Birgit S. Bauer
3. Dezember 2009
Atlanten verheißen Überblick und Orientierung. Das gilt auch auf dem Gebiet des Designs. Wer hier nach Wegen durch den Entwurfsdschungel sucht, dem sei zum „
DuMont Design Atlas“ geraten, einer Kartografie des modernen Möbel- und Produkt-Designs von 1850 bis heute. Hinter einem etwas altbackenen Cover und behäbigen Titel verbirgt sich eine hohe Qualität in Konzept und Text.
Enrico Morteo, seines Zeichens Kunstwissenschaftler, porträtiert hier in prägnanten, chronologisch sortierten Artikeln bekannte Klassiker, deren Designer, Entstehungsgeschichte und Wirkung. So weit, so gewöhnlich. Darüber hinaus aber bietet Morteo eine Vielzahl erhellender Querverbindungen, wenn er etwa in der Rubrik „Designklassiker im Vergleich“ alte Streitfragen beantwortet: Wer, beispielsweise, entwickelte den berühmten Freischwinger denn nun zuerst –
Marcel Breuer oder doch
Mart Stam, der zeitgleich an der Konstruktion arbeitete? Auf diesen Nebenwegen, abseits der strengen Chronologie, entsteht sie dann, die Landkarte eines Designs der Moderne – unterhaltsam, treffend formuliert und mit einem ausführlichen Index versehen.
Ein Archiv der Geschichte des deutschen Grafik-Designs soll mit der Reihe A5 seinen Anfang nehmen, einer Kooperation des Labor visuell am Fachbereich der Fachhochschule Düsseldorf und Lars Müller Publishers. Bisher liegen drei jeweils 120 Seiten starke Paperback-Bände vor, in Deutsch und Englisch. Hier werden Kultklassiker behandelt, der Humus, auf dem die zeitgenössische Grafik in Deutschland gewachsen ist. Wie es sich für ein solches Thema gehört, erfüllen die A5-Büchlein jeden Anspruch an durchdachtes Design: Der Inhalt ist mit Liebe recherchiert, der Preis studentisch, das Format sammelbar – zudem geht das grafische Konzept eine sehr gelungene Verbindung mit dem Inhalt ein. Es riecht nach Druckerschwärze, dem Aphrodisiakum der Grafiker.
Im Zentrum von Band 1 steht der 1925 geborene Plakatgestalter und Illustrator Hans Hillmann, der zu den wichtigsten Grafikern Deutschlands zählt. Seine Illustrationen zu fremden und eigenen Geschichten für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ und viele andere haben Standards gesetzt und sind ins visuelle Gedächtnis der Deutschen eingegangen. Als Professor für Grafikdesign prägte Hillmann in über 30 Jahren Lehrtätigkeit die Handschrift vieler Gestalter. Interview, Essay und Bibliografie machen das Buch neben den unzähligen Abbildungen zum Lesevergnügen und einem Hors d’œuvre, das Appetit auf mehr Geschichtliches macht.
Im Kurzporträt erleben wir in Band 2 das Design der Zeitschrift „twen“ und der dazugehörigen Philips-Schallplattenedition. Hier gibt es historische und personelle Schnittstellen zum ersten Band, denn neben Willy Fleckhaus und Heinz Edelmann war auch Hans Hillmann prägend für den coolen, experimentellen Look der 1959 gegründeten Zeitschrift. Und während das Heft bis heute in Form und Inhalt Vorlage für viele Magazine ist, steht die Wiederentdeckung der Schallplattenedition noch an. A5 liefert Zeitleiste und den Katalog der Edition – überfällige Dokumentation und das passende Rüstzeug für die sofort einsetzende Sammelwut.
Band 3 beschäftigt sich mit Celestino Piatti und seiner von 1960 bis 1990 währenden Zusammenarbeit mit dem dtv – Deutscher Taschenbuch Verlag, dessen Publikationen Piattis Arbeit ein unverwechselbares Gesicht verlieh. Mit über 6.300 Buchumschlägen, die in einer Gesamtauflage von über 200 Millionen Exemplaren verkauft wurden, ist er einer der produktivsten Buchgestalter aller Zeiten. Die hier gezeigte große Auswahl von Piattis dtv-Werk ist wie eine Reise durch die Genres und Geschichte dieser Entwürfe. Aber nicht nur das. Das Bändchen schafft es mit wenigen, konzentrierten Ingredienzien, Design als Denk- und Arbeitsweise zu vermitteln. Durch die Schilderung von Schaffenssituationen, Vorskizzen und typografischen Notizen entsteht ein lebendiges Bild davon, was Design in den 1960er-Jahren bedeutete und welch hohes Maß an persönlichem Einsatz hinter der Verwirklichung der stringenten dtv-Taschenbuchreihe steckte. Lars Müller Publishers leistet mit einer Reihe wie A5 Aufbauarbeit. Denn die Geschichte des Designs zu dokumentieren und Quellen verlässlich zu sichern, scheint angesichts des ständigen Remix auf diesem Gebiet angebracht und nützlich.
Neuland zu entdecken ist dagegen die Mission des ebenfalls bei Lars Müller erschienenen 380 Seiten starken Buches „Orientation/Disorientation 2“. Es entstammt dem Schweizer Designforschungs-Institut Design2Context, angesiedelt an der Zürcher Hochschule der Künste. Während der erste Band gleichen Titels Bildwelten beschrieb, kümmert sich der zweite nun um handfeste, theoretische Statements, bei denen die Form Inhalt und der Inhalt Form ist. Denn den Einstieg ins Thema wird dem Leser in Form von lose aus dem Buch herausfallenden Abbildungen vermittelt – und dem großen Schriftzug „this book begins here“. Aha! Und genauso vergnüglich und überraschend geht es in den 31 teils wissenschaftlichen, teils künstlerischen Texten rund um Orientierung und deren Gegenteil weiter. Welche kritischen Potenziale der Reflexion, der Veränderung, der Bewegung lassen sich aus den verschiedenen Praktiken der Sichtbarmachung gewinnen? Wie sieht die Welt aus, wenn wir sie tatsächlich durch eine kritische Praxis von Design, Entwurf und Gestaltung reflektieren? Ausgangspunkt ist die Signaletik, die Wegeleitung. Womit wir wieder beim Atlas wären. Aber auch gesellschaftliche, psychologische, politische und lebenspraktische Phänomene der Orientierung und ihrer Krise werden in diesem Buch vorgestellt. So zeigt es, dass im Design nicht nur Objekte als Vorlage für neue Interpretationsweisen der Welt wichtig sind, sondern sich auch theoretische Positionen herausbilden, die als Grundlage für eine Diskussion von Design als Ganzem dienen können. Und das kommt, wider Erwarten, alles andere als trocken daher.