Friedrich Seidenstücker in der Berlinischen Galerie

Das Nilpferd und ich

Jutta von Zitzewitz
1. November 2011

Friedrich Seidenstücker: „Fotografien von 1925 – 1958“ – Berlinische Galerie, Berlin. Vom 1. Oktober 2011 bis 6. Februar 2012

Seine Anfänge waren rührend. Aus einer Zigarrenkiste und der Linse einer Laterna Magica bastelte der technikbegeisterte Friedrich Seidenstücker (1882-1966) mit 17 sein „erstes Apparätchen“, wie er später schrieb. Als Ingenieur und anschließend Bildhauer ausgebildet, als der er allerdings glücklos blieb, wandte sich Seidenstücker in den 1920er-Jahren ausschließlich der Fotografie zu. Einen großartigen Überblick über sein Schaffen zeigt nun die Berlinische Galerie.

Seine Bilder entstehen aus dem Geist der Amateurfotografie. In einigen Aufnahmen von Autos und Eisenbahnschienen flirtet er zwar ein wenig mit einer neusachlichen Ästhetik, aber anders als seine Zeitgenossen Umbo oder László Moholy-Nagy interessierte sich Seidenstücker kaum für die Avantgarde und das Neue Sehen. Lieber stürzt sich der Fotograf ins Gewimmel der Großstadt Berlin, auf deren Straßen er fortan seine Themen findet. Ausgefeilte Kompositionen sind auch hier seine Sache nicht, dafür besizt Seidenstücker eine ausgezeichnete Beobachtungsgabe und ein Gespür für den richtigen Moment. Menschen und Tiere werden seine bevorzugten Motive, der ausgeprägte Sinn für Alltagskomik sein Markenzeichen. Prädestiniert für den noch jungen Beruf des Fotoreporters, bietet Seidenstücker seine Aufnahmen großen Zeitschriften wie der „Berliner Illustrierten Zeitung“ oder „UHU“ an – mit Erfolg.

In den 1920er- und 30er-Jahren, der produktivsten Zeit Seidenstückers, entsteht seine berühmteste Serie: die „Pfützenspringerinnen“. Bei Seidenstücker ist damit noch kein ästhetisches Programm verbunden, wie später bei Henri Cartier-Bresson, der seinen eigenen Pfützenspringer zum Bild für die Theorie des „Decisive Moment“ machte. Den Fotografen faszinierte eher die Alltagsqualität des ebenso amüsanten wie großstädtischen Motivs. Seidenstückers Berlinbilder aus dieser Zeit bestechen durch ihre Wärme und ihren humoristischen Tonfall. Mehr „Menschen am Sonntag“ als „Symphonie der Großstadt“, ist vielen seiner Bilder ein Billy-Wilder-Touch eigen und ein Witz, der gerne ins Anzügliche spielt. Seine Vorliebe für Dralles und Pralles bei Frauenbildnissen auf den Straßen verbindet ihn mit dem anderen großen Berlinfotografen: Heinrich Zille. Auf seinen Streifzügen durch die Stadt fängt Seidenstücker auch das Leben der Arbeiter in zahlreichen Momentaufnahmen ein. Seine Schwarz-Weiß-Fotos von Bauarbeitern, Straßenhändlern, Droschkenkutschern und Kohleträgern gleichen in ihrem Realismus und der leicht nostalgischen Färbung den „Petits Métiers“, die Eugène Atget im Paris der Jahrhundertwende dokumentierte.

Von einem ähnlich empathischen Blick sind seine Eindrücke aus dem kleinbürgerlichen Milieu der Weimarer Republik gekennzeichnet. Es ist die Zeit, in der Siegfried Kracauers soziologische Studie „Die Angestellten“ erscheint, dessen Beobachtungen sich in Seidenstückers Aufnahmen von Menschenmengen spiegeln, die sich auf Plätzen, in der U-Bahn, auf dem Jahrmarkt und im Zoo versammeln. Eher am Rande notiert, ahnt man auf seinen Fotos vom Anfang der 1930er-Jahre, was am Horizont heraufzieht – hier ein Hakenkreuzwimpel in der Hand eines Kindes, dort die Mädchen aus dem BDM, mit geflochtenen Zöpfen und gestärkten Hemden. Seidenstücker war ein exzellenter Beobachter, aber kein politischer Fotograf. Als Fotoreporter für den jüdischen Ullstein-Verlag unterwegs, fanden seine Bilder in der Folge kaum Absatz, und im Laufe der 1930er-Jahre zog er sich mehr und mehr aus dem Straßenleben Berlins zurück.

Dass Seidenstücker ein eher lausiger Atelier- und Aktfotograf war, verschweigt die Ausstellung nicht. Linkisch und ungeschickt in der Lichtführung, aber mit sichtlichem Spaß an der erotischen Inszenierung, sorgen vor allem skurrile, in seiner Wohnung geschossene Farbaufnahmen aus den 1940er-Jahren für eine Prise unfreiwilliger Komik.

Die vielleicht umfangreichste Bildgruppe der Schau umfasst die Tierbilder, die vorwiegend im Berliner Zoo entstanden, den er bis zu seinem Lebensende regelmäßig aufsuchte. Akribisch arbeitete er sich in das zoologische Fachgebiet ein und bewies bei der Bilderpirsch die Geduld eines Großwildjägers. Oft wartete der Fotograf stundenlang auf den richtigen Moment. Erstaunlich ist das breite Spektrum dieser Bilder: Auch setzt er auf den komischen Effekt und betont die ureigene Verwandtschaft zwischen Mensch und Tier. Dabei erscheint der Mensch in den Aufnahmen nicht selten als die exotischere Kreatur, während der Fotograf den Tieren in einfühlsamen Porträtserien menschliche Züge verleiht. Seidenstücker teilt die Schaulust der anderen Zoobesucher, aber die sensibelsten seiner Aufnahmen lassen niemals vergessen, dass es sich hier um Tiere in Gefangenschaft handelt, für deren Leid er empfänglich bleibt.

Die Aufnahmen aus dem fast vollständig zerstörten Zoologischen Garten nach den Bombardements durch die Alliierten, die nur wenige Tiere überlebten, gehören denn auch zu den imposantesten der zahlreichen Trümmerfotografien von Friedrich Seidenstücker. Kaum weniger gespenstisch sind die Bilder aus den pompösen Hallen der zerstörten Reichskanzlei in der Wilhelmstraße, die zahlreiche Schaulustige anlockte. Seidenstücker dokumentierte auch den Wiederaufbau und den trotzigen Lebenswillen der Bürger – die Einübung in eine neue Normalität. Ihm selbst gelang es nach dem Krieg nicht, an seine alten Erfolge anzuknüpfen, obwohl er weiterhin als Pressefotograf arbeitete. Erst anlässlich seines 80. Geburtstags fand im Kunstamt Wilmersdorf die erste und einzige Retrospektive zu Lebzeiten von Friedrich Seidenstücker statt: Eines herausragenden, viel zu lange unterschätzten Fotografen.

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