Felix Schramm, „Soft Corrosion“

Quick and Dirty

Thomas W. Eller
3. August 2006
„Quick und dirty!“ ist eine neue Reihe von Kommentaren und kritischen Stellungnahmen zu Ausstellungen und weiteren Kunstanstrengungen. Die Texte beanspruchen weder eine gerechte noch ausgewogene Behandlung ihres Gegenstandes, sondern bieten die schlaglichtartige Beleuchtung auffälliger Aspekte durch artnet Autoren und Autorinnen.

Derivative Kunst lässt sich am Einfachsten mit maximaler kunsthistorischer Aufladung versehen. Was man so ähnlich schon einmal gesehen hat, kann schnell an die Energiequellen bekannter Kunst angedockt und mit einer schönen Infusion an Bedeutung versehen werden. Ist das bei der Ausstellung „Soft Corrosion“ von Felix Schramm im Hamburger Bahnhof der Fall? – Ja.

Das ist aber nicht weiter schlimm, weil in der statistischen Verteilung circa 80 Prozent aller Ausstellungen diesem „OK-Kunst-Bereich“ zugeordnet werden können. Im Kontext von Museum, Architektur und Kunst ist die Ausstellung von Schramm insgesamt eine fast saubere Lösung.

Lassen wir die von den meisten Besuchern als inflationär kritisierte Verwendung der „exzentrischen“ Schallplattenspieler-Skulpturen hier beiseite, die ein zu einfaches Totschlag-Argument für diese sehenswerte Ausstellung wäre.

Die Großskulptur ist extrem ambitioniert und imponiert dem Autor. Jens Hinrichsen hat in seiner Review genug Theorie aufgefahren, die hier nicht wiederholt werden muss. Höchstens die Frage nach der intrinsischen, künstlerischen Motivation sei hier gestellt: Es erscheint so, als hätten Smithson und Clark nach gänzlich neuen Kunstbegriffen gesucht, während der Künstler von „Soft Corrosion“ offenbar einfach nur Kunst machen will.

Wie dem auch sei. Schauen wir auf die Durchführung: Bei einigen Detaillösungen schummelt sich Schramm eindeutig durch. Die Grenze des Fußbodenbelags im hinteren Teil der Ausstellungshalle ist hochgradig arbiträr. Man hat das Gefühl, als sei dem Museum oder dem Stifter des Preises hier das Geld ausgegangen.

Die schon zitierte Fototapete ist hauptsächlich dekorativ und unterhaltend gemeint und trägt bestenfalls zur Verunklärung des „Gordon-Matta-Clark“- Aspekts der Arbeit bei, gleich dem Motto: „Da schaut her – dies ist keine abstrahierte Original-Architektur, sondern eine originelle Abstrakt-Architektur“. Die einzige funktionale Bedeutung, die ihr zugeschrieben werden kann, ist die visuelle Verbindung der schon nach außen durchgebrochenen Architekturteile mit deren Fortsetzung, die erst sichtbar wird, wenn man um die Museumseinbauten herumgelaufen ist.

Damit ist diese Arbeit nicht wirklich klar genug, um in der Kunst ein neues Kapitel über das alte Problem „Museum-Architektur-Skulptur“ schreiben zu können. Mit anderen Worten: diesem Feld fügt der Künstler nur minimal neue, eigene Ideen hinzu, indem er das Ganze mit netten Details popularisiert. Das reicht gerade dazu, einen Preis vom Saubermann zu bekommen.

Apropos: Warum ist „Müll-Kunst-Produktion“ so populär? Die (westliche) Welt ist wahnsinnig sauber geworden und der Industriestandard derart perfekt, dass Künstler damit gar nicht mehr konkurrieren können und ihren angestammten Platz der fast übermenschlichen Verfeinerung schon längst freiwillig geräumt haben.


Reiner Wucher von Jens Hinrichsen
Der diesjährige Piepenbrock-Förderpreisträger Felix Schramm verbreitet Angst und Lust im Hamburger Bahnhof in Berlin.


Weitere Artikel von Thomas W. Eller


Feedback abgebenFeedback abgeben
Artikel druckenArtikel drucken