Felix Schramm in der Galerie Sfeir-Semler in Hamburg

Neutralität der Verrückung

Daniel Kletke
25. Februar 2008
"Felix Schramm", Galerie Sfeir-Semler, Hamburg, vom 25. Januar bis zum 29. März 2008.

Wer jemals die Räume der Galerie Sfeir-Semler in Hamburg betrat, wird bei der derzeitigen Schau von Felix Schramm (* 1970 in Hamburg) kurzfristig irritiert sein, denn der Künstler hat sich den Ort angeeignet und ihn sichtlich verändert: Mittels einer temporär eingezogenen Rigipswand im hinteren Bereich greift Schramm in das bekannte Raumgefüge ein. Und durch die Wand ragt wie ein Donnerschlag eine raumfüllende Installation – gebaut aus Rigips, Pappe und weiteren unterschiedlichen Materialien (die Arbeit ist ortsspezifisch, also in der Größe variabel; Kostenpunkt: € 30.000).

„Assoziieren Sie frei,“ heißt es einmal in einem Gedicht von Peter Rühmkorf, und so dauert es nicht lange, bis man an den schratig-ungehobelten Oberflächen den Einfluss einer Düsseldorfer Akademie-Schulung zu erkennen meint, und was noch zuerst an Imi Knoebel gemahnt, entpuppt sich bei einem Blick in die Biographie dann als Werk eines Meisterschülers von Iannis Kounellis. Dabei geht es hier keinesfalls um ein unreflektiertes Epigonentum, sondern um so etwas wie akademischen „Stallgeruch“, der sich aufgrund der verwendeten Materialkonstellationen und der Formwahl fraglos auch bei den späteren Arbeiten eines Künstlers wie Frank Stella nachzeichnen ließe und der bei Schramm durch die frappierende Intervention in den White Cube des Galerieraumes konterkariert wird.

Abermals also durchschlägt eine Explosion die vergipsten Galerie-Oberflächen, wie schon im Sommer 2006, als Felix Schramm den Piepenbrock-Förderpreis erhielt und den Werkraum des Hamburger Bahnhofs in ein Labyrinth berstender Ebenen verwandelte. Ist das Kontinuität? Ist es Wiederholung? Wie eine Exegese oder eine Gebrauchsanweisung lesen sich die Papiercollagen (Kostenpunkt zwischen €2.200 und 2.800) und kleinen Mixed-Media- Installationen (genannt Skulptur Modelle, etwa € 7.500 pro Objekt), an denen die konzeptuellen Grundlagen der Vorgehensweise ablesbar werden. In den Collagen mit fotografischen Elementen stellen Formen im Raum das uns scheinbar selbstverständliche Raumgefüge in Frage. Schramm versieht unsere Annahme der Zentralperspektive mit einem heftigen Frage- beziehungsweise Ausrufezeichen. In den kleinformatigen Installationen auf Holzsockeln geht es dann zu wie in Bühnenbildmodellen, hier spürt der Künstler architektonischen Formen im Raum nach, mischt diese dann mit einer Art von Kreativdynamit an und bewirkt eine komplette Neubewertung der Örtlichkeit, indem nach Einschlag des Kunstwerks in die drei Dimensionen des anvisierten Ortes Chaos, Destruktion und Verrückung herrschen, eine Verrückung wohlgemerkt, die stets in einer verblüffenden Harmonie hinsichtlich ihrer Raumdisposition und Struktur aufgeht. Während Zersplitterung und Zerstörung die Oberflächenessenz dieses Werkkomplexes ausmachen, verfügt der Künstler offenbar über ein stupendes Gefühl für Proportionen – und eine Neigung, auch im Chaos proportionale Harmonie darzustellen.

Die Galerie Sfeir-Semler arbeitet seit mehreren Jahren erfolgreich im Nahen Osten mit einer Niederlassung in Beirut, wo auch schon Beispiele der jüngsten Produktion Felix Schramms zu sehen waren. Während man in Hamburg allenfalls darüber nachdenkt, warum immer mehr Galeristen diesem Standort den Rücken zuwenden und sich zumindest Schauräume in Berlin zulegen, drängt sich im Falle Felix Schramms in Beirut eine ganz andere Frage auf: In dem Dauerchaos der libanesischen Hauptstadt hat eine den Raum komplett besetzende Intervention dieser Art gewiss eine gänzlich andere Wirkung als in Hamburg. In einem Umfeld voller Bürgerkriegsspuren ist Zerstörung und Kollaps einerseits alltäglich; andererseits könnte man in einer solchen Aktion an einem vom Krieg gebeutelten Ort eben mehr vermuten als die Einmischung eines Künstlers in einen Raum: nämlich auch einen dezidierten Kommentar zum herrschenden politischen Alltag und zur Absurdität der allgemeinen Gegebenheiten. Umgekehrt wird aus dieser Feststellung eine bislang unbeantwortete Frage an den Künstler Felix Schramm: Was genau ist von einer Skulptur voller splitternder Oberflächen zu halten, die sich zu ihrem politischen Kontext neutral zu verhalten scheint? Ist ein solches Wechselbad aus Zerbrechlichkeit und Ruinenromantik, Dekonstruktion und meisterhaftem Umgang mit Raum- und Proportionsfragen einfach nur l’art pour l’art? Absorbiert es Streiflichter der aktuellen Weltlage oder ignoriert es sie? Wie viel Problembewusstsein hat diese Kunst für anderes als sich selbst? Um diese Frage beantworten zu können, darf man gespannt abwarten, welchem Ort die nächste Intervention von Felix Schramm gelten wird.


Reiner Wucher von Jens Hinrichsen
Der diesjährige Piepenbrock-Förderpreisträger Felix Schramm verbreitet Angst und Lust im Hamburger Bahnhof in Berlin.


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