Frieze Art Fair 2009

Etappe einer Marktkorrektur

Stefan Kobel
15. Oktober 2009
Sogar Damien Hirst malt wieder selbst. Der einst größte Profiteur des heiß gelaufenen Kunstmarktkarussels wird neuerdings bescheiden und philosophiert über die Kürze des eigenen Lebens. Dass das Selbstvermarktungsgenie plötzlich die wahren Werte erkennt und sich mit seiner Produktion Zeit lassen will, mag so einiges mit einem bedächtig gewordenen Markt zu tun haben, der auch auf Messen viel Zeit zum Nachdenken lässt. Und während sich Hirsts neue Werke von eigener Hand zwischen den Alten Meistern in der Londoner Wallace Collection um kunsthistorische Patina bemühen, ist auch der Frieze Art Fair anzumerken, dass in der Partymetropole London Kontemplation zum Saisonschlager wird. Es gibt deutlich weniger Spektakel als in den letzten Jahren. Die Welcome-Party für den Inner Circle ist ebenso ausgefallen wie die meisten Satellitenmessen – lediglich die Zoo Art Fair hat den Klimawandel der europäischen Finanzhauptstadt noch überlebt.

Das Gedrängel am Eingang zu den gestaffelten Zugangszeiten ist jedoch erst einmal unverändert, ebenso wie die schikanöse Einlasspolitik. Hinter den Toren ist der Wandel aber klar zu erkennen. Der beschränkt sich nicht auf die Fluktuation einiger Teilnehmer. Rund 30 Galerien sind neu hinzugekommen, weil langjährige Teilnehmer ihre Investitionen zumindest in diesem Jahr nicht dem Marktplatz London anvertrauen wollten – aus Deutschland etwa der Köln-Berliner Christian Nagel. Zu einem wagemutigeren Erscheinungsbild hat die vermeintliche Verjüngung allerdings nicht geführt. Der Gesamteindruck ist eher gesetzter, allerdings sollte man sich daran erinnern, dass auf der Frieze das Mutige noch nie zu Hause war. Gezeigt wurde in der Regel, was sich verkaufen lässt. Das durfte in den wilden Zeiten schon mal etwas bunter oder raumgreifender sein. Heute ist das eben nicht mehr so, und die Formate werden entsprechend kleiner. Die Preise ebenfalls. Die Aussage von David Juda aus London spricht da Bände. „Wir haben einige Sachen verkauft, auch größere“, sagt er und erklärt, was das für ihn heißt: „Etwas für 80.000 Dollar, etwas für 15.000 Pfund“ zum Beispiel. Das sind keine großen Fische. Immerhin aber scheint in dieser Preiskategorie nicht nur bei ihm starke Nachfrage zu herrschen. Beispiele dafür gibt es reichlich an diesem Nachmittag, so bei Alison Jacques, ebenfalls aus London. Werke von 15.000 Euro bis 45.000 Dollar wechselten bisher den Besitzer. Gleichwohl sei es „a hell of a good Frieze“, wie Galeriedirektor Roger Tatley sich ausdrückt. Die mittleren Beträge summieren sich am Ende doch – und das zum Teil ziemlich schnell.

Daniel Buchholz aus Köln/Berlin findet die Vernissage sogar „sensationell“. Nach drei Stunden hat er schon mehr Werke vermittelt und mehr Umsatz gemacht als letztes Jahr während der gesamten Laufzeit. Aufschlussreich ist dabei vor allem, wen er als Kunden identifiziert: „Institutionen und passionierte Sammler – Leute, denen Kunst wichtiger ist als Geld.“ Die kommen allerdings nicht nur bei ihm eher selten aus London, sondern zumeist vom Festland. So ähnlich klingt es an den meisten Ständen. Der einheimische Markt ist nach wie vor schwach, doch die Messe zieht ausreichend Kunden vom Kontinent.

Neu ist hingegen, dass die Messe weniger als Premierenschau dient. Viele Geschäfte, die hier abgeschlossen werden, wurden schon seit Längerem vorbereitet. Oder die Käufer haben die Arbeiten bereits in der Galerie gesehen. Ob es sich um einenGeorg Baselitz bei Thaddäus Ropac aus Salzburg/Paris für 400.000 Euro handelt oder um eine Installation von Alexandra Leykauf bei Sassa Trülzsch aus Berlin, die in der neuen Soloshow-Sektion „Frame“ gezeigt wird und für weniger als ein Zehntel der vorgenannten Summe zu haben ist. Nicht nur die Londoner Messe, sondern der ganze Galeriemarkt scheint sich um eine Neuorientierung zu bemühen. Dass Trülzsch die Arbeit schon am ersten Tag an einen britischen Sammler mit guten Institutionskontakten verkaufen konnte, habe auch mit einer veränderten Vorarbeit zu tun. Trülzsch betrachtet Events wie das Berliner Gallery Weekend als Pionierarbeit auf dem Weg zurück zur Auseinandersetzung mit künstlerischen Inhalten. Der Sammler habe parallel zur Berliner Messe einen zweiten und dritten Blick auf Leykaufs Œuvre geworfen und sich dann in London für den Kauf entschieden. Es sei „eine neue Qualität“, dass Kunden sich nicht mehr kurz entschlossen auf Messeeindrücke stützten, sondern den Galeriebesuch wünschten. Galerierundgänge würden ein immer wichtigeres Medium für ernsthafte Käufer. Und die werden von immer mehr jungen und programmatisch denkenden Galerien als Grundlage ihrer Stabilität während der Rezession geschätzt: „Spekulanten habe ich ja sowieso nie in der Galerie gehabt“, meint Trülzsch, die von der Krise nicht mehr reden will, sondern die Zeit für inhaltliche Aufbauarbeit gekommen sieht. So denkt auch eine Berliner Galeristin und Publizistin nach einem Messerundgang: Manche Galerien müssten nun überhaupt erst lernen, wie man Künstler aufbaut, betreut und vermittelt. Das seien doch gute Zeiten für die Kunst.

Den Stand vollzuhängen reiche einfach nicht mehr, heißt es unisono vonseiten einer jüngeren Generation. Die zarten Erholungssignale des Marktes sorgen zwar für das gute Gefühl, die Rezession überleben zu können. In der Lounge des Hauptsponsors Deutsche Bank etwa herrscht vergnügter Hochbetrieb statt des gedämpften Durchhalteoptimismus von 2008. Aber auch dort nimmt man nicht mehr automatisch hin, was der Markt produziert, sondern versucht mit größerer Distanz, Eintagsfliegen von langfristig lohnenden Investitionen zu unterscheiden. Dabei scheint alles besser anzukommen als die hektische Suche nach Novitäten. Luis Campaña aus Köln etwa hat es vorgezogen, eine Arbeit von Dirk Skreber zu zeigen, die schon in der Berliner Konzept-Schau abc – art berlin contemporary zu sehen war. Das Werk ist sozusagen ein Verweis. Zu Hause in der Kölner Galerie nämlich stehen zur gleichen Zeit zwei buchstäblich um Laternenpfähle gewickelte Nobelkarossen Skrebers in Originalgröße und warten auf Publikum. Am Londoner Stand werden dagegen mehrere kleine Modelle auf dem Tisch aufgebahrt. Die Schau daheim funktioniert ohne die Messe. Umgekehrt gilt das hingegen nicht. „Ich weiß auch nicht, wie das Format Messe im Moment ankommt“, rätselt der Galerist. Man könne nie sagen, ob und wer vorbeikommt. In der Galerie habe man eine viel größere Kontrolle.

Die Messe als Präsentationsmöglichkeit für das eigene Programm zu nutzen und damit die Sammler (wieder) in die eigenen Räume zu locken, wie Campaña und viele andere professionelle Kunstvermittler es gerade versuchen, könnte einen neuen und vielversprechenden Trend markieren, der auch unabhängiger vom Messegeschäft macht. Einige der eher raren Konzeptstände in London (und einige qualitativ hochwertige Video-Präsentationen) zeigen jedoch, dass es in schwierigen Zeiten eine Haltungsfrage sein kann, wie viel Raum man als Galerist der Kunst selbst geben will. Hier und da haben Einzelpräsentationen Biennale-Qualität. Manchmal laden geradlinig auf eine Einzelposition hin ausgerichtete Stände zu alten oder neuen Entdeckungen ein. Könnte also sein, dass in den kommenden Jahren kluge Galeristen ihre Messe-Auftritte neu durchdenken werden. Der Kunde will Kontext. Er will mehr wissen. Er denkt über den Tag hinaus. Die Frieze 2009 ist weder ein „Weiter So“ noch eine Revolution. Sie ist die Etappe einer Marktkorrektur.


Trau nicht meiner Messekoje von Gerrit Gohlke
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