„Fifty Fifty“ im Wien Museum

Eine schöne Bescherung

Sabine B. Vogel
28. Mai 2009
„Fifty Fifty. Kunst im Dialog mit den 50er Jahren.“ Mit Marc Adrian, Monica Bonvicini, Oliver Croy/Oliver Elser, Igor Eškinja, Werner Feiersinger, Andreas Fogarasi, Isa Genzken, Lukasz Gorczyca, Szymon Kobylarz, Jakob Kolding, Pia Lanzinger, Dorit Margreiter, Christian Philipp Müller, Roman Ondák, Gerwald Rockenschaub, Hans Schabus, Margherita Spiluttini, Lorenz Straßl, Gerold Tagwerker, Sofie Thorsen, Adrien Tirtiaux, Heimo Zobernig  – Wien Museum. Vom 13. Mai bis 11. Oktober 2009

Roman Ondák bringt es auf den Punkt. Mit einem kleinen Eingriff entlarvt er das Museum als Spiegel der Stadtpolitik, indem er die Buchstaben „Wien Museum“ auf dem Flachdach der Institution nur minimal verändert. Nun steht dort: „Ein Museum“. Ein Hort für die zeitgenössische Kunst war es immer schon. Und auch zu Kontroversen und Diskussionen hat es häufiger Anlass gegeben, das heute als Wien Museum bekannte Haus. Das war auch beim Wettbewerb um seinen Neubau so. Viele der Entwürfe glichen „Bahnhofshallen oder Gebäuden, die für Messebesuche bestimmt sind“, schrieb die Jury 1953 zu den 103 Einreichungen für die Errichtung des Historischen Museums der Stadt Wien. Kein einziger Entwurf erhielt den ersten Preis und schon wurde diskutiert, ob Johann Bernhard Fischer von Erlachs prächtige Karlskirche vielleicht konkurrenzlos den Karlsplatz beherrschen solle. Schlussendlich wurde der Wiener Architekt Oswald Haerdtl, Schüler von Josef Hoffmann und Spezialist für Ausstellungsbauten, mit der Aufgabe betraut.

1959 endlich eröffnet, feiert dieser lang ungeliebte „Zweckbau in Marmor“ dieses Jahr einen runden Geburtstag. Mittlerweile ist die Institution in „Wien Museum“ umbenannt, um die breitgefächerte Sammlung nicht per Namen unnötig einzugrenzen. Denn gesammelt wird in diesem 1887 gegründeten und anfangs im Rathaus untergebrachten Museum nicht nur alles rund um die Besiedlungsgeschichte der Stadt Wien, sondern immer auch moderne Kunst. Die Ankäufe stützten gezielt sowohl die Kunst um die Jahrhundertwende von Gustav Klimt bis zur Wiener Werkstätte, als auch in den 1950er-Jahren ganz massiv den Phantastischen Realismus – die Wiener Politiker hatten schon früh die Kunst als perfektes Branding-Produkt für die Hauptstadt der Alpenrepublik entdeckt. Da ist es also konsequent, dass dieser Geburtstag jetzt auch mit und mittels zeitgenössischen Künstlern gefeiert wird.

Für „Fifty Fifty“ entwarfen zehn der 21 Eingeladenen spezifische Beiträge für das Haus, zu denen auch Ondáks Intervention zählt. Entstanden ist so eine Ausstellung, die nicht einfach einen Geburtstag ins Presselicht rückt, sondern die einzelnen Winkel des Hauses beleuchtet. Haerdtl hatte in der Tradition der Wiener Werkstätten stehend damals nicht nur den Bau, sondern auch die Handläufe und das Kassahäuschen, den Linoleumboden, die Möbel im Direktorenzimmer und die Depotschränke entworfen. Auf viele dieser Details beziehen sich jetzt die Künstler, beginnend im Außenraum als Sensibilisierung für Form und Material, wenn Werner Feiersinger etwa das Treppenhausgeländer als überdimensional große Skulptur vor den Eingang montiert und Andreas Fogarasieine Marmorplatte als Raute in den Weg stellt – aus dem Marmor, den Haerdtl für das Museumsfoyer verwendete.

Immer wieder setzen sich die Künstler mit der Architektur und ihrer Zeit auseinander, banal wie Hans Schabus, der einen (ausgestopften) Kanarienvogel als angeblich typisches Haustier der 50er-Jahre hoch oben auf eine Stange setzt. Oder als präzise Umformung wie Heimo Zobernig. Er holt das originale Kassahäuschen aus dem Depot hervor und knallt der eleganten Kabine einen weißen Sockel auf das Dach – eine Verdoppelung des Volumens, eine Verwirrung der Musealisierung, eine brachiale Koppelung mit der zentralen Präsentationsidee der Moderne, dem „White Cube“ – eine fast wortwörtliche Überstülpung. Einen ähnlich radikalen Eingriff nimmt auch Adrien Tirtiaux vor, wenn er die eingebaute Wand hinter dem Modell der historischen Stadt wie ein Stück Papier umklappt und dahinter die Aussicht als Der Himmel über Wien freilegt: Die großen Fenster waren ehemals ein wichtiger Bestandteil von Haertls Architektur; die Verbindung zwischen Modell und Aussicht lässt die Diskrepanz zwischen der Historie und dem Heute noch größer werden. Gerwald Rockenschaub färbt im Stiegenhaus die Wand hinter dem historischen, goldenen Adler knallgrün, und Jakob Kolding präsentiert uns seine Collagen aus Archiv-Bildern des Museums im ursprünglich erhaltenen 50er-Jahre-Direktorenzimmer: eine Kombination, in der er unter dem Titel Erinnerungen an die Zukunft auch die Herrschaftsstrukturen und -ansprüche in der Ausstattung dieses Raums thematisiert.

Igor Eškinjas Bodenarbeit aus Staub, ein Ornament in Form eines Teppichs, spricht über Vergänglichkeit und Schönheit, aber auch über den Stellenwert von angewandter Kunst und von Ornamenten im kulturgeschichtlichen Zusammenhang; Christian Philipp Müller platziert seine Family of Austrians inmitten der aristokratischen Sammlung „Wien 1500 – 1815“: Müllers historische Fotografien eines ländlichen und vormodernen Landes bilden einen deutlichen Kontrast zum pompösen Lebensstil, den die umgebenden Exponate repräsentieren. Die Fotografien sind nicht für das Wien Museum entstanden, sondern waren von 1955 bis 1964 im Rahmen einer vom „United States Information Service“ organisierten Schau mit über 500 Fotografien in 38 Ländern ausgestellt. Müllers sieben Fotografien repräsentierten damals Österreich – das Aristokratie-orientierte Eigenbild rundum und das temporäre Fremdbild könnten weiter kaum auseinanderliegen.

Nahtlos, und das ist das Gute an diesem Projekt, fügt sich kein einziger Beitrag in dieses kulturgeschichtliche Museum ein. Statt affirmativer Dekoration liefern die Künstler Momente kritischer Unterbrechungen. Verstreut zwischen Sammlungsobjekten, im hohen Innenhof oder im Foyer – jede Arbeit stellt die umgebenden Ausstellungsstücke infrage. Denn die Beiträge thematisieren nicht nur überzeugend die Ästhetik der 1950er-Jahre, die konkrete Architektur, sondern auch die heterogene Sammlung des Wien Museums. Die man nun mit ganz neuen Augen sieht. So hat sich das Museum tatsächlich ein Geschenk zum Geburtstag gemacht. Und den Besuchern auch.


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