Frieze Art Fair London - Rundgang III

Unbeschränkte Kauffreuden

Sabine B. Vogel
26. Oktober 2005
450 Galerien meldeten sich an, aber nur 160 wurden ausgewählt. Es ist die dritte Frieze und ihr Ruf als jung, frisch und fancy ist wieder grandios bestätigt worden. Der boomende Kunstmarkt braucht solche Orte, solche Ereignisse, solche Hypes. Aber auch die rasant steigenden Umsätze und gewaltigen Besucherzahlen untermauern die Frieze Art Fair als ein „Muss“ unter den Messen. So stieg der Gesamtumsatz von 11 Millionen britischen Pfund vor zwei Jahren auf 26 Millionen im letzten Jahr. Die diesjährig erwartete Zahl von 42.000 Besuchern wurde überboten, es kamen 47.000 Interessierte.

Das hatte am Wochenende allerdings ein grenzwertiges Gedrängel in den engen Gängen des weißen Messezelts im königlichen Regent´s Park zur Folge. Zur Einstimmung auf die Messe war hier im Park zudem eine Skulpturen-Ausstellung aufgebaut, im Zelt lief mit täglich wechselndem Programm das The Artist´s Cinema und vor den Gesprächsrunden von Zaha Hadid bis Karl-Heinz Stockhausen bildeten sich immer lange Schlangen. Mit Werken von über 2000 Künstlern und Künstlerinnen und dem Rahmenprogramm ist die Frieze also eine ziemliche Herausforderung angesichts von Quantität und Qualität.

Wie kann man dieses Angebot bewältigen, wie der Menge gerecht werden, welchen Gang über die Messe anlegen? Systematisch, gezielt oder sich treiben lassend? Einen Weg streng von A 1 bis ... einzuschlagen, ist kaum durchzuhalten. Systematik stumpft ab, man verliert die Neugierde auf Unerwartetes – was auch für eine Systematik nach Nationalitäten gilt. Gezielt zu ausgewählten Galerien zu gehen bedeutet zu viele Gespräche.

Also treiben lassen, von den Reizen einzelner Werke oder ganzer Stände gelenkt, etwa den wunderbaren Knetbildern von Gelitin, vormals Gelatin, bei Meyer Kainer aus Wien, für 9.500,- Euro, die sich sicher nicht zuletzt aufgrund von Gelatins zeitgleicher, Aufsehen erregender Installation bei Gagosian in London bestens verkauften. Oder die winzigen Skulpturen von Ham Jin für 2.000,- bis 4.000,- Euro bei pkm Gallery, Seoul, die bereits in Venedig im koreanischen Pavillon draußen auf der Balkonreling aufgefallen waren. Manches ist dabei allerdings auch erschreckend enttäuschend, etwa die Anhäufung von neuen Matthew Ritchie-Bildern bei Andrea Rosen, New York, die mit gelbbrauner Erkennungsfarbe an billige Kachelmuster oder Kaufhaus-Deko erinnern, aber weit entfernt sind von den früheren kosmosumfassenden Weltentwürfen.

Oder man wählt als Messeroute ein gezieltes Zickzack durch die Gänge, das zum Beispiel einer konkreten Frage folgt: Welches Werk würden Sie kaufen? Die Antworten darauf können verschiedener kaum ausfallen. Ute Meta-Bauer, Professorin an der Kunstakademie Wien und am MIT in den USA wählt den Franzosen Bruno Serralongue bei Air de Paris aus. Rally against US imperialism and Iraq Occupation organised by Mumbai Resistence und Deportation des participants (Chiapas) lauten die Titel dieser großformatigen Fotografien, dessen „Anti-Reportagen“ merkwürdigerweise einem etwas überfrachteten Preiskonzept folgen: Die erste Auflage kostet 7.500,- Euro, die zweite 10.000,- und die dritte gibt es nur in Kombination mit anderen.

Schlicht und klassisch dagegen kauft der Münchner Galerist Rüdiger Schöttle ein, und zwar den jungen polnischen Maler Jakub Julian Ziółkowski bei Foksal Gallery, Warschau, für 1.000,- Euro. Auch Theresa Hohenlohe von der Galerie Hohenlohe & Kalb, Wien, griff zu: Eine sehr eigenwillige Landschaftsmalerei der jungen Malerin Karoline Walther in der jungen Karlsruher Galerie Iris Kadel für 2.500,- Euro. Edek Bartz, künstlerischer Leiter der jungen Wiener Kunstmesse ViennAfair verwies ebenfalls auf Malerei, allerdings ohne eigene Kaufabsichten. Ihm fielen die Bilder von Manfred Kuttner bei Johann König auf, die um die 20.000,- Euro kosten und größtenteils bereits verkauft waren. Das Oeuvre des Düssseldorfers ist limitiert, gut 20 Bilder des 1937 geborenen ehemaligen Malers, der in den 60ern auch mal mit Gerhard Richter ausstellte und später in die Werbebranche wechselte, kommen auf den Markt. Im krassen Gegensatz zu Kuttners reduzierten Bildern steht Bartz´ zweiter Tipp, merkwürdig surrealistisch-poetische Bilder der jungen Tasha Amini, denen Bartz einen „Weltblick ohne Anleihen bei Tendenzen“ attestiert.

Jörg Heiser von der Kunstzeitschrift Frieze würde eine Collage des britischen Fotografie-Klassikers John Stezaker für 3.000,- Euro bei The Approach, London, auswählen. Zu sehen sind Montagen verschiedenster Fotografien von Filmstars, die seinem seit den 60er Jahren bewährten Konzept einer Fotografie aus found images folgt. Eine junge Position dagegen nennt die junge ehemals Düsseldorfer, jetzt Berliner Künstlerin Berta Fischer, deren eigene Arbeiten bei Giti Nourbakhsch für 4.500,- Euro viel nachgefragt und schnell verkauft waren. Berta Fischer führte zu Toby Websters Modern Institute, Glasgow, und damit zur – bereits verkauften - vielteiligen Installation von Cathy Wilkes, zum Preis von 25.000,- Euro, sowie einem kleinen Wandobjekt, einem bemalten Teller auf Leinwand aufgeklebt, für 3.500,- Euro. Wilkes stammt aus Glasgow und war auf der Manifesta 5 und auch dieses Jahr im schottischen Pavillon der Biennale Venedig zu sehen.

Den ganzen Messestand vom Modern Institute und dazu noch jenen von Eva Presenhuber würde Ursula Krinzinger, auf ihrem Stand unterstützt von ihrer Tochter und Künstlerin Angelika Krinzinger und ihrem Sohn Thomas, kaufen. Ähnlich umfassend wählte auch Corinne Wachsmuth: Sie entschied sich für den gesamten Stand von Martin Janda, Wien, mit Roman Ondák, Roman Signer, Maya Vukoje und Jun Yang. Matthias Herrmann, Präsident der Wiener Secession, entschied sich ohne zu zögern für Henrik Olesens bereits verkauftes Bild, Preis 18.000,- Euro, oder eine Skulptur von Isa Genzken bei Daniel Buchholz, Köln.

Und natürlich folgte immer auch die Gegenfrage. Aernout Miks neuer Film mit dokumentarischen Aufnahmen eines riesigen Autofriedhofs und eines inszenierten drugstore, Preis 120.000,- Euro in einer 4+2-Auflage, gehört zu meinen Favoriten. Die Galeristen Carlier und Gebauer einigten sich übrigens sekundenschnell auf die dänische Malerin Kirstine Roepstorff, deren bildfüllende Kompositionen die Rückwand der Galerie Peres Projects, Los Angeles, bedeckten. Am nachhaltigsten in Erinnerung geblieben ist mir allerdings eine kleine 16mm-Projektion. Zu sehen waren Filme voll übertrieben theatralisch inszenierter Bilder und psychodelischen Bewegungen, eine Mischung aus Surrealismus und konzeptuellem Arrangement von der US-amerikanischen Künstlerin Daria Martin bei Hotel, London, für 8.500,- Euro.

Einer dieser Filme ist auch unter den diesjährigen Messeankäufen für die Tate Modern – ein genaueres Betrachten unter entschärften Bedingungen ist damit gesichert, vielleicht nächstes Jahr dann während der vierten Frieze.


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