Frank Lippold bei zanderkasten, Dresden

Anderswo lebendig

Astrid Mania
28. Januar 2009
Frank Lippold: „Sonnenflecken“, Galerie zanderkasten, Dresden. Vom 22. Januar bis 7. März 2009

Untrügliche Ratschläge für den Erfolg gibt es viele. Im Grunde aber laufen alle Empfehlungen auf zwei wesentliche und vollkommen widersprüchliche Strategien hinaus: Man tut, was alle tun. Oder man tut das Gegenteil. Schon John Maynard Keynes hatte erkannt, dass den meisten Menschen wohler dabei wäre, konventionell zu scheitern als unkonventionell recht zu haben. Übertragen auf den Galeriensektor und den Markt für zeitgenössische Kunst hieße das noch bis vor Kurzem, die Koffer zu packen und nach Berlin zu gehen. Neugründungen gehören in dieser Logik ohnehin auf den Wimmelmarktplatz an der Spree.

Mit der vorsichtigen Verteilung des geschäftlichen Risikos auf ein Stand- und ein Spielbein funktioniert der Markt aber auch in Dresden, und zwar durchaus beständig. Vorreiter war die Galerie Gebr. Lehmann, die seit Jahren ihrem sächsischen Standort die Treue hält und sich in Berlin nur einen Filialbetrieb leistet. Das ehemalige Büro für Kunst, seit 1999 aktiv, hat sich einen neuen Namen – Galerie Elly Brose-Eiermann – und ebenfalls eine Zweigstelle in Berlin zugelegt, wohin sich, an den Räumlichkeiten und Öffnungszeiten gemessen, wohl gegenwärtig der Schwerpunkt verlagert. Nun aber gibt es da noch die Galerie zanderkasten, die sich mutig im Oktober 2008 gründete und die ganz allein und ausschließlich in Dresden zu Hause ist. Es sei eine ganz bewusste Entscheidung für den Ort und eine lokale Szene gewesen, so die Betreiber Jens Heinrich Zander, seines Zeichens Architekt, und Holger Kasten Grauberg, Künstler, die schon seit über zehn Jahren in Dresden voneinander unabhängig als Ausstellungsmacher unterwegs sind. Nun haben sie sich zusammengetan und wollen den Kunstmarkt aufmischen. Niedergelassen hat sich die Galerie dafür in der Neustadt, wo auch ihre Kollegen heimisch sind, in einem superb umgebauten und sehr großzügig bemessen Hallenraum des Verwaltungstrakts eines ehemaligen Zollbahnhofs.

So wird Aufbruchsstimmung vermittelt. Ringsum herrscht die melancholische Atmosphäre, die solchen aufgelassenen und teils umgenutzten Arealen zu eigen ist – die Berliner Heidestraße lässt grüßen. Eröffnet haben die Neugaleristen mit einer Gruppenausstellung. Aktuell zeigen sie nun den bei Dresden lebenden Frank Lippold, der neben dem ebenfalls dort verwurzelten Wolfram Neumann bislang das Galerieprogramm bestreitet. Man wolle es langsam angehen. Für das laufende Jahr sind weitere kuratierte Schauen geplant, ob daraus auch Positionen für die Galerie rekrutiert werden, bleibt abzuwarten. Ganz offenkundig jedoch gilt das Augenmerk den heimischen Künstlern.

Lippolds Ausstellung präsentiert sich auf den ersten Blick wie die Zusammenstellung zweier gänzlich verschiedener Künstlerpersönlichkeiten. Da sind auf der einen Seite die handwerklich beeindruckenden und farblich so ganz zurückgenommenen „Holzschnitte“ mit ihren Landschaftsdarstellungen, auf der anderen kleiner- und unregelmäßigformatige Gemälde, mit einer kitschgrenzwertigen Palette, Portraits und seltsam symbolisch daherkommenden Sujets. Die Holzschnitte sind das bekanntere Medium Lippolds, vielleicht auch, weil es im Dresdner Raum mit älteren Künstlern wie Werner Wittig Vorläufer in diesem für die Zeitgenossen eher ungewöhnlichen Medium gibt. Lippold arbeitet mit billigen Sperrholzplatten, deren Oberfläche er schwarz einfärbt, um so mit seinen Einkerbungen und Einschnitten jenes düstere Kolorit zu erreichen, das an Sepia-getönte historische Fotografien denken lässt. Seine weitgehend naturalistisch anmutenden Landschaften entstehen vor Ort. Lippold parodiert schon fast das Prinzip der Plein-Air-Malerei, wenn er anstelle einer Staffelei mit Leinwand seine rund ein Meter mal zwei Meter großen Platten auf den Erdboden legt, um das Gesehene ins Holz zu übertragen. Gelegentlich tauchen irritierende Momente im Bild auf – so schieben sich geometrisch aufgebrochene schwarze Flächenfelder in die Landschaft, etwa bei Senkrechter Lichteinfall (2006/2007), und Schloss Gauernitz wird zu einem Piranesi-artigen architektonischen Capriccio und hebt sich schauerlich-düster vor einem tiefschwarzen Hintergrund ab, gesehen durch das zarte Raster eines Bauzauns (Gauernitz, 2007). Diese Arbeiten strotzen nur so vor romantischen Versatzstücken, mit ihren Ruinen, ihrer dramatischen Himmelsgestaltung, ihrer Vorliebe für die repräsentative Herrschafts- und Burgarchitektur. Demgegenüber stehen Ansichten vollkommen banaler Landschaften, die sich durch Spuren des Technischen eindeutig im Zeitgenössischen verorten lassen.

Das Austarieren von profanem Material und ans Erhabene rührendem Sujet, das Spiel mit kunsthistorischen Verweisen und zunächst kaum merklichen Irritationen prägt auch die Malereien, die eindeutig übers Ziel hinausschießen. Geschwister etwa (alle Gemälde 2008) kommt bedeutungsschwer als Allegorie auf Leben und Tod daher, wenn es einen von Fliegen umschwirrten Totenschädel, der zudem eine Zahnspange trägt, mit einem merkwürdig zu Boden stürzenden Säugling kombiniert. Hier gerät die angestrebte Spannung zwischen trivialem Material, poppiger Farbgebung und existentiellem Thema zur Groteske, ebenso wie auf dem Tondo Putti, wo zwei geflügelte Wesen von einem Frauengesicht beäugt werden. Hält man sich vor Augen, wie etwa die Putti der Dresdner Sixtinischen Madonna auf Tassen, Tüten und Platzdeckchen totverkitscht wurden, scheint es müßig, in der Kunst wiederholen zu wollen, was in der profanen Wirklichkeit längst geschehen ist. Oder will Lippold historische Kategorien in die Gegenwart retten? Was aber, um Himmels willen, könnte eine Aktualisierung religiös angehauchter Sujets im Kontext der aktuellen Kunst leisten?

Lippold scheint ein Nostalgiker, von dem Drang beherrscht, sich mit Gewalt einen zeitgenössischen Anstrich geben zu wollen. Das prototyptische historische Vorbild – sei es die Landschaft, das Portrait oder die Allegorie – zwingt er mit Ironie und kleinen Störungsmomenten in die Aktualität hinüber, die vielleicht schon aus dem Grunde nicht erreicht werden kann, weil die Sujets nicht tot, sondern anderswo ganz lebendig sind. Nicht in der Kunst allerdings, sondern im Film oder in den vielen Zweigen der Nostalgieindustrie. Kunst, die dorthin auswildern will, sollte wenigstens die Gesetze der neuen, volkstümlichen Umgebung kennen. Blind und taub stellen darf sie sich aber nicht.


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