrand und Cédric Aurelle, der Leiter des Bureau des Arts plastiques, die Stadt. Ob Montferrands Nachfolger im Amt das Projekt mitsamt seinem PR-Budget von 40.000 Euro weiterführen und finanzieren wird, lässt die französische Botschaft im Ungewissen. Bleibt nur zu hoffen, dass es den Franzosen gelingt, binnen eines Jahres eine neue Redewendung aus der Taufe zu heben: Jamais troi sans quatre!


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