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Figurations of Knowledge – Kunst und Wissenschaft

Der Ballhausschwur von St. Elisabeth

Gerrit Gohlke
30. Juni 2008
Wer Anfang Juni direkt aus Basel, von der einflussreichsten Kunstmesse der Welt, nach Berlin-Mitte in die äußerlich unscheinbare Villa Elisabeth gereist wäre, hätte an eine Verschwörung denken können: Ein kleiner Kreis von Eingeweihten, die meisten geladene Gäste, hatten sich in einem gründerzeitlichen Gemeindesaal aus dem Beginn des 20. Jahrhunderts zusammengefunden, umgeben von einer Ausstellung, die ziemlich genau das Gegenteil des strahlend ausgeleuchteten Parcours der Art Basel war. Neun Arbeiten auf dreihundert Quadratmetern historischem Parkett und einer von ornamentbeladenen Balustraden gesäumten Galerie waren in voller Absicht wie Exempel einer akademischen Lehrvorführung aufgebaut worden. Hier wurde ein wissenschaftliches Argument dekliniert, statt die Verführungstechniken der Ausstellungsarchitektur auszureizen. Und mitten zwischen Vitrinen, Monitoren und einer rollbaren Audioinstallation saßen die Konferenzteilnehmer wie verspätete Gäste eines bereits zu Ende gegangen Balls.

Was da unter dem protestantischen Dach der Sophiengemeinde und unter dem Schirm der Society for Literature, Science and the Arts (SLSA) ausgestellt und besprochen wurde, war aber keineswegs ein Thema für die Ausgestoßenen des Marktes für zeitgenössische Kunst. Berlin erlebte in der Villa Elisabeth eine der seltenen ernstzunehmenden Manifestationen eines neuen Gegenkunstmarkts, der sich seit einigen Jahren von der traditionellen öffentlichen Kultur abzuspalten beginnt und der mit seinen Anwendungslösungen inzwischen direkt auf das abgeschirmte Territorium des offiziellen wissenschaftlichen Diskurses vordringt – wo tatsächlich bereits verkaufsfähige Produkte zirkulieren.

Deshalb hatte Florian Dombois, Leiter des „Y“-Instituts für Transdisziplinarität an der Berner Hochschule der Künste und künstlerischer Organisator der Berliner Ausstellung, sich nicht auf das übliche Ausstellungsangebot mit angeschlossenen Podiumsgesprächen beschränkt, sondern in Kooperation mit dem Berliner Zentrum für Literatur- und Kulturforschung (ZfL) einen Gegenentwurf zum künstlerischen Standardgeschäft vorgelegt. Selbst in der Ausstellung vertreten, hatte er unter der Überschrift „Art as Research“ eine Reihe von Künstlerinnen und Künstlern zu einem eigenen „Program Stream“ geladen – die Kunst also gezwungen, sich im Rahmen und mit den Mitteln einer wissenschaftlichen Tagungsdiskussion fachübergreifend mit ihren Projekten vorzustellen. Der größere Teil der Ausstellung bestand mithin nicht aus materiell herbeigeschafften Artefakten, sondern aus einer über ein gutes Dutzend Vorträge verteilten künstlerischen Methodendiskussion. Die künstlerischen Teilnehmer, darunter beispielsweise Hannes Rickli aus Zürich, Ilze Bebris und Ingrid Koenig aus Vancouver, Miya Yoshida und Heidi Sill aus Berlin, die Future Reflections Research Group aus London und Mika Elo aus Helsinki konnten sich nicht auf ihren Status als Kreative mit der Lizenz zur Science Fiction berufen, sondern folgten den Sprachregeln der rationalisierten, hochgradig produktorientierten und keineswegs paradiesischen Forschungswelt – einschließlich Power-Point-Präsentationen, Thesenzuspitzungen und der Verteidigung des Forschungsansatzes gegen die Skepsis höflich zweifelnder Kollegen.

Das war keineswegs als Abenteuerurlaub in der Papier produzierenden Wissenschaftsszene gemeint. Nicht nur war der „Program Stream 11“ zur bildenden Kunst gleichwertiger Teil innerhalb eines einwöchigen Großprogramms zur „Figuration des Wissens“, in dem von Phantombildern bis zur Hirnforschung, von Medientechnologien bis zu linguistischen Analysen der Wissenschaftssprache ein repräsentativer Ausschnitt der aktuellen Wissensproduktion analysiert werden sollte. Vor allem hatte Dombois ein Projekt seiner eigenen Forschungsgruppe in den Reigen der Präsentationen gehievt und präsentierte mit Claudia MareisY-Research for understanding management in hospitals, eine interdisziplinäre Studie zur Kommunikation in Krankenhäusern, in der mit empirischen und zugleich grafisch-gestalterischen Mitteln, angereichert um ein Gran Anarchie aus dem unerschöpflichen Vorrat der freien Kunst, eine Art Friedensmission in den  Grabenkämpfen des administrativen und heilkundlichen Klinikpersonals geleistet werden sollte.

Dombois und sein Team sind szeneweit als die hoch reflektierten Dr. Fausts des florierenden „Art & Science“-Betriebs bekannt. Sie bieten ihre Kunst (parallel zu autonomeren Projekten) in interdisziplinären Handreichungen als Anwendungsprodukt institutionellen Auftraggebern an und riskieren so bewusst wachsende, irgendwann vielleicht auch nicht mehr zu domestizierende Begehrlichkeiten einer die Kunst vernutzenden Kulturpolitik. Ihr wissenschaftsnaher Forschungsbegriff hatte in Berlin von vornherein die Leitfragen formuliert. Und so war in der Villa Elisabeth zwar auch eine suggestive Ausstellung zu sehen, in der ohne großen Überbau, ohne voluminösen Etat und ohne aufwändiges Ausstellungsdesign die verschiedenen Facetten einer künstlerischen Forschungsauseinandersetzung zu sehen waren. In ihr fiel neben Christoph Kellers brillantem, halbsatirischem Methodentheater zur Hypnose vor allem George Steinmanns eindrucksvolles Projekt Suchraum Wildnis auf, eine hintersinnige Alternative zur traditionellen Erforschung von Kultur- und Wildheitsbegriffen. Wichtiger war aber die heimliche Problemstellung, die den ausgestellten Arbeiten unterlegt worden war, nämlich die Frage, wie viel methodische Eigenheit sich eine Kunst bewahren kann oder darf, wenn sie sich den „Fachkollegen“ der anderen, der wissenschaftlichen Seite verständlich machen will – und wie sehr dieses Wirken und Verstandenwerdenwollen zur Doppelbelastung wird, wenn einerseits die eigene künstlerische Freiheit zur Disposition gestellt wird, damit andererseits aber noch immer nicht zwingend den Ansprüchen der etablierten Forschung Genüge getan wird.

Die Quintessenz der Debatten in dieser Kunstsektion – in der es Sternstunden gab, etwa als Michael Schwab in seiner Präsentation die Rolle des Künstlers gegen die des theoretischen Forschers tauschte und beiläufig eine methodische, verbale Alternative zu seiner eigenen künstlerischen Arbeit demonstrierte – war angesichts des starren Korsetts einer wissenschaftlichen Tagung beinahe unerwartet. Der zögernd einsetzende Dialog zwischen den Künstlern und Wissenschaftlern, die ungewohnte Öffnung der Kunst unter dem Vorzeichen methodischer Vergleichsfragestellungen wurde nämlich nicht als technokratisches Diktat, sondern als evolutionäre Chance für eine selbstbewusste Kunst erkennbar, denn tatsächlich krankt der neue Sektor einer bildenden Wissenskunst an nichts mehr als an seiner Unverbindlichkeit. Kuratoren operieren mit ungeklärten Wissenschaftsbegriffen. Künstler romantisieren die Forschung. Ausstellungsinstitutionen scheuen den Kontakt und den Widerspruch der Wissenschaft. Zuweilen wird in dieser Branche auch umgekehrt haltlose grenzwissenschaftliche Alchemie ohne Qualitätsnachweis mit dem Etikett Kunst nobilitiert.

Generell, das hätte jeder in die Villa Elisabeth versetzte Kunstmessereisende bestätigen können, leidet der Kunstbetrieb an seiner Kriterienlosigkeit. Die Kritik kann nicht sagen, was gut ist. Mancher Sammler kauft, was ihm bloß teuer genug erscheint. Zugleich vergessen Museen immer öfter das Gebot kunsthistorischer Distanz. Unter diesen Umständen hatte Dombois, beraten durch Bergit Arends vom British Museum und durch Sabine Flach vom ZfL, überdies kuratorisch unterstützt von Ellen Blumenstein, eine Gelehrtenrepublik der Künstler simuliert. Die wehrten sich sogleich mit aller Heftigkeit gegen das Ansinnen, bei künftigen Tagungen dieser Art als exotische Beigabe auf die Panels der Forscher versetzt zu werden. Die Künstler wussten es genauer als alle Kunsthistoriker und Kuratoren und vollzogen als erste die Lehre der Konferenz. Wenn einer tatsächlich forschenden Kunst die methodischen Grundsatzdiskussionen, die Festsetzung operativer und ethischer Standards noch bevorstehen, sei es Zeit, eine ihrer eigenen Widersprüche bewusste „Scientific Community“ zu gründen.

Auf einem Gebiet, in dem sich jeder Projektraumleiter als Inhaber eines Forschungslabors geriert, scheint es, als habe man noch nicht einmal angefangen, die Kunst ernst und beim Wort zu nehmen. Die ersten Wissenschaftler wollten Dombois zarten Versuch im Abschlusspanel gleich wieder beenden und mit ihrem eigenen Betrieb fusionieren. Der zarte Fingerzeig der Berliner Konferenz wies aber in die gegenteilige Richtung und formulierte einen entschiedenen Bedarf nach Abgrenzungen. Wie argwöhnisch man einer sich selbst als Forschung verfassenden Kunst auch immer gegenübertreten mag – sie wird sich als Alternative zum alles beherrschenden Produktmarkt Kunst und als Gegenentwurf zu anderen Formen öffentlicher Kunst als Transdisziplin aus eigenem Recht etablieren müssen. Eine autonomere Kunst „über Forschung“ mag sich von dieser „Kunst als Forschung“ mit guten Gründen fernhalten wollen. Die forschende Kunst aber ist ein Testfall für die Ästhetik unserer Expertengesellschaft und sollte sich, wie in Berlin, in ihrer eigenen Sprache über Standards verständigen. Auch wenn das in der Villa Elisabeth niemand so ganz scharf formulieren wollte: Der kleine, junge Forschungsbetrieb der Kunst muss endlich beginnen, sich gegen ungebührliche Ansprüche kulturbürokratischer Dompteure und kunstferner Wissensfunktionäre zu verteidigen. Sonst wird er zu dem, was viele jetzt schon in ihm sehen: ein dekoratives Feigenblatt für eine an Legitimationsnöten leidende Wissensgesellschaft.

“Figurations of Knowledge” - 5th Biannual European Conference of the SLSA. Zu Gast beim Zentrum für Literatur- und Kulturforschung (ZfL). 2. Bis 7. Juni 2008, Berlin. Organisiert von Sabine Flach, Uta Kornmeier, Stefan Willer. Leitung der künstlerischen Sektion: Florian Dombois.


Das Versmaß der Forschung von Gerrit Gohlke
Eine kleine Publikation nimmt Interdisziplinarität wörtlich und liefert Einstein einem ästhetischen Laborexperiment aus.


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