14. November 2007
Florian Dombois/Guy Krneta (Hg.): Nah am Original. Fünf Autoren antworten auf Albert Einstein 1905. Mit Beiträgen von Ilma Rakusa, Michael Schindhelm, Jürgen Theobaldy, Sabine Wen-Ching Wang, Peter Weber und einem Nachwort von Diethmar Dath. Velag Urs Engler Editor Basel/Weil am Rhein, 2007. 168 Seiten. 17 Euro.Es gibt unzählige Bilderwitze über den naiven Betrachter „moderner Kunst“. In ihnen verirrt sich ein bildungsferner Besucher in den zeitgenössischen Ausstellungsbetrieb und entlarvt unabsichtlich die Scharlatanerie der Kunstproduktion, weil er in all den absonderlichen Objekten Banalität, aber keine Kunstwerke zu erkennen vermag. Dabei wäre es höchste Zeit für eine Revision dieser humoristischen Konstellation. In künftigen Cartoons könnte ein bildender Künstler auftreten, der in aller Naivität auf die Bedeutsamkeit seiner Kunstwerke vertraut. Er würde unbeirrt glauben, er könne die analytische Chemie verstehen, indem er die Farben und Formen ihrer Laborapparate kopiert. Während nämlich die Figuren aus den alten Bilderwitzen längst auf Studienfahrt zur nächsten Biennale sind, produziert der Kunstbetrieb unverdrossen neue Science-Fiction-Surrogate aus den Fragmenten naturwissenschaftlicher Wissensproduktion.
In ihren interdisziplinären Projekten spricht die Kunst häufig Formeln nach, die so voraussetzungsreich sind, dass sie nur an ihren Oberflächen schabt - und bemerkt dabei nicht einmal, dass ein Teil ihres aktuellen Mangels an Relevanz aus einem Mangel an verarbeitetem Wissen entsteht. Das zentrale Problem des neuen Liebesverhältnisses zwischen Wissenschaft und Kunst ist schon lang nicht mehr die ästhetische Borniertheit eines unverständigen Endkonsumenten, sondern die Lernschwäche der vielleicht allzu sehr das Verständnis erleichternden Gegenwartskunst. Wenn Künstler aber Einstein sowieso nicht verstehen – was lernen dann Physiker aus der Kunst?
Man könnte ein jüngst in der Schweiz erschienenes Buch für ein ironisches Experiment über diesen blinden Fleck der ästhetischen Zünfte halten. In ihm schreiben ein Theaterintendant, ein Journalist und fünf Schriftsteller und Schriftstellerinnen über fünf bahnbrechende Schriften Albert Einsteins. Sie antworten mit ihren eigenen sprachlichen Mitteln auf die Grundlegung der späteren Relativitätstheorie. Was vierzig Jahre später in der eleganten Formel E=mc² zusammengefasst werden wird und in dieser Formulierung eine Medienkarriere als wissenschaftlicher Mythos machen wird, entwickelt Einstein 1905 aus einer Folge kompakter Exkurse, die eine Reihe grundlegender Einzelprobleme besprechen. Seine Texte sollen ihr Fachpublikum zum Aufbruch verführen. Sie suggerieren die große Epochenumwälzung eher als dass sie bereits die Lösung aussprechen. Wer aber der Beweisführung in den „Annalen der Physik“ folgen kann und ihr nicht zu widersprechen vermag, sieht sich durch diese Publikation damals zu einer einschneidenden, das 20. Jahrhundert beherrschenden Perspektivkorrektur gezwungen.
In ihrer Anthologie „Nah am Original“ legen Florian Dombois, Leiter des Instituts Y an der Hochschule der Künste Bern, und Guy Krneta, Dramatiker und Dramaturg in Basel, Einsteins Texte in der historischen Urfassung vor. Auf jedes der faksimilierten Originale folgt dann sogleich die wissenschaftsferne zeitgenössische Reaktion. Unter der informellen Schirmherrschaft eines in der Schweiz nicht unumstrittenen transdisziplinären Kunstinstituts findet hier ein Crashtest der Wissenschaftsaneignung statt. Epiker und Lyrikerin, Dramaturg und Feuilletonist machen sich einen Reim auf etwas, das sich nach allgemeiner Auffassung nicht reimen lässt. Sie bilden nicht Einstein ab, fotografieren nicht seine Wohnstatt in Bern oder kopieren die Typografie des Zeitschriftenumschlags, in dem seine Erstlingswerke heute in den Archiven verstauben. Die Laien aus dem weltumspannenden, weltunterhaltenden Ästhetikgewerbe üben sich im Close Reading eines sonst der Fachwelt vorbehaltenen Monuments.
Dombois, der an seiner Akademie Künstler mit Sozial- und Naturwissenschaft experimentieren lässt, vergleicht Einsteins Texte mit fast schön bösartigem Hintersinn mit der Mona Lisa im Louvre, einem sich seiner völligen Entschlüsselung widersetzenden Original, das zur Ikone und zum Materialvorrat der Kunstgeschichte geworden ist. Vordergründig lädt er seine Co-Autoren so zur „Analyse textlicher Nachbarschaften“ ein und bietet die Eröffnung einer „Sprachwerkstatt“ an. Tatsächlich aber ist sein Buch ein Modellexperiment, das sich Dombois eigener künstlerisch-akademischer Arbeit entlehnt und die Nagelprobe darauf wagt, was mit der Wissenschaft geschieht, wenn die Kunst sich beim ureigensten Sinn wissenschaftlicher Worte, Buchstaben, Formeln, also ihrer grundlegendsten Quellen als einem Steinbruch bedient.
Damit wird das überraschend vergnügliche, einladende und in seinen Faksimile-Teilen geradezu bibliophile Buch zu einem Exempel, einem undeklarierten Labortest auf die Stichhaltigkeit der künstlerischen Wissenschaftsaneignung. In unterschiedlicher Methodik und Qualität – eingeschlossen ein paar kleinere Fehlgriffe, die aus übermäßigem Pathos oder Flucht vor dem Gegenstand entstehen – lehnt sich die künstlerische Appropriation Zentimeter für Zentimeter den Bedeutungsschichten der Vorlage an. Dabei erweist sich, dass wissenschaftliche Vorerfahrungen einzelner Autoren schon deshalb unverzichtbar sind, weil der Leser sonst im radikalen Subjektivismus der Aneignungsmethoden den Faden verlöre. Zugleich aber spiegelt sich auch in den wissenschaftsferneren Annäherungsversuchen eine eigene, im Wissenschaftsbetrieb ausgeblendete Parallelrealität naturwissenschaftlich-mathematischer Sprache wieder.
Was auf diesem Weg verloren geht und was gewonnen wird, ist schwer zu entscheiden. In diesem Buch aber wird nicht nur beschreibbar, sondern erlebbar, wie die ästhetische Aneignung fremder Territorien funktioniert. Die Leser dieser abenteuerlichen Exkursion erleben das Wagnis Forschung als sportlichen Aufstieg und als sprachtrunkenen Reisebericht mit. Sie bekommen die Literatur als notwendiges Gegenbild vorgeführt, die gar nicht erst versucht, ihre Defizite gegenüber der argumentativen Kraft und Eleganz zu verstecken. Die „Kunst und Wissenschaft“-Konjunktur der letzten Jahrzehnte ist auch eine Geschichte der vernachlässigten „Betrachtung vor Originalen“, einst ein fester Topos der Kunstgeschichte, der – so suggeriert dieses Buch mokant – eine gute Grundlage für eine ernsthaftere Methodologie interdisziplinärer Kunstprojekte wäre.