20. Februar 2012
Dass die Freunde von Freunden auch meine Freunde seien, gehörte einst zu den eher lässlichen Lebenslügen, die bei mancher Gelegenheit widerlegt waren, nichtsdestotrotz auch danach fortbestanden als wäre nichts geschehen. Der Vertrauens- und Sympathievorschuss, den man dem Freund des Freundes unwillkürlich zubilligte, hatte ja seinen guten Sinn, auch wenn er sich dann und wann als trügerisch erwies. Mit Facebook indes verwandelte sich die Formel zum Programmcode des Social Networks und mit ihm die Freundschaft selbst. Sie wurde zur Frage des Quantums, Freundschaft zum Kollektivsingular, denn wer einen Freund hat, der, so lernt der User, hat viele (zu haben). Und virtuell sind sie alle gleich. Der Nivellierung folgt die Inflationierung auf dem Fuße, mithin die Entwertung eines Begriffs, einer Tugend und einer Qualität, die für einen wie Aristoteles, erklärtermaßen ein Freund von Freunden der Weisheit, noch zu den unabdingbaren Grundlagen des „guten Lebens“ zählte. The medium is the friendship: Wer meint, dass die Freundschaft 2.0 auf die im sogenannten wirklichen Leben nicht ausgreift, hat vom medienwissenschaftlichen Diskurs der letzten fünfzig Jahre wenig mitbekommen. Interessant wäre allenfalls, wie sich die Freundschaft in Zeiten des Social networking verändert und zu was. Mag sein, dass Aristoteles‘ Frage nach den „wenigen“ Freunden und zuletzt nach dem einen, dem „guten“ Freund, dem man auf Gedeih und Verderb und über den Tod hinaus die Treue hält, alsbald auf stocktaube Ohren stößt.
Wem’s dabei unbehaglich wird, ist gewiss noch kein kulturkonservativer Muffelgrufti. Von Facebook und Co. sollen sich schon Leute (mühsam) abgemeldet haben, die auch digital bis drei zählen können. Das Buch „Freunde von Freunden“, das deren Konstitutions- und Marketingprinzip zum Titel erhebt, macht vorab jedenfalls einen ansprechenden Eindruck, auch wenn Überschrift und Aufmachung nicht gerade selbsterklärend sind. Entsprungen ist es einer seit Herbst 2009 präsenten und vom Designstudio NoMoreSleep gegründeten Website freundevonfreunden.com, die sich als Interview-Magazin der Kreativszene (nicht nur) Berlins versteht und dieser ein Forum der Selbstdarstellung bieten will. Und das ist es dann auch. In Text, Bild und Videoclip stellen sich Galeristen, Sammler, Künstler, Unternehmer, professionelle Kunstliebhaber unterschiedlicher Provenienz in ihrem privaten Umfeld vor – eben so, als wäre man bei einem Freund zu Gast.
Aber man ist es nicht. Zu gewollt wirken die lässigen Posen, zu aufgeräumt die Personen und ihr Interieur, zu aufgesetzt das vermeintlich Provisorische und Situative der Momentaufnahmen von Menschen in ihren eigenen vier Wänden. Selbst das vermeintlich wahllose Durcheinander eines Ateliers oder Arbeitszimmers wirkt artifiziell, arrangiert. Die Qualität der handwerklich zweifellos gekonnten Online-Clips spiegelt sich im Buch in der Hochwertigkeit der Ausstattung, dem routinierten Layout wie der Professionalität der Fotografien – verantwortet von Ailine Liefeld, Alex Flach, Philipp Langenheim, Dan Zoubek und Ramon Haindl. „Was erzählen diese Bilder?“, fragt Adriano Sack in seinem Vorwort. Und liefert die Antwort gleich hintan: „Man lernt hier, in dieser Hinsicht ist es ein ganz klassisches Coffee-Table-Book, den Stil einer gewissen gesellschaftlichen Schicht in den ersten Jahren des neuen Jahrtausends in Berlin kennen.“
Wenn man nur wüsste, welcher das sein soll. Wer in dem Buch blättert, sieht allerhand und erfährt über die jeweilig Porträtierten Interessantes, Anekdotisches, vielleicht Witziges. Aber über ein bloßes, beliebiges Who-is-Where kommt der Band nicht hinaus. Durch „Freunde von Freunden“, behauptet das Vorwort, werde „keiner reich oder berühmt“, Motor des Projekts sei ein „Lebensgefühl, das nonlinear funktioniert, das in Netzwerken denkt und nicht in Kosten-Nutzen-Rechnungen.“ Das schreibt sich leicht und liest sich flott – mehr aber auch nicht. Was sich hier präsentiert, ist das Hochglanz-Berlin im Hochglanzformat, das Berlin der Winner und solcher, die es werden wollen, indem sie sich mit den Winnern zu befreunden versuchen, sprich vernetzen. Und das kostet etwas, und verschafft einem, wenn’s klappt, „nützliche Freunde“. Allen sei dies von Herzen gegönnt. Aber es gibt auch ein anderes Berlin, das in diese Formate nicht passt und nicht passen will. Es ist schmutzig, es ist arm und aggressiv. Nicht immer, nicht unbedingt, aber meist ist es das interessantere Berlin. Man erkennt es auch daran, dass ihm die pausbackigen Phrasen ausgehen, die luftigen Slogans, das ganze aufgeblasene Geschwätz.
Freunde von Freunden (Hg.): „Freunde von Freunden – Berlin“, Distanz Verlag, Berlin 2011. 335 Seiten. ISBN 978-3-942405-40-9. EUR 39,90