Galerien in der Schweiz: Urs Meile, Luzern

Porträt:Galerie Urs Meile, Luzern

Ulrike Münter
23. November 2005
Die 1992 gegründete Galerie Urs Meile aus Luzern steht schon seit Mitte der 90er Jahre in Kontakt mit der jungen chinesischen Kunstszene. Auf der Liste der durch sie vertretenen internationalen Künstler überwiegen mittlerweile die chinesischen Namen. Der 2003 geschlossene Partnerschaftsvertrag mit CAAW (China Art Archives & Warehouse, Beijing) sichert der Galerie die Zusammenarbeit mit einer der kompetentesten Institutionen auf dem Gebiet zeitgenössischer chinesischer Kunst. „Wir sind die besten“, scherzt Urs Meile und ergänzt schnell – den Arroganzverdacht witternd – „weil wir die besten Partner in China haben“.

Ulrike Münter: Mit den Schlagworten „Schweiz“, „China“ und „Gegenwartskunst“ verbindet sich seit der am 16. Oktober 2005 in Bern zu Ende gegangenen und im Herbst 2006 in der Hamburger Kunsthalle eröffnenden Mahjong-Ausstellung unvermittelt der Name des Sammlers Uli Sigg. Wie kamen Sie zu einem für die Entwicklung des Kunstmarktes frühen Zeitpunkt dazu, chinesische Kunst in ihr Galerieprogramm aufzunehmen?

Urs Meile: Mit dem Namen Uli Sigg ist bereits die Frage beantwortet. Wir sind seit 15 Jahren befreundet. Als ihn seine Botschaftertätigkeit nach China brachte und er dort Kontakt zur Kunstszene bekam, nahm er mich mit. Was nicht heißt, dass wir immer einer Meinung sind. Der Blick des Sammlers kann unter Umständen ein anderer sein als der des Galeristen. Bald lernten wir den mittlerweile international agierenden chinesischen Künstler Ai Weiwei kennen, der ja auch die Mahjong-Ausstellung mit kuratiert und die künstlerische Leitung von CAAW inne hat. So begann die Entdeckungsreise durch die spannende Kunstszene Chinas – und diese Reise dauert an.

Ulrike Münter: Welcher Künstler war für Sie der erste, der sie dazu brachte, chinesische Gegenwartskunst zum Schwerpunkt ihres Galerieprogramms zu machen?

Urs Meile: Ganz klar Ai Weiwei. Er gehört ja noch zu der Generation von Künstlern, die die Schrecken der Kulturrevolution am eigenen Leibe erfuhr, er ist Jahrgang 1957. Seine Familie traf es besonders hart, da sein Vater einer der wichtigsten Poeten Chinas war. Und wir wissen, wie man im Zeichen Maos mit Intellektuellen umging. Ai Weiweis Aktionen und Installationen, die immer wieder die unauflösliche Verwobenheit von Traditionsgebundenheit und individuellem Autonomiestreben zum Thema haben, öffneten mir den Blick für die besondere Intensität der chinesischen Gegenwartskunst. Als ausländischer Galerist ist meine Rolle seitdem dieselbe geblieben. Ich bin derjenige, der diesem Land und seiner Kultur gegenüber Fragen hat. Antworten – mehr oder weniger verschlüsselt – geben die Künstler. Mittlerweile sind es natürlich auch die wesentlich jüngeren Künstler der Nach-Mao-Ära, die mich begeistern, so zum Beispiel Xi Nanxing (geboren 1970), Wang Xingwei (geboren 1969) und Li Songsong (geboren 1973).

Ulrike Münter: Bisher hatten Sie keine eigene Galerie in China, sondern eine Partnerschaft mit CAAW in Peking. Wie hat man sich die Arbeit dieser Institution vorzustellen und wer steht hinter diesem Namen?

Urs Meile: Obwohl der Name CAAW sehr technokratisch klingt, steht dahinter unter anderen einer der großen ausländischen Idealisten, die sich mit Leib und Seele der zeitgenössischen chinesischen Kunst verschrieben haben: der niederländische Künstler Hans van Dijk (geboren 1946). Schon Mitte der 1980er Jahre ging er nach Nanjing, später nach Peking. Seine Sammler- und Dokumentationstätigkeit stand im Dienste der jungen chinesischen Kunst. Die Ergebnisse bildeten 1993 die Grundlage für das mit dem Sammler Frank Uytterhaegen und Ai Weiwei gegründete CAAW. Nach van Dijks Tod 2002 setzten seine Partner das Projekt fort. CAAW ist keine Galerie, auch wenn die großzügigen Ausstellungsräume, die zu dieser Institution gehören, daran denken lassen. Es ist wichtig, dies zu betonen, denn in einer Galerie geht es naturgemäß auch ums Geldverdienen. Die Arbeit eines Archivs ist hingegen rein inhaltlich ausgerichtet. Das Geld kommt von Sponsoren. Seit 2003 ist es unsere Galerie, die sponsert. Durch die Zusammenarbeit mit CAAW können wir bei unserer Galeriearbeit aus einem Wissens- und Erfahrungspool schöpfen, der einzigartig in China ist.

Ulrike Münter: Anfang 2006 soll unweit von CAAW Ihre eigene Galerie in Peking eröffnen. Wie ist dieser Schritt zu verstehen?

Urs Meile: Dieser Schritt ist nur die logische Folge unserer bereits bestehenden Struktur der Zusammenarbeit. Wie bisher sollen in den Räumen von CAAW Ausstellungen stattfinden, die unabhängig von der Galerie Urs Meile geplant und durchgeführt werden. In unseren neuen Galerieräumen in Peking zeigen wir parallel dazu einerseits temporäre Ausstellungen zu einzelnen Künstlern; andererseits soll es dort eine Dauerausstellung im Sinne eines „lebendigen Katalogs“ geben, das heißt es sollen exemplarische Positionen aller Galerie-Künstler vorgestellt werden. Viele andere Konstellationen sind denkbar, wir sind selbst gespannt. Ein Ziel ist sicherlich auch die direktere Kommunikation mit Kunstinteressierten in Peking.

Ulrike Münter: Warum dann noch ein Standbein in Luzern?

Urs Meile: Luzern ist einfach wunderschön. Und jeder weiß genau: Kontakte werden auf Messen gemacht. Wer dann wirklich interessiert ist, der kommt, egal wohin. Für wichtigen Besuch haben wir ein Gästehaus in Peking und Luzern. Und damit man uns auch auf der Durchreise durch die Schweiz gut erreicht, ist ein Showroom in Zürich geplant. Aber darüber möchte ich noch nichts Genaueres sagen. Erst mal bin ich gespannt auf Peking – das Gebäude hat übrigens auch Ai Weiwei entworfen. Unglaublich, wie vielseitig dieser Mensch ist.

Ulrike Münter: Sie klingen geradezu euphorisch. Was sind Ihre Bedenken beim Blick in die nähere Zukunft?

Urs Meile: Bedenken gibt es sehr wohl. Gegenüber den Künstlern bin ich derjenige, der dazu aufruft, das Tempo zu drosseln. Mir wird einfach schwindelig, wenn ich sehe, was für eine Erfolgslawine über manche Künstler hinweg rollt. Li Songsong ist da ein Beispiel. Wie wird sich das auf die Qualität seiner Arbeiten auswirken? Wer weiß es? Keiner kann momentan zuverlässige Prognosen abgeben. Es bleibt spannend.

Ulrike Münter: Zum Abschluss lassen Sie uns noch einen Blick in die Luzerner Galerie werfen. Die Yan-Lei-Ausstellung mit dem Titel Super Light ist zwar gerade zu Ende gegangen, gibt mir aber immer noch Fragen auf. Ich finde, die Bilder sind alles andere als „leichte Kost“. Sie haben auf mich höchst verstörend gewirkt. Da sieht man scheinbar kraftlos abgekupferte Werke chinesischer Künstler. Die Skala reicht vom expressiv-idealistischen Hymnus auf die Schaffenskraft des Menschen in Divert Water from the Milky Way Down (Sun Guoqi/Zhang Hongzhan, 1973/74) bis hin zur Coca-Cola-Vase von Ai Weiwei (2005). Dass es hier um ein klares Statement Yan Leis geht, suggeriert die Aufteilung der Bilder in zwei Farbfelder. In der Mahjong-Ausstellung sah man The Curators von ihm. Wieder wirkt die in Acryl auf Leinwand dargestellte Szene wie ein verblasstes Foto. Könnte man hier von einer Art Bildarchiv im Gedächtnis des Künstlers reden, auf das er in seinen Arbeiten zurückgreift, um die Werke zu kontextualisieren? Oder, anders formuliert, wird hier Kunstkritik im Medium des Bildes betrieben?

Urs Meile: In der Tat bezieht sich Yan Lei in seiner Serie Super Light auf Werke von anderen Künstlern. Bei seinen gefälschten Einladungen zur documenta x spannt der den Bogen noch weiter und nimmt die Strukturen des Kunstbetriebs ins Visier. Den Titel Super Light kann man auch im Sinne des grellen Lichtes verstehen, das zur Zeit scheinwerferartig auf die Kunstszene Chinas gerichtet ist. Dieser Umstand führt nicht immer zu einer den Werken angemessenen Optik. Seine Bildauswahl macht bereits exemplarisch deutlich, über welche Bandbreite von Genres verhandelt wird, wenn man von „der“ chinesischen Kunst spricht. Yan Leis distanzierter Blick auf Entwicklungen, in die er gleichzeitig selbst involviert ist, zeigt sich deutlich in der Bildtechnik. Digitalfotografie, Rasterbearbeitung im Computer, Farbskalenreduktion und so weiter. In einem sehr kontrollierten und vom Original abstrahierenden Prozess entstehen diese Bilder, die so leicht daherkommen. Sie haben somit durchaus eine theoretisierende Dimension. Die wird natürlich nur von denjenigen verstanden, die das Verhältnis von Original und Rezeption erkennen, das heisst in diesem Falle, zumindest in der Mahjong-Ausstellung waren oder den Katalog eingesehen haben. Die ausgewählten Werke waren dort sämtlich zu sehen.

Noch bis zum 3. Dezember ist in der Galerie Urs Meile in Luzern, Rosenberghöhe 4a, die Ausstellung der monochromen Landschaften Qiu Shihuas zu sehen.


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